Sein - Moderne I

Daß Existenz, Sein keine Eigenschaft der Dinge, sondern Position, Setzung (s. d.) durch das Denken (anderseits eine Kategorie, s. d.) ist, betont KANT. Sein ist »kein reales Prädikat, d. i. ein Begriff von irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist bloß die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. Im logischen Gebrauche ist es lediglich, die Kopula eines Urteils..., das, was das Prädikat beziehungsweise aufs Subjekt setzt« (Krit. d. rein. Vern. S. 472). »Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das mindeste mehr als hundert mögliche« (l. c. S. 473). »Denn durch den Begriff wird der Gegenstand nur mit den allgemeinen Bedingungen einer möglichen empirischen, Erkenntnis überhaupt als einstimmig, durch die Existenz aber als in dem Kontext der gesamten Erfahrung enthalten gedacht.« »Unser Begriff, von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wieviel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die Existenz zu erteilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch den Zusammenhang mit irgend einer meiner Wahrnehmungen nach empirischen Gesetzen. aber für Objekte des reinen Denkens ist ganz und gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori erkannt werden müßte, unser Bewußtsein aller Existenz aber... gehöret ganz und gar zur Einheit der Erfahrung« (l. c. S. 474). »Das Dasein ist die absolute Position eines Dinges und unterscheidet sich dadurch auch von jeglichem Prädikat, welches als ein solches jederzeit bloß beziehungsweise auf ein anderes Ding gesetzt wird« (WW. II, 115 ff.).

Den Begriff des Seins als Position, Setzung gestaltet J. G. FICHTE idealistisch und aktualistisch, indem nach ihm das Sein Produkt einer (geistigen) Tätigkeit ist. »Alles, was ist, ist nur insofern, als es im Ich gesetzt ist, und außer dem Ich ist nichts« (Gr. des g. Wiss. S. 12). »Freiheit ist das einzige wahre Sein und der Grund alles andern Seins« (Syst. d. Sittenl. S. 59). »Wissen und Sein sind nicht etwa außerhalb des Bewußtseins und unabhängig von ihm getrennt, sondern nur im Bewußtsein werden sie getrennt.« »Es gibt kein Sein außer vermittelst des Bewußtseins« (l. c, S, VII).»Das Sein durchaus und schlechthin als Sein ist lebendig und in sich tätig, und es gibt gar kein anderes Sein als das Leben« (WW. VI, 361). Nach SCHELLING drückt Sein »das reine absolute Gesetztsein« aus, Dasein ein »bedingtes eingeschränktes Gesetztsein« (Vom Ich, S. 123 ff.). »A ist«- »es hat eine eigene identische Sphäre des Seins« (l. c. S. 156). Das Sein drückt nur »ein Begrenztsein der anschauenden oder produzierenden Tätigkeit aus. In diesem Teile des Raumes ist ein Kubus, heißt nichts anderes als: in diesem Teil des Raumes kann meine Anschauung nur in der Form des Kubus tätig sein« (l. c. S. 114). Im Ich sind Wissen und Sein identisch (l. c. S. 385). Später erklärt er: »Es ist überall nur ein Sein, nur ein wahres Wesen, die Identität, oder Gott als die Affirmation derselben« (WW. I 6, 15z). Das Sein besteht in drei Potenzen als: Sein-könnendes, Rein-seiendes, Bei-sich-seiendes. Das Seiende selbst ist der absolute Geist (WW. II 1, 288 ff.. II 3, 204 ff., 239 f.). Im Absoluten sind Sein und Denken identisch (ß. d.).

