Transzendent

Transzendent (transscendent, transcendens) heißt »übersteigend« und hat jetzt zweierlei Bedeutung: 1) die Erfahrung übersteigend, über alle Erfahrung hinaus, jenseits aller Erfahrung, unerfahrbar, aus dem Rahmen jeder objektiv-empirischen Erkenntnis herausfallend. transzendent ist also ein Begriff, der auf ein über die Erfahrung hinaus Liegendes geht, z.B. der Begriff des Universalgeistes, Weltwillens. Ob es eine transzendente Erkenntnis (indirekt) gibt, ist Problem der Erkenntnistheorie. Das Transzendente läßt sich jedenfalls nicht, wie der Begriff ja sagt, empirisch erfassen, erleben, aber es läßt sich vielleicht mit Berechtigung hinter dem Immanenten (durch einen Grenzbegriff) ein Transzendentes setzen, voraussetzen, »meinen« (s. d.), als »transzendenter Faktor« des empirisch - immanent Gegebenen (s. Objekt, Ding, Kategorien). 2) Transzendent bedeutet auch: bewußtseinstranscendent, d.h. alles, was nicht in das Bewußtsein des Erkennenden fällt, so das fremde Bewußtsein oder frühere Bewußtseinserlebnisse, aber auch die nicht eben erfahrenen, wahrgenommenen Objekte, die in diesem Sinne bewußtseinstranscendent, aber erfahrungsimmanent sind. - Im metaphysischen Sinne bedeutet »transzendent« das Verhältnis Gottes als eines Überweltlichen, Außerweltlichen zur Welt (s. Gott). »Transcendere« im erkenntnistheoretisch- metaphysischen Sinne schon bei HERENNIUS (haper physeôs hyperêtai, vgl. Eucken, Termin. B. 183), BOËTHIUS: »Ratio autem hanc (den Gegenstand der Imagination) quoque transcendit, quae speciem quae singularibus inest, universali consideratione pependit« (De consol. philos. V), AUGUSTINUS (»transcende et te ipsum«, De vera relig. 72), SCOTUS ERIUGENA (im Sinne des Überragens über die Natur): »Solus namque Deus in ipsis apparebit, quando terminos suae naturae transcendent non ut in eis natura, sed ut in eis solus appareat, qui solus vere est. Et hoc est naturam transcendere, naturam non apparere« (De div. nat. I, 42). Bei den Scholastikern bedeutet »transcendere« das Die-Vernunft-übersteigen theologischer Begriffe. So ist nach THOMAS die »sacra doctrina« »de his, quae sua altitudine rationem transcendunt« (Sum. th. I, 1, 5. vgl. Contr. gent. I, 3. III, 61). »Incorporalium non sunt aliqua phantasmata, quia imaginatio tempus et continuum non transcendit« (Sum. th. I, 84, 7). »Transcendens« wird bei den Scholastikern auch im Sinne von »transcendentalis« (s. d.) gebraucht.

NICOLAUS CUSANUS bemerkt: »Hoc autem nostrum intellectum transcendit, qui nequit contradictoria in suo principio combinare via rationis« (De doct. ignor. I, 4). »Ad hoc ductus sum, ut incomprehensibilia... amplecterer in docta ignorantia per transcensum veritatum incorruptibilium humaniter scibilium« (l. c. III, 12). REUCHLIN sagt von Gott, daß er »omnem nostrum intellectum transcendit« (De arte cabbal. I, f. 21 b). BERKELEY erklärt: »God is a being of transzendent and unlimited perfections« (Hyl. u. Philon. III).

