Soziologie - Marx, Morus, Fourier, Proudhon


 

Der Sozialismus ist die Lehre, daß an Stelle des individuellen Eigentums an den Produktionsmitteln die kollektivistische, gemeinsame wirtschaftliche Produktion und Produktionsverwertung treten solle. »Sozialismus nennen wir eine Gesamtheit von Bestrebungen, die das wirtschaftliche Leben in der Hauptsache zu einer gemeinsam geregelten Tätigkeit des gesellschaftlichen Körpers machen will« (HAUSHOFER, Der mod. Socialism., 1896, S. 3. vgl. J. ST. MILL, Princ. of Polit. Econom. II, 1. ROSCHER, Politik, § 128. L. FELIX, Krit. d. Sociol. S. 15. V. CATHREIN, Der Socialism.5, 1892, S. 3). Vom Kommunismus (s. d.) und der Sozialdemokratie ist der »Staatssozialismus« zu unterscheiden, welcher die Verstaatlichung einer großen Menge von Privatbetrieben fordert. - Sozialistische Ideen schon im Altertum (s. Kommunismus, Rechtsphilosophie). In der Neuzeit treten sie in der Form von »Staatsromanen« auf. So bei TH. MORUS (De optimo reip. statu, deque nova insula Utopia, 1515: Gliederung der Gesellschaft auf Grundlage der Familie, gemeinsame Arbeit, Arbeitspflicht, kein Privateigentum, kein Geld, Religionsfreiheit u.s.w.), CAMPANELLA (Civitas solis, 1620: keine Ehe, kein Privateigentum, Kinderzüchtung, Gütergemeinschaft, kein Handel, Oberpriester als Fürst u.s.w.), F. BACON (Nova Atlantis), J. HARRINGTON (Oceana, 1656), D. VAIRASSE (Histoire des Sevarambes), CABET Voyage en Icarie, 2. A., 1842) u. a. Vgl. R. v. MOHL., Staatswissensch. I, 171 ff. Socialistische Ideen oder Institutionen im Urchristentum, bei einigen Patristikern (s. d.), in christlichen Sekten, bei den Jesuiten in Paraguay (18. Jhrh.). Ferner bei MORELLY (Code de la nat. 1753: kein Sondereigentum), MABLY (Princ. de morale. Princ. de la législat. 1776: Gleichheitsidee). Das Recht auf Arbeit fordern TURGOT, der Kommunist BABEUF. Sozialistische Lehren bei CH. HALL, R. OWEN, ST. SIMON (»Physiologische« Auffassung der Geschichte, Bedeutung der Arbeit, der arbeitenden Bevölkerung), BAZARD (Umgestaltung des Eigentumsrechts, gegen die freie Konkurrenz), ENFANTIN, CH. FOURIER (Théor. des quatre mouvem. 1818. Traité de l'assoc. 1822: psychologische Interpretation der Geschichte, kollektivistische Produktion in »Phalangen«, Phalansterien), LOUIS BLANC (Organisation du travail, 1841: Staat als Arbeitgeber, als Producent, Arbeitspflicht), P. J. PROUDHON (Qu'est ce que la propriété? 1840. De la créat. de l'ordre dans l'human. 1843: Sondereigentum an Boden ist Diebstahl, Idee der Volksbank), CONSIDÉRANT (Destinée soziale, 1834/36), P. LEROUX (De l'humanité, 1840) u. a., ferner bei J. G. FICHTE (s. oben), WEITLING, FR. STROMEYER, K. MARLO (»Föderalismus«). Ferner FERD. LASSALLE (»Ehernes Lohngesetz«, Produktivassoziationen mit staatlichem Kredit). Gegen das Privatkapital tritt K. MARX auf (Lehre vom »Mehrwert«, Ausbeutung der Arbeiter, u.s.w.). Er begründet die wirtschaftliche Theorie der Gesellschaft (»ökonomischer Materialismus«, »materialistische Geschichtsphilosophie«). Alles Geistige, »Ideologische«, ist bedingt durch wirtschaftliche als durch Naturverhältnisse. Naturprocesse beherrschen gesetzlich alles Geistige, Ideelle (natürliche, statt der logischen