Sittlichkeit - Antike, Scholastik, Neuzeit

Die älteren griechischen und auch die meisten späteren griechischen Philosophen haben einen eudämonistischen (s. d.) Sittlichkeits- bezw. Tugend- (s. d.) Begriff. Nach SOKRATES ist das Gute eins mit dem Schönen und Nützlichen (Xen. Memor. IV, 6, 8. Plat., Prot. 333 D, 353 C squ.). Niemand ist bewußt schlecht, und wer das Gute kennt, tut es auch, weil es eben das wahrhaft Nützliche ist (Plat., Apol. 25 C. Protag. 329 squ.. Xenoph., Memor. III, 9. IV, 6). Bei PLATO tritt neben das eudämonistische (s. d.) und soziale Moment in seiner Auffassung des Sittlichen ein mystisches oder metaphysisches, nämlich das der (mit Weltflucht verbundenen) Verähnlichung mit Gott (Theosis, s. d.) als Endzieles alles Handelns (phygê de homoiôsis theô kata to dynaton, homoiôsis de dikaion kai hosion meta phronêseôs genesthai, Theaet. 176 A. vgl. Rep. 613. Phaed. 62 B, 67 A). Die Tugend (s. d.) ist die Tauglichkeit, Tüchtigkeit der Seele zu den ihr gemäßen Leistungen. ARISTOTELES ist Eudämonist (s. d.), betont für die Tugend (s. d.) das Einhalten des Maßes, der richtigen Mitte. Die Stoiker stellen den Pflichtbegriff (s. d.) auf und predigen das natur- und vernunftgemäße Leben (s. Tugend). CICERO faßt das Naturgesetz als göttliches Vernunftgesetz auf: »Lex est ratio summa, insita in natura« (De leg. I, 6). »Lex vera atque princeps, apta ad iubendum et ad vetandum, ratio est recta summi lovis« (l. c. II, 4). »Honestum« ist das Lobenswerte (De fin. II, 14). Hedonistisch (s. d.) ist der Sittlichkeitsbegriff der Epikureer, mystisch-theosophisch der Tugendbegriff (s. d.) des Neuplatonismus, indem nach PLOTIN die Tugend eine Katharsis (6. d.) und omoiôsis der Seele mit Gott ist (Enn. I, 2, 1 squ.).

Entgegen der (theologisch, politisch) gebundenen, autoritativen Sittlichkeit stellt JESUS einen allgemein- menschlichen, zugleich die Beziehung auf Gott als Vater aller Menschen betonenden Sittlichkeitsbegriff auf, der bei PAULUS und bei den christlichen Ethikern des Mittelalters zur Lehre von dem göttlichen Sittengesetz wird. Dieses ist nach AUGUSTINUS »scripta in cordibus hominum« (Conf. II, 4). Die »lex aeterna« ist »ratio divina, aut voluntas Dei, ordinem naturalem conservari iubens, perturbari vetans« (Contr. Faust. XXII, 7. vgl. De ver. rel. 30. De lib. arb. I, 6). In die Gesinnung verlegt das Sittliche ABAELARD: »Non enim quae fiant, sed quo animo fiant, pensat Deus, nec in opere sed in intentione meritum operantis vel laus consistit« (Eth, C. 3. vgl, C. 7). »Non est peccatum nisi contra conscientiam« (l. c. C. 13). Nach THOMAS ist die Tugend (s. d.) dem Menschen etwas Natürliches.