Bei KANT erhält der Transzendenz-Begriff die Bedeutung des Überschreitens aller (möglichen) Erfahrung. »Wir wollen die Grundsätze, deren Anwendung sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung hält, immanente, diejenigen aber, welche diese Grenzen überfliegen sollen, transzendente Grundsätze nennen« (Krit. d. rein. Vern. S. 262). Indem die Vernunftbegriffe (s. d.) »auf die Vollständigkeit, d i. die kollektive Einheit der ganzen möglichen Erfahrung hinausgehen, überschreiten sie jede gegebene Erfahrung und werden transcendent« (Prolegom. § 40). Transcendent sind alle metaphysischen Begriffe von Gott, Seele, Unsterblichkeit u.s.w. Transzendente Erkenntnis ist nicht möglich (s. Erfahrung, Erkenntnis, Objekt, Ding an sich, Erscheinung, Phänomen).

J. G. FICHTE versteht unter dem Transzendenten alles, was außerhalb des Ich (s. d.) liegen soll. So auch SCHELLING (in der ersten Periode): Transcendent ist die Behauptung, die »das Ich überfliegen will« (Vom Ich, S. 113). - HERBART erklärt: »Mit welchem Rechte überschreiten wir den Kreis der Erfahrung?« »Die Antwort ist: mit dem Rechte, welches die Erfahrung selbst uns gibt, indem sie uns dazu zwingt« (Lehrb. zur Einl.5, § 157, S. 192). - Nach HERMES bildet unser Denken nicht die vorausgesetzten Objekte ab, diese werden nicht Inhalt des Begriffes, sondern wir denken sie als seiend (Einl. I, 430 ff.. vgl. ÜBERWEG unter »Objekt«). Nach G. SPICKER ist Transzendenzfähigkeit die »Anlage der Vernunft, in Gestalt von Schlußfolgerungen die sinnlichen Wahrnehmungen überschreiten zu können« (Vers. ein. neuen Gottesbegr. S. 105). VOLKELT nennt »transSubjektiv« »alles, was es außerhalb meiner eigenen Bewußtseinsvorgänge geben mag« (Erfahr. u. Denk. S. 42). Dieses wird durch das Gedachtwerden nicht »immanent«. »Indem das Denken transsubjektiv gültige Bestimmungen ausspricht, zieht es ja nicht das Transsubjektive in seinen Bereich herein. es fordert nur, daß seine subjektiven Verknüpfungen für das Transsubjektive gelten... Das Denken bleibt also beim Erkennen des Transsubjektiven durchaus in und bei sich selbst, und ebenso bleibt das Transsubjektive dort, wo es ist« (Erfahr. u. Denk. S. 188). Nach B. ERDMANN ist der Gegenstand, von dem die Wirklichkeit ausgesagt wird, das Transzendente, das als die Seinsgrundlage des Vorgestellten vorausgesetzt wird, sich in diesem darstellt (Log. I, 83). Ähnlich lehrt UPHUES. Er unterscheidet ein Transzendentes an sich (Natur, Körperwelt) und ein Transzendentes für uns, die Bewußtseinsvorgänge fremder Bewußtseine (Psychol. d. Erk. I, 7. vgl. S. 151). Das Transzendente ist das »Jenseits des Bewußtseins«, der Gegensatz zum Bewußtsein, was in diesem zum »Ausdruck« gelangt (l. c. S. 66). »Bewußtsein der Transzendenz« ist ein »Bewußtseinsvorgang, in dem wir uns das, was für ihn transzendent ist, vergegenwärtigen« (Das Bewußts. d. Transcend., Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. 21. Bd., S. 455). Die Vorstellungen vertreten das Transzendente (l. c. S. 470 ff.. s. Objekt). Nach H. SCHWARZ ist das Gerichtetsein der Wahrnehmung auf das Transzendente eine psychologische Tatsache (Was will d. krit. Realism.2, 1894, S. 5 ff.). - Nach E. KOENIG ist das »relativ Transzendente« das »TransSubjektive«, das vom psychophysischen Subjekt Unabhängige, in die objektive Sphäre des Bewußtseins Fallende, den Inhalt des allgemeinen Bewußtseins Bildende (Üb. d. letzt. Frag. d. Erk., Zeitschr. f. Philos. 