Temperament

 

Temperament (tempero, mische. krasis) bedeutet eine typische Gemütsdisposition in bezug auf Qualität, Intensität, Beweglichkeit des Gemütslebens, der Affekte und Handlungsbereitschaft.

Schon EMPEDOKLES lehrt die Abhängigkeit der Erkenntnisschärfe von der Mischungsweise des Blutes (Theophr., De sens. 11, Dox. 502). Begründer der Temperamentenlehre ist HIPPOKRATES (De nat. hom. 4). Nach ihm bestehen die Temperamente in Mischungsweisen der vier »Säfte« (humores) bezw. Qualitäten. je nach dem Überwiegen eines dieser Säfte oder einer Säftecombination ist die Gemütsart verschieden (s. unten bei Galen). Mischungsverhältnisse der Elemente (s. d.) zieht PLATO zur Erklärung von geistigen Eigenschaften heran (Tim. 86 A. Sympos. 188 A. Polit. 306 squ.. Republ. III, 411). Auf die Temperamentenlehre beziehen sich mehrfach ARISTOTELES (De part. an. I, 1 squ.. Problem. 30, l), ferner die Stoiker (SENECA, De ira II, 18 squ.), LUCREZ (De rer. nat. III, 288 squ.), PLUTARCH (Quaest. nat. 26), THEMISTIUS u. a. - Die Lehre des Hippokrates bildet GALEN aus. Gelbe Galle (cholê, »calidum siccum«), schwarze Galle (melaina cholê, »frigidum siccum«), Schleim (phlegma, »frigidum humidum«), Blut (»sanguis«, »calidum humidum«) und binäre Kombinationen bedingen acht bis zwölf Temperamente (Intemperamente, dyskrasiai. dazu die eukrasia), von denen besonders einseitig sind das cholerische, melancholische, phlegmatische, sanguinische Temperament (vgl. De temp. I, 5. 8. II, 609. IX, 331. vgl. SIEBECK, G. d. Psychol. I 2, 284. VOLKMANN, Lehrb. d. Psychol. I 4, 208). - Diese Lehre findet sich auch im Mittelalter, so bei dem Byzantiner JOHANNES (De spir. I, 14. 17), bei den »lauteren Brüdern«, AVICENNA, AVERROËS u. a. Später auch bei MELANCHTHON, nach welchem das Temperament »congenita qualitatum primarum inter se convenientia vel excessus« ist (vgl. De an. f. 116 ff.. vgl. MICRAELIUS, Lex. philos. p.1057 f.. WALCH, Philos. Lex.. BUDDEUS, Histor. doctr. de temp.). Anstatt der »Säfte« zieht PARACELSUS die Prinzipien Salz, Schwefel, Mercur heran (vgl. CHR. THOMASIUS, Ausüb. d. Sittenlehre C. 7). Vier Temperamente unterscheidet J. BÖHME. Nach STAHL beruhen die Temperamente auf dem Verhältnis der festen zu den flüssigen Teilen des Leibes (sanguinisches, cholerisches, phlegmatisches, melancholisches Temperament. De temper.). so auch FR. HOFMANN, RÜDIGER (Phys. div. I, 3, sct. 6 f.) u. a. Nach ROHR ist Temperament »eine Vermischung des Geblütes und der übrigen flüssigen Teile in dem menschlichen Körper, vermöge dessen nicht allein unterschiedene natürliche Wirkungen in unserem Leibe, sondern auch moralische in der Seele gezeugt werden« (Unterr. von d. Kunst, das menschl. Gemüt zu erforschen, 1714. Dessoir, G. d. n. Ps. I2, 479). HALLER leitet die vier Temperamente aus der Stärke und Reizbarkeit der Nervenfibern ab (Elem. physiol. II, 5, sct. 2). Nach HOLBACH ist das Temperament des Menschen, »l'état habituel où se trouvent les fluides et les solides dont son corps est composé« (Syst. de la nat. I, ch. 9, p. 121). Nach FEDER gibt es sechs Temperamente (Üb. d. menschl. Will. II). Eine neue Temperamentenlehre stellt PLATNER auf. Problem der, »psychologischen Temperamentenlehre« ist: »Wie entstehen aus den materiellen Verschiedenheiten des ersten Seelenorgans und aus seinen verschiedener Verhältnissen mit dem andern die verschiedenen Richtungen und Grade des Erkenntnis- und Willensvermögens« (Philos. Aphor. II, § 579). Vom Willensvermögen sind die Verschiedenheiten des Erkenntnisvermögens größtenteils abhängig (l. c. § 580). Im Menschen mischt sich Geistiges und Körperliches (Tierisches) in verschiedenen Verhältnissen: »Viel geistige Kraft, wenig tierische. wenig geistige, viel tierische. viel geistige und viel tierische zugleich. wenig geistige und wenig tierische Kraft.« Daraus entstehen vierlei Haupt-Temperamente, »Hauptbestimmungen der menschlichen Natur« (l. c. § 586 f.).