Nach MELANHTHON besteht die Sittlichkeit in der Neigung, der rechten Vernunft und damit Gott zu gehorchen. Das Gute ist »voluntas Dei semper volens recta« (Epit. philos. moral. 1589, p. 24). »Rectum iudicium rationis« ist »id quod congruit cum norma in mente divina« (ib.). »Lex moralis est aeterna et immota supientia et regula institiae in Deo, discernens recta et non recta« (l. c. P. 4). JUSTUS LIPSIUS setzt das Sittliche in das naturgemäße Leben (Manud. ad Stolc. philos. II, d. 18 f.), TELESIUS (De rer. nat. IX, 5 ff.) und CAMPANELLA in die Selbsterhaltung, Selbstvervollkommnung, so auch SPINOZA, welcher sittliches mit vernünftigem, »naturgemäßem« Handeln identifiziert (s. Tugend). MALEBRANCHE setzt die Tugend in die Liebe der vernünftigen Ordnung als göttliches Gesetz, in die richtige Schätzung der Dinge. Nach CHARRON sollen wir sittlich sein, weil Natur und Vernunft (Gott) es fordern. Die »loi d'équité et raison naturelle est perpetuelle en nous« (De la sag. II, 3). Eudämonistisch begründet die Moral MONTAIGNE (Ess. I, 19. II, 16. III, 2). Nach BAYLE hat der Wille eine natürliche Neigung zum Guten (Rep. au quest. 658, 675 f.. Pens. div. 160). Das Sittengesetz gründet in Gott. wir erkennen das Gute durch das Gewissen als das Vernunftgemäße (Syst. de la philos. 1737). Nach BOSSUET gibt es »règles invariables de nos moeurs«, »des choses d'un devoir indispensable« (De la connaiss. de Dieu et de soi-même, 1846, ch. 4, § 5). - Eudämonistisch lehren LA ROCHEFOUCAULD, der die Eigenliebe und ihre Leidenschaften als Motive des Handelns betont, ähnlich LABRUYÈRE. Nach VOLTAIRE ist das Interesse allgemeines Motiv. Die Moral ist in der menschlichen Natur begründet, geht auf das social Nützliche (Dict. philos.). so auch ROUSSEAU, der aber auch ein angeborenes Pflichtgefühl lehrt (Emile IV). ferner D'ALEMBERT, nach welchem »l'amour éclairé de nous-même« Prinzip des Altruismus ist. Eudämonisten sind MAUPERTUIS (Essai de philos. morale, 1752), HELVETIUS (De l'homme I, 13), HOLBACH (Syst. de la nat. I, 15), individueller und sozialer Utilitarier VOLNEY (Ruinen, Nat.-Ges. C. 4, S. 234). Die Trennung von Sittlichkeit und Religion betont F. BACON (De dignit. VII, 1, 3). Es gibt ein natürliches Sittengesetz. der menschliche Geist hat eine Neigung zu seinesgleichen (l. c. IX. Sermon. fid. 10, 13). Wertvoll sind die sozialen Neigungen, die auf das Gesamtwohl gehen (De dignit. VII, 1). HOBBES bestimmt: »Moral philosophy is nothing else but the science of what is good and evil in the conservation and society of mankind« (Lev. ch. 15). Die Selbstliebe führt durch Nützlichkeitserwägungen zur Übereinkunft und damit (im Staate) zur Sittlichkeit (s. Rechtsphilosophie). Aus dem Egoismus leitet das Sittliche BOLINGBROKE ab. Die Selbstliebe führt notwendig in der Gesellschaft zum Wohlwollen gegen andere. Instinkt und Vernunft, Interesse und Pflicht wirken zusammen (Philos. Works IV, 9 ff.). - R. CUDWORTH gründet die sittlichen Urteile auf die Vernunft. die Idee des Gluten ist ewig, unwandelbar (Treat., conc. eternal and immutable morality, 1731).