103. Bd. S. 41 ff.). Die Transzendenz ist schließlich nur ein inadäquater Ausdruck für die Incongruenz zwischen dem tatsächlichen Inhalt und dem Ideal der Erkenntnis (l. c. S. 59). Nach H. RICKERT ist transzendent ein Sein, »von dem die Bestimmung, Bewußtseinsinhalt zu sein, verneint wird« (Der Gegenst. d. Erk. S. 19). Es ist eigentlich ein Wert, ein Sollen, auf das, als Norm des Erkennens, erst das urteilende Bewußtsein hinweist, nicht die Vorstellung (l. c. S. 86 ff.). - M. KEIBEL definiert: »Transcendent ist das, was existiert, ohne als Wahrnehmung, Vorstellung oder Begriff gegeben zu sein« (Wert u. Urspr. d. philos. Transcend. S. 2). »Wir gelangen zur Transzendenz, indem wir die stets gegebenen Beziehungen des Objekts zum Subjekt übersehen« (l. c. S. 52). Nach SCHUBERT-SOLDERN ist transzendent »alles, was über das Bewußtsein oder das Bewußtwerden hinausgeht«. Es gibt eine zweifache »Transzendenz«, »je nachdem man behauptet, daß eine nicht vorhandene Seinsart gegeben sei, oder daß etwas in keiner Beziehung zum Ich gegeben sei« (Gr. ein. Erk. S. 5, 11, 29). - Nach WUNDT ist die Vernunft (s. d.) die Quelle der Transzendenz. Der Trieb nach Einheit und unbegrenzter Verbindung des Gegebenen mit seinen Voraussetzungen führt über die Erfahrung (aber in deren eigener Richtung) hinaus. Die unbedingte Forderung der Anwendung des Satzes vom Grunde (s. d.) nötigt, »jedesmal für gewisse Anfangs- und Endpunkte der Erfahrungsreihen die zugehörigen Glieder außerhalb der wirklichen Erfahrung zu suchen«. So erzeugt die Vernunft Ideen (s. d.), die »alle Erfahrungen umspannen und doch keiner Erfahrung angehören«. Da die Beziehungen nach Grund und Folge die Gliederung eines Ganzen in seine Teile voraussetzen, so verbindet sich »die Idee eines unbegrenzten Fortschrittes, die den Zusammenhang des Wirklichen über alle gegebenen Grenzen hinaus fortzusetzen gebietet mit der weiteren Idee einer Totalität alles Seins, in der dieser Fortschritt vollendet gedacht wird, obgleich er in seinen einzelnen Bestimmungen doch niemals vollendbar ist« (Syst. d. Philos.2, S. 180 ff.). Die Vernunft führt so zu zwei Arten der Transzendenz, zu denen schon die Mathematik das Vorbild gibt: zum Real- und zum Imaginär- Transzendente. »Das erstere beruht bloß auf der Unendlichkeit des Fortschritts im Denken, wobei aber die von diesem ausgeführten Verknüpfungen immer dieselbe Form beibehalten, die ihnen innerhalb des Fortschritts der Erfahrung bereits zukam. Bei der zweiten, der imaginären Transzendenz dagegen führt jener Fortschritt zu neuen Begriffsbildungen, die sich von Anfang an durch ihre qualitativen Eigenschaften von den verwandten realen Begriffen, aus deren Weiterentwicklung sie hervorgegangen sind, unterscheiden. Bleibt hiernach der unendliche Fortschritt im ersten Fall ein rein quantitativer, so wird er im zweiten zum qualitativen. Auf diese Weise erschöpfen beide Arten der Transzendenz die denkbaren Formen der Unendlichkeit, die quantitative und die qualitative. Aber die erste beschränkt sich zugleich auf die Konstruktion einer nicht gegebenen Wirklichkeit, die zweite führt zu einer bloßen Denkmöglichkeit« (l. c. S. 182 ff.. vgl. Idee). Vgl. A. MEINONG, Üb. Annahm. S. 93 ff. Vgl. Ding, Objekt, Immanent, Kategorien, Realismus, Transzendente Faktoren, Gott, Transzendental.


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