Dialektik Hegels). Hinter dem Bewußtsein wirken als treibende Kräfte wirtschaftliche Faktoren, speziell der Wechsel der Produktionsverhältnisse. Diese bilden die »reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt«. In dialektischer Weise schlägt eine Produktionsform durch den Widerspruch zwischen wirtschaftlichem und sozialem Faktor ins Gegenteil um, und so kommt es durch den Widerspruch zwischen dem individuellen Charakter des Kapitalismus und dem Kollektivismus der Arbeitsteilung notwendig zum Kollektivismus. Die in der Geschichte herrschenden »Klassenkämpfe« enden mit der Expropriation der »Expropriateure« und mit der Sozialisierung der Produktionsmittel (Zur Krit. d. polit. Ökonomie 1859, 2. A. 1897. Das Kapital 1867 ff.). Gemäßigter lehrt die wirtschaftliche Geschichtsphilosophie FR. ENGELS. Die »letzten Ursachen« der sozialen Veränderungen sind wirtschaftlicher Art, aber die »ideologischen« Faktoren reagieren aufeinander und auf die ökonomische Basis (Herrn Eugen Dührings Umwälz. d. Wissensch. 1878. Briefe, in: Der socialist. Akademiker, October 1895. Urspr. d. Famil. 1884. Entwickl. d. Social. 1883, 4. A. 1891). Noch maßvoller ED. BERNSTEIN: »Die rein ökonomischen Ursachen schaffen zunächst nur die Anlage zur Aufnahme bestimmter Ideen, wie aber diese dann aufkommen und sich ausbreiten und welche Form sie annehmen, hängt von der Mitwirkung einer ganzen Reihe von Einflüssen ab« (Die Voraussetzungen d. Social. 1889, S. 9). Vgl. die Schriften von KAUTSKY, PLECHANOW, MEHRING, L. WOLTMANN (Der histor. Material. 1900), LABRIOLA. E. BELFORT-BAX, K. SCHMIDT, J. STERN, A. LORIA, die Kritiken des Marxismus von P. WEISENGRÜN, O. LORENZ (Die material. Geschichtsauffass. 1897), TH. G. MASARYK (Die philos. u. sociol. Grundlag. d. Marxism. 1899), K. STAMMLER (Wirtsch. u. Recht), P. BARTH (Jahrb. f. Nationalök. 1896) u. a. - Gegen die materalistische Geschichtsphilosophie bemerkt P. BARTH: »Es ist selbstverständlich, daß letztere (die ökon. Einrichtungen) wie alle Einrichtungen die Weltanschauung der unter ihnen lebenden Menschen gestalten helfen, aber ebenso notwendig, daß sie nicht allein den Ideengehalt gestalten« (Philos. d. Gesch. I, 325). Die Welt der Ideen »dringt auch ein in die Ökonomie und verhindert, daß sie ein Tummelplatz des reinen Begehrens werde« (l. c. S. 349, 353, 363. vgl. O. FLÜGEL, Ideal. u. Mat. S. 44, 144. SIMMEL, Probl. d. Geschichtsphilos. S. 2). K. BREYSIG bemerkt: »Die wirtschaftlichen Verhältnisse werden durch Klassenund Standesorganisation vielleicht ebenso häufig beeinflußt wie umgekehrt« (Kulturgesch. II, 764). TH. LINDNER erklärt »Obgleich materielle Verhältnisse zu den gewichtigen Ursachen geschichtlicher Veränderungen gehören, entscheiden sie nicht allein den Gang der Geschichte. Erst dadurch, daß sie Bedürfnisse materiellen und auch geistigen Inhaltes und durch sie auf deren Befriedigung Gerichtete Ideen erwecken, wirken sie, und erst die Ideen werden maßgebend« (Geschichtsphilos. S. 118). Und MASARYK: »Die ökonomische Erklärung verschleiert die Fülle und den Inhaltsreichtum der geschichtlichen Ereignisse und des sozialen Lebens überhaupt« (Die philos. u. sociolog. Grundlag. d. Marxism. S. 147 f.).