Die Evidenz der sittlichen Normen lehrt auch CLARKE: Alle Dinge haben ihre bestimmte Natur, und sittlich ist es, alle Wesen den natürlichen Verhältnissen gemäß zu behandeln (Works 1732, II, 60 ff.. ähnlich WOLLASTON). LOCKE bestreitet die Existenz angeborener moralischer Grundsätze von allgemeiner Anerkennung. Die Sittlichkeit ist auf göttliches, bürgerliches Gesetz und öffentliche Meinung, auf Nützlichkeitserfahrungen zurückzuführen (Ess. I, ch. 3). PRICE leitet die Sittlichkeit nicht aus einem moralischen Sinn (s. d.), sondern aus der Vernunft, aus einfachen Ideen, unmittelbarer Billigung und Mißbilligung ab (Review of the principal questions and difficulties in moral, 1758). Ähnlich lehren REID, DUGALD STEWARD. - Auf das Wohlwollen gründet die Sittlichkeit CUMBERLAND (De leg. natur. C. 1 ff.), der eine moralische Anlage annimmt, so auch HUTCHESON (Philos. moral. I, 3, p. 51), der einen moralischen Sinn annimmt. JON. EDWARDS. SHAFTESBURY fordert die Harmonie der egoistischen und sozialen Neigungen (Sens. commun. IV, 1. Inquir. I, 2, 3). Das Sittliche ist eine Art des Schönen (Sens. commun. IV, 3). Den Wert der sozialen Gefühle betonen HUME (Ess. conc. mor. 1 ff.), nach welchem Tugend eine geistige Eigenschaft oder Handlung ist, welche dem »Zuschauer« das Gefühl des Beifalls erregt (»whatever mental action or quality gives to a spectator the pleasing sentiment of approbation«), A. SMITH (Theor. of Mor. Sent., s. Sympathie), FERGUSON (Moralphilos. II, C. 3, S. 94 ff.), der zugleich die geistige Vervollkommnung betont. Nach PALEY ist das Wohl der Menschheit der Gegenstand, der göttliche Wille die Sichtschnur und die Glückseligkeit das Motiv und Ziel der Sittlichkeit (Moral philos. I, 7). Utilitarier (s. d.) ist MANDEVILLE, der die egoistische Natur des Menschen betont und die Moral zu einer Klugheitslehre macht. Die Laster der einzelnen sind nützlich für die Gesellschaft. Leidenschaft muß durch Leidenschaft beherrscht werden (Fable of the bees, 1732). Socialer Utilitarier (s. d.) ist J. BENTHAM. Nach HARTLEY geht aus der Selbstliebe durch Assoziation das selbstlose Gefallen am Moralischen hervor (Observ. on man). Nach DUGALD STEWART ist die Sittlichkeit die habituell gewordene Neigung, dem Gewissen gemäß zu handeln (Outl. of Mor. Philos., 1793). Den Intuitionismus verbindet mit dem sozialen Utilitarismus MACKINTOSH (On the progrese of ethic. philos., 1831).

Zur Vollkommenheit führt die Tugend (s. d.) nach LEIBNIZ (Théod. I B, § 181). Sittlichkeit beruht auf einem generellen Instinkt (Nouv. Ess. I) und besteht in der Liebe zu Gott und im Handeln nach dem, was als Wille Gottes anzusehen ist (Monadol. 90). Den Perfektionismus (s. d.) lehrt CHR. WOLF. Wir sollen uns vollkommener machen, dem Naturgesetz gemäß handeln (Philos. pract. I, § 321 ff.). Nach RÜDIGER besteht die Sittlichkeit in Befolgung des göttlichen Willensgebotes, so auch nach CRUSIUS (Vernunftwahrh. § 481, vgl. 477 ff., B. Tugend). MENDELSSOHN erklärt, die Begierden des Menschen zielten schließlich »auf die wahre oder scheinbare Vollkommenheit (Erhaltung und Verbesserung) ihres oder ihrer Nebenmenschen innern oder äußern Zustandes«. »Mache deinen und deines Nebenmenschen innern und äußern Zustand, in gehöriger Proportion, so vollkommen, als du kannst« (Üb. d. Evid. S. 114). »Unsere Handlungen sind gut oder böse, insoweit sie mit der Regel der Vollkommenheit, oder, welches ebensoviel ist, mit den Absichten Gottes übereinstimmen oder nicht« (l. c. S. 122). »Wir können keine gute Handlung wahrnehmen, ohne sie zu billigen, ohne ein inneres Wohlgefallen daran zu empfinden, keine böse ohne Mißbilligung der Handlung selbst und innern Abscheu für dieselbe« (Philos Schr. II, 8). Nach PLATNER beruht die Sittlichkeit »auf dem Werte einer Handlung in Ansehung ihres Grundes«, und dieser besteht in der Güte der Motive (Philos. Aphor. I, § 1014 f.). Ad. WEISHAUPT setzt die Tugend (H. d.) in die Vollkommenheit des Menschen. diese besteht »darin, daß alle und vorzüglich seine höhern Kräfte übereinstimmen, ihn zu dem zu machen, was er sein kann, und den ihm möglichen Grad von Vollkommenheit zu erreichen« (Üb. Mat. u. Id. S. 202 f.).


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