Veränderung. - Kant, Herbart, Lotze...

Nach KANT setzt jede Veränderung die Identität eines Subjekts voraus, welchem die Bestimmungen einander folgen (De mund. sens. sct. I, § 2). »Veränderung ist Verbindung kontradiktorisch einander entgegengesetzter Bestimmungen im Dasein eines und desselben Dinges« (Krit. d. rein. Vern. S. 219). »Veränderung ist eine Art zu existieren, welche auf eine andere Art zu existieren eben desselben Gegenstandes erfolget. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend, und nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen trifft, die aufhören oder auch anheben können, so können wir, an einem etwas paradox. scheinenden Ausdruck, sagen: nur das Beharrliche (die Substanz.) wird verändert, das Wandelbare erleidet keine Veränderung, sondern einen Wechsel, da einige Bestimmungen aufhören und andere anheben.« »Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden, und das Entstehen oder Vergehen, schlechthin, ohne daß es bloß eine Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergange aus einem Zustand in den andern und vom Nichtsein zum Sein möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmung dessen, was bleibt, empirisch erkannt werden können. Nehmet an, daß etwas schlechthin anfange ~u sein, so müßt ihr einen Zeitpunkt haben, in dem es nicht war. Woran wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an demjenigen, was schon ist« (l. c. S. 179). »Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen andern b übergeht, so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes unterschieden und folgt demselben. Ebenso ist auch der zweite Zustand als Realität (in der Erscheinung) vom erstern, darin diese nicht war, wie b Vom Zero unterschieden, d. i. wenn der Zustand b sich auch von dem Zustande a nur der Größe nach unterschiede, so ist die Veränderung ein Entstehen von b - a, welches im vorigen Zustande nicht war und im Ansehen dessen es = 0 ist.« »Es fragt sich also: wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen andern = b Übergehe. Zwischen zween Augenblicken ist immer eine Zeit und zwischen zwei Zuständen in denselben immer ein Unterschied, der eine Größe hat (denn alle Teile der Erscheinungen sind immer wiederum Größen). Also geschieht jeder Übergang aus einem Zustande in den andern in einer Zeit, die zwischen zween Augenblicken enthalten ist, deren der erste den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding herausgeht, der zweite den, in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen der Zeit einer Veränderung, mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden Zuständen, und gehören als solche mit zu der ganzen Veränderung. Nun hat jede Veränderung eine Ursache, welche in der ganzen Zeit, in welcher jene vorgeht, ihre Kausalität beweiset. Also bringt diese Ursache ihre Veränderung nicht plötzlich (auf einmal oder in einem Augenblicke) hervor, sondern in einer Zeit, so daß, wie die Zeit vom Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung in b wächst, auch die Größe der Realität (b - a) durch alle kleinerem Grade, die zwischen dem ersten und letzten enthalten sind, erzeugt wird. Alle Veränderung ist also nur durch eine kontinuierliche Handlung der Kausalität möglich, welche, sofern sie gleichförmig ist, ein Moment heißt. Aus diesen Momenten besteht nicht die Veränderung, sondern wird erzeugt als ihre Wirkung« (l. c. S. 194 f.).

Nach HILLEBRAND sind Entstehen und Vergehen Veränderungen in den inhärierenden Merkmalen der Substanzen (Philos. d. Geist. I, 19). Nach HANUSCH ist Veränderung der »Übergang aus einem Zustande in den andern« (Erfahrungsseelenlehre S. l. vgl. BRANISS, Syst. d. Met. S. 298 ff.. G. BIEDERMANN, Philos. als Begriffswiss. II, 80 ff.).

HERBART findet in dem Begriffe der Veränderung einen Widerspruch (Lehrb. zur Einl.5, S. 188 ff.). Er besteht darin, daß wegen der veränderten Merkmale die Substanz anders, wegen der beharrenden dieselbe Komplexion sein soll. Die »Methode der Beziehungen« (s. d.) löst den Widerspruch auf, indem sie dartut, daß an sich die Substanzen (Realen, B. d.) unveränderlich, beharrend sind, so daß der Veränderung nur ein Wechsel im Eintreten und Aufhören des »Zusammen« der Substanzen zugrunde liegt (Hauptpunkte d. Metaphys. S. 34 ff.. Allgem. Metaphys. II, § 224 ff.). Das wirkliche Geschehen ist die »Übersetzung des Was der Wesen in eine andere und fremde Sprache« (Lehrb. zur Einleit.5, S. 265. vgl. G. HARTENSTEIN, Probl. u. Grundlehr. d. allgem. Met. S. 72 ff., 227 ff.). - L. DILLES erörtert die Schwierigkeiten im Begriff der Veränderung (Weg zur Met. I, 224 ff.). Er kommt zu dem Ergebniss: »Kurz, es gibt im wahren An-sich der Dinge nur ein essentielles Zusammen und Nicht-zusammen, aber keine Zweierleiheit hinsichtlich eines äußern und innern Verhältnisses, weil es kein äußeres Verhältnis schlechthin gibt, da die Dinge nicht außereinander, nicht absolut geschieden, nicht räumlich sind, nicht durch eine leere Ordnung getrennt« (l. c. S. 260 f.).

