Sprache - Moderne II

Nach WUNDT liegt der Sprachursprung im Triebe des Menschen, seine Vorstellungen und Gefühle zu äußern (Essays, S. 301). Die Sprache ist »Gedankenäußerung durch artikulierte Bewegungen« (l. c. S. 259), äußere Willenshandlung, Ausdrucksmittel zunächst der psychologischen Gesetze des Denkens. (l. c. S. 276 ff.). »Der Wille einzelner hat mächtig an ihr gearbeitet. aber als Ganzes ist sie die Schöpfung eines Gesamtwillens, der durch sie die einzelnen zu seinen Werkzeugen macht« (l. c. S. 285). Sprache und Denken sind immer gleichzeitig gewesen (Völkerpsychol. I 2, 605). Durch die Sprache wird erst eine geistige Gemeinschaft möglich (Gr. d. Psychol.5, S. 361). Die Lautsprache ist ein Spezialfall der Gebärdensprache überhaupt. Bei dieser werden die Gefühle im allgemeinen durch mimische, die Vorstellungen durch pantomimische Zeichen ausgedrückt, »indem mit dem Finger entweder auf die Vorstellungsobjekte hingewiesen oder ein ungefähres Bild der Vorstellung in der Luft gezeichnet wird: hinweisende und darstellende Gebärden« (l. c. S. 362). Die Lautgebärden mußten infolge ihrer leichteren Wahrnehmbarkeit und reicheren Modifizirbarkeit den Vorzug vor den andern Gebärden gewinnen (l. c. S. 362), erst mit Unterstützung dieser, dann selbständig (l. c. S. 363). Die Differenzierung der Lautsprache läßt sich in eine Aufeinanderfolge von zwei Akten zerlegen: »in die in der Form triebartiger Willenshandlungen von den einzelnen Mitgliedern einer Gemeinschaft erzeugten Ausdrucksbewegungen, von denen diejenigen der Sprachorgane unter dem Einfluß des Strebens nach Mitteilung vor den andern den Vorzug gewinnen, und in die hieran sich anschließenden Assoziationen zwischen Laut und Vorstellung, die sich allmählich befestigen und sich zugleich von ihren anfänglichen Entstehungszentren aus über größere Kreise der redenden Gemeinschaft verbreiten« (l. c. S. 363). Der Lautwandel hat seine physiologische Ursache »in den allmählich in der physischen Veranlagung der Sprachorgane eintretenden Änderungen« (Einfluß des Wechsels der Natur- und Kulturbedingungen, der Übung, der Worte selbst aufeinander). Der Bedeutungswandel beruht »auf allmählich sich vollziehenden Veränderungen in denjenigen Assoziations- und Apperzeptionsbedingungen, welche die bei dem Hören oder Sprechen des Wortes in den Blickpunkt des Bewußtseins tretende Vorstellungskomplikation bestimmen« (l. c. S. 364 f.). Indem viele Wörter schließlich in Zeichen für allgemeine Begriffe und für den Ausdruck der apperzeptiven Funktionen der Beziehung und Vergleichung und ihrer Produkte übergehen, entwickelt sich das abstrakte Denken, »das, weil es ohne den zugrunde liegenden Bedeutungswandel nicht möglich wäre, selbst erst ein Erzeugnis jener psychischen und psychophysischen Wechselwirkungen ist, aus denen sich die Entwicklung der Sprache zusammensetzt« (l. c. S. 365. vgl. Grdz. d. physiol. Psych. II4. Sprachgesch. u. Sprachpsychol., 1901. vgl. DELBRÜCK, Grundfrag. d. Sprachforsch., 1901. H. OERTEL, Lectures on the Study of Language, 1901).