Diese sind: Das attische (geistige), lydische (tierische), römische (heroische), phrygische (kraftlose). Außer Stärke und Schwäche sind Lebhaftigkeit, Leichtigkeit, Geschwindigkeit wichtig, und so entstehen Unterarten von Temperamenten (l. c. § 590 ff.).

KANT unterscheidet Temperamente des Gefühls und der Tätigkeit, deren jedes mit Erregbarkeit (intensio) oder Abspannung (remissio) der Lebenskraft verbunden ist, so daß daraus die vier bekannten Temperamente resultieren (Anthropol, II, § 87. vgl. WW. IV, 415 ff.). »Physiologisch betrachtet versteht man, wenn vom Temperament die Rede ist, die körperliche Konstitution (den schwachen oder starken Bau) und Komplexion.« »Psychologisch aber erwogen, d. i. als Temperament der Seele (Gefühls- und Begehrungsvermögens), werden jene von der Blutbeschaffenheit entlehnten Ausdrücke nur als nach der Analogie des Spiels der Gefühle und Begierden mit körperlichen bewegenden Ursachen (worunter das Blut die vornehmste ist) vorgestellt« (Anthropol. II, § 87). Ähnlich lehren JAKOB (Erfahrungsseelenl. § 299), FRIES (Psych. Anthropol. § 64) u. a. - Auf der Gemütsdisposition beruht das Temperament nach DIRKSEN (Üb. d. Temperam. 1804), BIUNDE (Empir. Psychol. II, 120. Betonung des Moments der Reizbarkeit, l. c. S. 122 f.), E. REINHOLD (Psychol. S. 271), nach welchem Temperament ist »die von gewissen Beschaffenheiten der leiblichen Komplexion und Konstitution abhängige Art und Weise, wie unmittelbar das Gemüt und demnach mittelbar der Wille und die Tatkraft zur Erregbarkeit und zum Festhalten der aus der Anregung entstandenen Wirkung geeignet sind,« ferner LINDEMANN, ESSER (Psychol.) u. a. (dagegen J. F. FLEMMING, Beitr. zur Philos. d. Seele, 1830, I, 149). - Nach HEINROTH beruhen die Temperamente auf dem Überwiegen des lymphatischen, venös-biliösen, arteriellen, venösen Blutes (kaltblütiges, schwerblütiges, leichtblütiges, warmblütiges Temperament) (Anthropol. S. 135. Psychol. S. 262 ff.). So auch LICHTENFELS, nach welchem Temperament ist »der gemeinsame (beharrliche) psychische Ausdruck (Typus) aller Bestrebungen, Gefühle und Vorstellungen eines und desselben Individuums« (Gr. d. Psychol. S. 23), das »permanente Verhältnis der psychischen Spontaneität und Rezeptivität des Individuums« (l. c. S. 24).

 


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