Einen ethischen Sozialismus lehren K. VORLÄNDER (Kant u. d. Social. 1900), F. STAUDINGER (Eth. u. Polit. 1899), L. WOLTMANN (Der histor. Material. 1900. Syst. d. moral. Bewußts. 1898). Idealistisch, ethisch und religiös fundiert muß der Socialismus nach H. COHEN sein (Einl. mit krit. Nachtrag zu Fr. Alb. Langes Gesch. d. Mat.5, 1896). P. NATORP vereinigt in der »Sozialpädagogik« Pädagogik und praktische Soziologie, Ethik des einzelnen und der Gesamtheit. Ihr Problem sind »die Wechselbeziehungen zwischen Erziehung und Gemeinschaft« (Sozialpäd. S. V). Jede menschliche Gemeinschaft ist eine Willensgemeinschaft (Sozialpäd. S. 75). Das soziale Leben wird wie bei Stammler (s. unten) bestimmt. Materiale Bedingung sozialer Tätigkeit ist »die Möglichkeit, das Tun von Menschen, als bestimmbaren obgleich willensfähigen Wesen, auf Grund kausaler Erkenntnis zu beherrschen und sie, als Mittel zu voraus feststehendem und zwar gemeinschaftlichem Zweck, mit technischem Vorteil zu vereinen« (l. c. S. 138). Die soziale Regelung bedarf der praktischen Vernunft (l. c. S. 143. »Monismus des sozialen Lebens«, l. c. S. 145, wie Stammler). Drei Momente der sozialen Tätigkeit gibt es: Arbeit, Willensregelung, vernünftige Kritik (l. c. 51. 146), drei Klassen sozialer Tätigkeit (l. c. S. 149 ff.). Das Recht ist ein Mittel für andere Zwecke. Endzweck der sozialen Gemeinschaft ist ein Leben, in dem Vernunft herrscht (l. c. S. 158). Sociale Naturgesetze lassen sich zur Zeit nicht aufstellen (l. c. S. 162). Nach K. STAMMLER ist soziales Leben das »durch äußerlich verbindende Normen geregelte Zusammenleben von Menschen«. Normen regieren das soziale Verhalten. »Materie« des sozialen Lebens ist die (soziale) Wirtschaft, welche nur als ein rechtlich geregeltes Zusammenwirken besteht, »Form« das Recht (Wirtsch. u. Recht S. 83 ff.. Lehre vom richt. Recht S. 233 ff.). Die soziale Geschichte ist die Geschichte von Zwecken (Lehre vom richt. Recht, S. 610 ff.). Die soziale Geschichte ist als Fortschreiten der Menschheit zum Bessern, zum Richtigen aufzufassen (l. c. S. 617 ff.). Endziel ist die Gemeinschaft frei wollender Menschen, in welcher ein jeder die objektiv berechtigten Zwecke des andern zu den seinigen macht. - Vgl. die Zeitschriften: Zeitschr. f. Socialwiss.. Socialist. Monatshefte. Polit.-anthropol. Revue 1902. Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. u. Sociol.. Revue internat. de Sociol.. Année Sociologique. Le mouvem. Sociol.. The American Journal of Sociol.. Rivista italiana di Sociologia. ferner J. STUTZMANN, Philos. d. Gesch., 1808. F. A. CARUS, Ideen zur Gesch. d. Menschh., 1809. SCHLEIERMACHER, Philos. Sittenl. § 258 ff.. W. WACHSMUTH, Entwurf einer Theor. d. Gesch., 1820. K. GUTZKOW, Zur Philos. d. Gesch., 1836. R. MAYR, Die philos. Geschichtsauffass. d. Neuzeit, 1877. L. KNAPP, Syst. d. Rechtsphilos. S. 28. STEINTHAL, Einl. in d. Psychol. I, 349 ff.. L. STEIN, Syst. d. Staatswiss. I, 1852: CH. SECRÉTAN, Études soziales, 1889. RENOUVIER, La philos. analyt. de l'histoire, 1896/97 (Verneinung des Fortschrittes, Dualismus der Ideen). A. H. LLOYD, Philos. of History. L. BEÖTHY, Anf. d. gesellsch. Entwickl. (ung.). 1883. ferner: A. BORDIER, La vie des sociétés, 1887. L. WINARSKI, Essai de méchan. soziale, 1898. A. COSTE, Les principes d'une sociol. objektive, 1899. die Schriften von M. BERNÈS, G. RICHARD, FONSEGRIVE. BOSANQUET, The Relation of Sociol. to Philos., Mind VI, N. S. 1897, p. 1 ff.. SACHER, Mechan. d. Gesellsch. 1881. A. FISCHER, Die Entsteh. d. sozialen Problems, 1897. HÖFFDING, Eth. S. 257 ff. u. a. Vgl. Rechtsphilosophie, Gesamtgeist, Völkerpsychologie, Statistik, Gesetz, Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft.

 

 


Vergleiche ferner:

- Soziologische Grundbegriffe (Weber, Wirtschaft u. Gesellschaft)

- Begriff der Soziologie (Weber, Wirtschaft u. Gesellschaft)

- Ästhetik, Ethik, Soziologie (Vorländer, Gesch. d. Phil.)

- Die Philosophie des Sozialismus (Vorländer, Gesch. d. Phil.):

- I. Die Utopisten

- II. P. J. Proudhon

- III. Der moderne oder marxistische Sozialismus

- III.1. Karl Marx

- III.2. Friedrich Engels

- III.3. Jüngere Marxisten

- IV. Kritische Nebenströmungen in und neben dem Marxismus


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