Trieb

 

Trieb ist ein Willensimpuls, der durch gefühlsbetonte Empfindungen oder Vorstellungen unmittelbar, ohne Reflexion, ohne bestimmtes Zweckbewußtsein, aber doch zielstrebig, d.h. auf Befriedigung eines bestimmten Bedürfnisses, auf Entfernung einer Unlust oder Erreichung einer Lust, ausgelöst wird und sich in Bewegungen entlädt, deren Zweckmäßigkeit teils ursprünglich-reflektorischer Art (gattungsmäßig erworben), teils erst individuell-erfahrungsgemäß erworben ist. Triebhandlung ist eine einfache Willenshandlung, eine solche, die durch ein einziges Motiv (s. d.) unmittelbar, mit organisch-psychischer Nötigung, hervorgerufen wird. Primär sind jene Triebe, welche auf ursprünglich-organischen (psychophysischen) Dispositionen beruhen. sekundär jene, welche durch »Mechanisierung« (s. d.) von Willkürhandlungen entstehen. Der Trieb hat von Anfang an einen bestimmten Inhalt, eine bestimmte Tendenz, aber die Bestimmtheit in bezug auf seine Objekte entsteht erst durch Erfahrung, Assoziation. Der Trieb ist nichts absolut Einfaches, sondern enthält als Momente Empfindung (bezw., später, Vorstellung), Gefühl (Affekt) und Streben. er ist so, phylo- und ontogenetisch der Ausgangspunkt alles Wollens und Handelns. Es lassen sich materiale und funktionelle Triebe (s. Bedürfnis), Selbsterhaltungs- und Gattungstriebe, sinnliche und geistige Triebe unterscheiden.

Der Trieb wird bald als ein primärer Bewußtseinszustand betrachtet, bald auf Gefühle und Empfindungen (Vorstellungen) zurückgeführt oder aus Reflexbewegungen (s. d.) abgeleitet.

Von Naturtrieben (hormê), »prima naturae, principia naturalia« ist schon bei den Stoikern die Rede (Cicer., De offic. I, 4). - AUGUSTINUS Unterscheidet sinnliche und intellektuelle Triebe (De gen. ad litt. X, 12). Die Scholastiker betrachten den Trieb als natürliches, niederes, sinnliches Begehren (s. d. u. Streben). - Über den Begriff des »conatus« bei HOBBES, SPINOZA u. a. vgl. Erhaltung, Streben (vgl. auch Instinkt). - Nach CRUSIUS ist der Trieb ein »fortdauerndes Bestreben eines Willens« (Vernunftwahrh. § 447). Der Mensch hat drei Grundtriebe: Vervollkommnungstrieb, Liebestrieb, Gewissenstrieb (Weg zur Gewißh. 1747). Nach PLATNER ist der Trieb ein »Zweck eines lebendigen Wesens, inwiefern es sich denselben war lebhaft, jedoch undeutlich vorstellt« (Philos. Aphor. II, § 41). Vgl. FEDER, Log. u. Met. S. 324. - Nach SCHILLER sind Triebe »die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt« (Ästhet. Erzieh. 8. Br.). Die Grundtriebe sind der Erkenntnis- (Vorstellungs-) und der Selbsterhaltungstrieb (Vom Erhabenen, S. 10. vgl. Spiel).