Die Identität (s. d.) von Denken und Sein lehrt HEGEL. Das Sein ist die Idee (s. d.) selbst in ihrer Allgemeinheit. »Sein ist die Allgemeinheit in ihrem leeren abstraktesten Sinne genommen, die reine Beziehung auf sich, ohne weitere Reaktion nach außen oder innen,« »Identität mit sich« (WW. XI, 69). Das »Ist« ist »die leerste dürftigste Bestimmung« (ib.). »Das Sein ist der Begriff nur an sich, die Bestimmungen desselben sind seiende, in ihrem Unterschiede andere gegeneinander, und ihre weitere Bestimmung (die Form des Dialektischen) ist ein Übergehen in anderes« (Encykl. § 84). »Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann« (l. c. § 86). »Dieses reine Sein ist nun die reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls unmittelbar genommen, das Nichts (s. d.) ist« (l. c. § 87). Sein ist »einfache Beziehung auf sich selbst« (l. c. § 193), »einfache Unmittelbarkeit« (Log. I, 62), ist im Begriffe enthalten (l. c. III, 174). Die (metaphysische) Kategorie des Seine spezifiziert sich dialektisch in die des Daseins. »Das Sein im Werden, als eins mit dem Nichts, so das Nichts eins mit dem Sein, sind nur verschwindend. das Werden fällt durch seinen Widerspruch in sich in die Einheit, in der beide aufgehoben sind, zusammen. sein Resultat ist somit das Dasein« (Encykl. § 89). »Das Dasein ist Sein mit einer Bestimmtheit, die als unmittelbar oder seiende Bestimmtheit ist, die Qualität. Das Dasein als in dieser seiner Bestimmtheit in sich reflektiert ist Daseiendes, Etwas« (l. c. § 90). Dieses wird dann zum Für-sich-sein (H. d.). Existenz ist das »durch Grund und Bedingung vermittelte und durch das Aufheben der Vermittlung mit sich identische Unmittelbare« (Log. II, 118). »Die Existenz ist die unmittelbare Einheit der Reflexion-in-sich und der Reflexion -in-anderes. Sie ist daher die unbestimmte Menge von Existierendem als In-sich-reflektierten, die zugleich ebensosehr in anderes scheinen, relativ sind und eine Welt gegenseitiger Abhängigkeit und eines unendlichen Zusammenhanges von Gründen und Begründetem bilden. Die Gründe sind selbst Existenzen, und die Existierenden ebenso nach vielen Seiten hin Gründe sowohl als Begründete« (Encykl. § 123). »Wenn wir den besonderen Dingen ein Sein zuschreiben, so ist das nur ein geliehenes Sein, nur der Schein eines Seins, nicht das absolut selbständige Sein, das Gott ist« (WW. XI, 50). Die »Einheit des Begriffs und des Seins ist es, die den Begriff Gottes ausmacht« (Encykl. § 51). J. E. ERDMANN erklärt: »Der Begriff als das vernünftige Sein, die Idee als der ewige reale Gedanke des Gegenstandes, hat allein wahres Sein. Die Wirklichkeit steht deswegen dem Gedanken nicht gegenüber, sondern wahre Wirklichkeit hat alles nur im Begriff, d.h. Gedanken« (Grundw. §121). Nach E. ROSENKRANZ ist Sein an sich »die Abstraktion von jeder Bestimmtheit« (Syst. d. Wiss. §10 ff., S. 14). Daß der Begriff das Sein sei, lehren auch H. F. W. HINRICHS (Grdl. d. Philos. d. Log. S. 182 ff.) u.a. - Spekulativ-rationalistisch bestimmt das Sein auch als allgemeinen, objektiven Denkinhalt C. H. WEISSE: »Wer den Gedanken des Sein denkt, wer ihn rein und in völliger Abgezogenheit von allen weiteren Bestimmungen und von allem und jedem besonderen Inhalte denkt, der weiß zugleich und weiß allein unmittelbar, ohne anderweite Denkvermittlung, daß das, was er denk', das schlechthin Allgemeine und Notwendige ist« (Grdz d. Met. S. 108). Dasein ist Endlichkeit (l. c. S. 130, 145). Der metaphysische Urbegriff des Seins nimmt die Bedeutung an »die Kraft, das Vermögen haben, als Körper im Raume da zu sein« (l. c. S. 422). HILLEBRAND erklärt: »Das Denken setzt in seiner reinen Selbsttätigkeit als seinen notwendigen Anfang das Sein, sowohl an sich selbst (am Denken) als außer sich, sich gegenüber« (Philos. d. Geist. I, 7). Das Sein liegt notwendig im Denken, ist seine Voraussetzung (l. c. S. 8). Dasein ist »eine in unendlicher Vielheit des Einzelnen unmittelbar bestimmte konkrete Wirklichkeit« (l. c. S. 11). Das Sein der Substanzen ist identisch mit dem Wirken (l. c. S. 17). Nach CHR. KRAUSE ist Sein die »Form der Wesenheit« (Vorles. S. 175). Sein ist »Satzheit der Wesenheit«, »satzige Wesenheit ist Seinheit« (ib.). - W. ROSENKRANTZ bemerkt: »Alles Wandelbare setzt ein Unwandelbares voraus, welches das Wesen und wahrhaft Seiende... in ihm ist« (Wissensch. d. Wiss. I, 133).