Nach RAVAISSON ist die Sprache nicht (wie CONDILLAC, DE BONALD u. a. glauben) die Ursache der Intelligenz, sondern ein Produkt dieser. Sie ist »ein Spiegel, in welchem unser Denken sich selbst erkennen lernt« (Franz. Philos. S. 215. vgl. die ähnliche Ansicht LEMOINEs). Nach A. MAYER stehen Vernunft und Sprache »in innigem Zusammenhang, ohne da, die eine die andere schafft« (Monist. Erk. S. 47). Nach B. ERDMANN sind Sprache und Denken »die beiden Seiten eines und desselben Vorstellungsvorgangs« (Log. I, 242. vgl. Arch. f. syst. Philos. II, 355 ff.. III, 31 ff.). - Nach NIETZSCHE sind in der Sprache alle Irrtümer verdichtet. Sie ist ihrem Ursprunge nach durchaus fetischistisch, metaphorisch, und so ist unsere Vernunft nichts als »Sprach-Metaphysik« (WW. VII 2, 5, S. 80. VIII 2, 5, S. 30. IX 2, S. 67. X, S. 165 f.). Eine Sprach- als Erkenntniskritik will FR. MAUTHNER geben (Sprache u. Psychol. 1901, S. 32 ff.). Er betont den metaphorischen, anthropomorphen Charakter der Sprache (l. c. S. 35). Sie ist für die Erkenntnis ein Hemmnis (l. c. S. 67 ff.). Sie kann nichts weiter als Vorstellungen erwecken (l. c. S. 98), gibt »Bilder von Bildern von Bildern« (l. c. S. 106). In den Wissenschaften herrscht ein »Wortfetischismus« (l. c. S. 150 ff.). Es gibt aber kein Denken ohne Sprache, es gibt nur Sprechen als Denken (l. c. S. 164 ff.), Denken plus Lautzeichen (L c. S. 211). Die Abstrakta der Sprache haben keine Wirklichkeit, Empfindungen sind die letzten Wirklichkeiten (l. c. S. 285). Die Worte sind »unbrauchbare Werkzeuge« (l. c. S. 332). Begriff und Wort sind so gut wie identisch, »nichts weiter als die Erinnerung oder die Bereitschaft eine Nervenbahn, einer ähnlichen Vorstellung zu dienen« (l. c. S. 410). Philosophie kann nichts weiter sein als »kritische Aufmerksamkeit auf die Sprache« (l. c. S. 648). Befreiung von der Sprache ist höchstes Ziel der Selbstbefreiung (l. c. S. 656 f.). Ohne diesen starken Skeptizismus der Sprache lehrt G. RUNZE auch den metaphorischen, mythenbildenden Charakter der Sprache und betont den Wert derselben für die Philosophie (»Glottophysik«, »Glottologik«, »Glottoethik«) (vgl. Sprache u. Relig. 1889/94. Katech. d. Relig. 1901). - Vgl. BRÉAL, Mél. de mythol. et de linguist., 1878. J. BLEEK, Üb. d. Urspr. d. Sprache, 1868. A. BOLTZ, Die Sprache u. ihr Leben, 1868. J. C. JÄGER, Üb. d. Urspr. d. Sprache. J. WARD, Encycl. Brit. XX, 75 f.. H. PAUL, Prinzip. d. Sprachgesch.3, 1898. RABIER, Psychol. p. 596 ff.. RIBOT, L'évolut. d. idées générales. BOURDON, L'express. des émot. et des tendances dans le langage, 1892. OLTUCZEWSKI, Psychol. u. Philos. d. Spr., 1901. LÜTGENAU, Der Urspr. d. Sprache, 1901. GLOGAU, Psychol. u. Abr. d. philos. Hauptwiss. I, 283 ff.. STRICKER, Stud. üb. d. Sprachvorstell.. R. SOMMER, Zur Psychol. d. Frage, Zeitschr. f. Psychol. 2. Bd., 1891, S. 143 ff.. STÖRRING, Psychopath. S. 110 ff.. BALLET, Die innerliche Sprache, 1890. KUSSMAUL, Stör. d. Spr., 1877. die Arbeiten von WERNICKE, LICHTHEIM, GRASHEY, SOMMER, S. FREUD, A. PICK über Sprachstörungen. SIGWART, Log. I2, 17 f., 25, 30 ff., 46, 313, 321. - Vgl. Aphasie, Denken, Satz, Wort, Name, Wurzel.


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