W. ROSENKRANTZ betont: »Akzidenzen können wechseln, aber nicht sich ändern. Andern kann sich nur dasjenige, was bloß in einer Beziehung ein anderes wird, in anderer Beziehung aber auch im Anderssein noch immer das Nämliche bleibt - also gerade das dem Wechsel nicht Unterworfene, das im Wechsel der Akzidenzen Verharrende - die Substanz« (Wissensch. d. Wiss. I, 241). Nach HAGEMANN ist die Veränderung »der Übergang von einem Sosein zu einem Anderssein. Die Möglichkeit zu diesem Anderssein liegt in den veränderlichen Wesen, und sie wird zur Wirklichkeit entweder durch die eigene Tätigkeit des Wesens oder durch fremde Einwirkung. Ist die Veränderung nicht bloß akzidentiell, nicht allein Übergang einer Substanz in einen andern Zustand, sondern substantiell, so zwar, daß aus der vorhandenen Substanz eine neue wird und somit ein wesentlich anderes Ding entsteht, so nennen wir die Veränderung eine Verwandlung.« »Das Entstehen ist der Übergang vom Nichtdasein zum Dasein aus einem vorhandenen Dasein... Das Vergehen ist der Übergang vom Dasein zum Nichtdasein eines Dinges, aber so, daß ein anderes Ding daraus hervorgeht« (Met.2, S. 45). J. E. FICHTE erklärt: »Jede Veränderung..., wenn sie auch als einfache oder einseitige lediglich an einem Wesen vorgehende erscheinen sollte, ist dennoch nur das Ergebnis von (wenigstens) zwei Faktoren« (Psychol. I, 5). Die wahren Ursachen und Wirkungen nehmen wir nicht wahr (ib.). LOTZE bemerkt: »Wollte man... annehmen, die Qualität a ginge über in eine andere a, die ihr selbst ähnlich bliebe, so würde doch diese Ähnlichkeit beider immer bloß eine Vergleichungsbeziehung sein, welche für ein Bewußtsein Bedeutung hat, das a und a in Vergleichung bringt. das a selbst aber wurde doch immer etwas anderes als a und nicht dasselbe sein. Gerade so nämlich, wie zwei gleiche Dinge A Und A deswegen doch nicht ein Ding sind, so würden zwei ähnliche Qualitäten a und a durch diese Ähnlichkeit noch in gar keinen inneren Zusammenhang gesetzt, sondern blieben trotzdem einander so fremd, als hätten sie gleich von Anfang an ganz verschiedenen Stellen der Welt zugleich existiert.« »Es geht also, wenn eine Qualität Verändert gedacht wird, eigentlich sie selber ganz zugrunde, und an ihre Stelle tritt etwas anderes, von dem sich ein sachlicher Zusammenhang mit dem Vorigen gar nicht, sondern nur irgend ein Grad der Verwandtschaft, der Ähnlichkeit oder des Gegensatzes angeben läßt. Dies ist schon von Aristoteles bemerkt worden: Qualitäten sind unveränderlich und können deswegen nicht Dinge sein, von denen wir Veränderlichkeit, d.h. Fortdauern im Anderswerden, verlangen« (Grdz. d. Metaphys. S. 23). Nach HODGSON ist Veränderung (change) »different feeling replacing one another in time« (Philos. of Reflect. II, 7). SCHUPPE erklärt: »Zum Begriffe der Qualitätsveränderung gehört es, daß eine Qualität verschwinden kann, ohne noch irgendwo im Raum zu sein, also ohne ihren Ort verändert zu haben, und daß eine Qualität plötzlich wahrnehmbar werden kann, ohne vorher schon irgendwo existiert, also auch ohne ihren Ort verändert zu haben... Das Woher der auftretenden und das Wohin der verschwindenden Qualität beantwortet sich durch das Gesetz, nach welchem unter gegebenen Umständen an Stelle dieser Qualität nur jene andere treten kann« (Log. S. 115). REHMKE unterscheidet ewiges und zeitliches Unveränderliches und Veränderliches (Allgem. Psychol. S. 7 ff.). Nach SIGWART entspringt die Vorstellung der Veränderung der Dinge »aus dem Bedürfnis der Zusammenfassung des kontinuierlich an demselben Orte Geschehenden zu innerer Einheit« (Log. II2, 114). Nach J. SOCOLIU ist alles Geschehen »entweder Differenzierung einer Einheit in eine Mannigfaltigkeit relativ individueller Tatsachen, oder aber es spielt sich zwischen solchen verwandtschaftlichen Tatsachen ab. In dem einen wie dem andern Falle hat es die Bestimmung, eine gewisse, verlustig gegangene Einheit wieder herzustellen«, ein Ziel, das niemals vollkommen erreicht wird, so daß die Weltentwicklung ohne Anfang und Abschluß ist, »ein endloses Entrollen immer vollkommener durchgeführter Vereinheitlichungen der Welt« (Grundprobl. d. Philos. S. XV). Nach HUME, SPENCER (Psychol. I), BAIN (Sens. and Intell.3, p. 321) u. a. ist die gefühlte Veränderung eine Grundbedingung alles Bewußtseins (vgl. dagegen FOUILLÉE, L'évolut. des id.-forc. p. 30 ff.. BALDWIN, Handb. of Psychol. I, 59 ff.. vgl. G. VILLA, Einl. in d. Psychol. S. 368: »Das Bewußtsein ist zwar eine Aufeinanderfolge von Veränderungen..., aber es ist auch eine Energie, welche jenen Veränderungen selbst gerade die Entstehung gibt«). - Nach EBBINGHAUS ist die Veränderung Objekt einer unmittelbaren Anschauung. Sie hat Umfang und Richtung, Dauer und Geschwindigkeit (Gr. d. Psychol. I, 472 ff.. vgl. L. W. STERN, Psychol. d. Veränderungsauffass. 1898).

Nach R. AVENARIUS sind die »E-Werte« (s. d.) abhängig veränderliche in Beziehung zu (relativ) unabhängig veränderlichen Umgebungsbestandteilen (Krit. d. rein. Erfahr. I, 25 ff., 52). - Vgl. H. COHEN, Log. S. 187 ff. - Vgl. Werden, Evolution.


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