Als »absolute Position«, »Anerkennung« des gedanklich Nicht-Aufzuhebenden bestimmt das Sein HERBART (Met. II, 82, 408). Der Begriff des Seins ist »eine Art zu setzen«, er bedeutet, es solle bei dem einfachen Setzen eines Was sein Bewenden haben (Hauptp. d. Met. S. 22 ff.). »Gegenstände sind gesetzt worden. diese Gegenstände werden dergestalt bezweifelt, daß sie ganz verschwinden sollen. Sie verschwinden aber nicht. die Setzung dauert also fort. aber sie ist darin verändert, daß ihr Gesetztes nicht mehr für einerlei gilt mit demjenigen, worauf sie ursprünglich gerichtet war. Die Qualität wird dem Zweifel preisgegeben. das Gesetzte soll etwas anderes, Unbekanntes sein. Hier bleibt bloß der Begriff dessen übrig, dessen Setzung nicht aufgehoben wird. Die bloße Anerkennung des Nicht- Aufzuhebenden nun ist der Begriff des Seins« (Met. II, § 201). Das Sein wird nicht empfunden, es »kommt erst zum Vorschein in seinem Gegensatze gegen das, was nicht ist, sondern bloß gedacht wird«, entsteht begrifflich aus einer doppelten Verneinung (l. c. § 202). »In der Empfindung ist die absolute Position vorhanden, ohne daß man es merkt. Im Denken muß sie erst erzeugt werden aus der Aufhebung ihres Gegenteils« (l. c. § 204). »Niemand wird glauben, daß gar nicht., sei. denn es ist klar, daß alsdann auch nichts erscheinen würde« (Lehrb. zur Einl.5, S. 216). Die Qualität (s. d.) des Seienden ist »schlechthin einfach«. Das Seiende hat keine Negationen (l. c. ff. 219 ff., 224).

Als apriorischen, übersinnlichen Begriff bestimmt das Sein BIUNDE (Empir. Psychol. I 2, 11 ff.). Er ist eine »Grundform, in welche wir alles, was ist und erscheint, selbständig, obgleich mit Notwendigkeit, hineinschlagen« (l. c. S. 15). »Alles wird für uns erst ein Objekt oder fängt doch an, es zu werden, wenn wir den Begriff des Seins darauf anwenden« (l. c. S. 17). Das Sein kann nicht wahrgenommen werden (l. c. S. 18). Nach ROSMINI enthält jede Anschauung eines Objektes implizite schon ein Seinsurteil (Log. § 320 ff.). Die Idee des Seins ist die universalste, ist angeboren, a priori, ursprünglich schon dem Geiste präsent als das »essere possibile«. Sie ist die Quelle aller übrigen Kategorien, der »idee pure« und »non pure«. »II fatto ovvio e semplicissimo da cui parte, è che l'uomo pensa l'essere in un modo universale.« »Quando io metto l'attenzione mia esclusivamente in quella qualità che è a tutte commune, cioè nell' essere, allora suol dirsi che io penso l'essere, o l'ente... in universale« (Nuovo saggio II, p. 15). »L'idea pura dell' essere non è un' immagine sensibile« (l. c. p. 16). »L'idea dell' essere non ha bisogno d' alcun' altra idea ad essa aggiunta per essere concepita« (l. c. p. 23). »L' idea dell' ente è innata« (l. c. p. 60). »Tutte le idee acquisite procedono dall' idea innata dell' ente« (l. c. p. 76. vgl. III, 257 ff.). Die Ursprünglichkeit der Seinsidee betont GIOBERTI. Das Sein wird unmittelbar geistig geschaut. Das Sein schafft daß Existierende (s. Ontologismus). Auf das Seiende geht die »Scienza ideale« (Introd. I, 4 ff.. vgl. FERRI, Dell' idea dell' essere, 1888).


 © textlog.de 2004 • 22.10.2018 10:25:00 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z