Ähnlich wie KANT (Anthropol.) erklärt E. SCHMID den Trieb als »die innere und fortdauernde Bedingung des wirklichen Begehrens oder der Äußerung des Begehrungsvermögens« (Empir. Psychol. S. 385 f.). »Trieb ist der Instinkt in bezug auf alles, was mit ihm äußerlich verbunden werden kann« (l. c. S. 387). Die begehrende Kraft hat zwei Grundtriebe: »1) einen Trieb nach Vermehrung und Belebung des Stoffes, welchen das Vorstellungsvermögen leidentlich aufnimmt«, »2) einen Trieb nach höherer und vollkommnerer Bearbeitung dieses Stoffes durch die Selbsttätigkeit des Vorstellungsvermögens« (l. c. S. 388 f.). Der Stofftrieb ist »Trieb nach rohem Stoff« und »Trieb nach verarbeitetem Stoff«. Den Stoff streben wir zu erhalten, zu beleben, zu vermehren (l. c. S. 392). Nach KRUG ist der Trieb »eine allgemeine innere Bedingung des Strebens, vermöge deren das Gemüt durch das Gefühl der Lust und Unlust zu gewissen Arten der Tätigkeit angereizt wird« (Fundamentalphilos. S. 170. Handb. d. Philos. I, 59 f.. vgl. FRIES, Anthropol.. SALAT, Lehrb. d. höher. Seelenkunde S. 231 ff.). G. E. SCHULZE definiert: »Dasjenige Begehren, wozu ein fortdauernder Grund in dem begehrenden Wesen vorhanden ist, heißt ein Trieb« (Psychol. Anthropol. S. 411). Nach BOUTERWEK ist der Trieb ein »Grundprinzip des Lebens« (Apodikt. II, 71 ff.. vgl. F. A. CARUS, Psychol. I, 293 ff.). Nach JACOBI ist der Trieb das »allein aus der Quelle Wissende« (WW. III, 214). Der Trieb macht das Wesen des Einzelwesens aus (l. c. IV, 17 f.). Nach LICHTENFELS ist der (psychische) Trieb ein »ursprüngliches psychisches Streben« (Gr d. Psychol. S. 15). Nach HEINROTH ist die Seele, das Selbst ursprünglich ein Trieb (Psychol. S. 46 ff.). Der Trieb enthält Kraft und Bedürfnis (l. c. S. 63 ff.). - Nach J. G. FICHTE ist der sinnliche Trieb die Sinnlichkeit, sofern sie durch Spontaneität bestimmbar ist, sich auf den Willen bestimmt (Vers. ein. Krit. all. Offenbar. S. 9, 17). Trieb ist »ein sich selbst produzierendes Streben,... das festgesetzt, bestimmt, etwas Gewisses ist« (Gr. d. g. Wissensch. S. 278). Der Trieb ist im Ich gegründet, dem das Nicht-Ich entgegenstrebt: er geht auf Kausalität aus, hat aber selbst keine, ist von ihr frei (ib.). Durch den »Vorstellungstrieb« wird das Ich (s. d.) zur Intelligenz (l. c. S. 288 ff.). In der Natur besteht ein »Trieb zur Organisation« (Syst. d. Sittenlehre S. 353). - Nach J. J. WAGNER sind die Triebe Bestrebungen zu nach außen gerichteten Affekten (Organ. d. menschl. Erk. S. 297). Nach SUABEDISSEN gehen die Begehrungen und Bestrebungen des leiblichen Lebens alle aus dem »ursprünglichen leiblichen Lebenstriebe« hervor. Die drei Grundtriebe sind: der (organische) Bildungstrieb, der Trieb nach Bewegung, der Trieb nach angenehmen Empfindungen (Grdz. d. Lehre von d. Mensch. S. 77 f.). Nach ESCHENMAYER ist Trieb »alles, was als innere Nötigung und Aufforderung in uns vorkommt« (Psychol. S. 44). »Das freie Prinzip der Seele, und zwar in der Richtung, die wir seine Willensseite nennen, wenn es noch von den Naturgewalten umfangen, von den organischen Kräften noch gefesselt ist, äußert sich als Trieb« (l. c. S. 44 f.). Drei echte Naturtriebe gibt es: Bildungstrieb, Selbsterhaltungstrieb, Geschlechtstrieb. bei den Tieren kommt noch der Kunsttrieb hinzu (l. c. S. 45. vgl. WEISS, Wesen u. Wirken d. Seele: Gegensatz von Sinn und Trieb). - CHR KRAUSE erklärt: »Jedes Wesen... ist, als urwesentlich, auf ewige Weise in einem Urtriebe bestrebt und wirkt als eine Urkraft seiner Art, alles sein Ewigwesentliches an seinem Bleibenden in der Zeit als ein Leben zu gestalten«.(Urb. d. Menschh.3, S. 330). - Einen Trieb schreibt SCHOPENHAUER allen Dingen zu (vgl. Wille). - Nach HEGEL ist der Trieb die Tätigkeit, den Mangel des Bedürfnisses, d.h. dessen bloße Subjektivität, aufzuheben (Naturphilos. S. 607). Nach K. ROSENKRANZ ist der Trieb die »zur Selbstentfaltung strebende Natur des lebendigen Subjekts«. Der Trieb ist »Lebenstrieb« (Selbsterhaltungs- und Nahrungstrieb, Geschlechtstrieb), »Trieb der Intelligenz« (Erkenntnistrieb, Trieb des Wollens und Handelns) (Psychol.3, S. 419). Nach J. E. ERDMANN ist der Trieb »der Wille, als das Bestreben, sich durch Negation des Reizes zu affirmieren« (Grundr. § 132). Nach SCHALLER ist er das Streben des Selbstgefühles, den ihm widersprechenden Zustand aufzuheben (Psychol. I, 266 ff.). nach MICHELET das »tätige, aufs Objekt einwirkende Gefühl, welches die Lust in der Negation des Objekts sucht und damit gegen dasselbe angetrieben wird« (Anthropol. S. 467. vgl. G. BIEDERMANN, Philos. als Begriffswiss. I, 254. G. W. GERLACH, Hauptmom. d. Philos. S. 137 ff.). - Nach BENEKE wurzelt jeder Trieb in einem bestimmten »Urvermögen« der Seele oder in Massen solcher (Lehrb. d. Psychol. 3, § 25). - Nach L. FEUERBACH ist der »Glückseligkeitstrieb« der »Trieb der Triebe«. »Jeder Trieb ist ein anonymer, weil nur nach dem Gegenstand, worin der Mensch sein Glück setzt, benannter Glückseligkeitstrieb« (WW. X, 60).

 


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