Sein - Moderne II

In verschiedener Weise wird als Meinung des Seinsbegriffes die Unabhängigkeit von unserem Denken, das Selbstständig-, Für-sich-sein bezeichnet. So von L. FEUERBACH: »Sein ist etwas, wobei nicht ich allein, sondern auch die andern, vor allem auch der Gegenstand selbst beteiligt ist. Sein heißt Subjekt sein, heißt für sich sein« (WW. II, 309. X, 97). Das Sein ißt die »Grenze des Denkens«, die »Position des Wesens« (ib.). »Das Sein ist eins mit dem Dinge, welches ist« (WW. II, 206). ULRICI erklärt: »Es ist der Begriff des reellen Seins, alles dasjenige zu sein, was unabhängig von unserem Denken und somit gleichgültig dagegen, ob es von uns gedacht wird oder nicht, also nicht bloß in und für uns, sondern an sich existiert« (Log. S. 46). Zum Sein gehört die Notwendigkeit des Nicht-anders-denken-könnens (l. c. S. 47). Der abstrakte Gedanke des Heine ist weder Kategorie noch Begriff (l. c. S. 238 f.). Für das absolute Denken ist daß Sein ein »Gesetztes« (l. c. S. 240). Für unser Denken »ist zunächst das subjektive Sein das Sein seiner selbst als unterscheidende Tätigkeit, das objektive der gegebene Stoff, den unsere unterscheidende Denktätigkeit an der produzierenden und deren Produkten hat« (l. c. S. 214). Unser Denken unterscheidet daß fremde Sein von seinen Gedanken (l. c. S. 242). PLANCK bemerkt: »Indem... das Denken schon rein von sich aus... Unterscheidung eines Andern oder Objektiven ist, so ist es in dieser ersten ursprünglichen Setzung eines Andern Gedanke des Seins, welcher also in seiner wahren, rein logischen Form durchaus nichts von irgend welchem gegebenen Inhalte und von einer Abstraktion aus der sinnlichen und geistigen Anschauungswelt enthält, sondern rein logische (›apriorische‹) Unterscheidungsform ist« (Testam. ein. Deutsch. S. 310). J. BAUMANN bestimmt: »Den Begriff des Seins leiten wir nicht aus dem Sein der Ideen in uns, welches gleich dem ist, daß sie gedacht werden, ab, sondern aus unserem Sein.« Die Umstände der äußern Wahrnehmungen »zwingen uns, äußere von uns und unserem Denken unabhängige Existenz zu setzen« (Lehr. v. R. u. Z. II, 578 f.). Nach HAGEMANN ist ein Seiendes »alles, was eine Realität hat, es mag wirklich oder bloß gedacht sein«. Das Dasein bezeichnet »ein bestimmtes Sein, welches nicht durch unser Denken gesetzt ist, sondern demselben unabhängig gegenübersteht« (Met.2, S. 13 f.). Nach AD. DYROFF bedeutet Existieren, »daß der Gegenstand des Gedankens mehr ist als eine bloße Fiction, ein Erzeugnis reiner Willkür oder ein einfaches Gedankenerzeugnis« (Üb. d. Existentialbegr., 1902, S. 3). »Das Wort ›Existenz‹ findet sonach auf alle einzelnen Bewußtseinsinhalte Anwendung, die sich dem Denken in irgend einer Weise als gegenständlich zeigen Wer einen leeren Raum, wer Fernkräfte annimmt, glaubt, daß der Begriffsinhalt sein Dasein nicht lediglich der frei schaffenden Vorstellungstätigkeit verdanke, sondern mitbedingt sei durch ein Etwas, das von dieser verschieden ist« (l. c. S. 4). »Nicht heißt etwas existierend, wenn das anerkennende Urteil wahr ist, sondern umgekehrt ist das anerkennende Urteil wahr, wenn das in ihm anerkannte Etwas existiert« (l. c. S. 15). Der Begriff der Existenz geht von der Erfahrung aus, wird zuerst an Inhalten der Sinneswahrnehmung entwickelt, hat als objektive Voraussetzung den Unterschied von Wahrnehmung und Erinnerung, wird aber durch das Denken erzeugt. »Der naive Existentialbegriff bezeichnet, daß einem Bewußtseinsinhalt etwas von diesem Verschiedenes entspricht, was zugleich mehr ist als bloßer Bewußtseinsinhalt« (l. c. S. 61. ähnlich schon G. v. HERTING, John Locke u. d. Schule von Cambridge, 1892, S. 88). - Nach SIGWART steht das »Sein« dem bloß Vorgestellten, Gedachten, Eingebildeten gegenüber. »Was ›ist‹, das ist nicht bloß von meiner Denktätigkeit erzeugt, sondern unabhängig von derselben, bleibt dasselbe, ob ich es im Augenblick vorstelle oder nicht,« »es steht mir, dem Vorstellenden, als etwas von meinem Vorstellen Unabhängiges gegenüber, das nicht von mir gemacht, sondern in seinem unabhängigen Dasein nur anerkannt wird« (Log. I2, 90). Sein ist objektives »Wahrgenommen- werden-können« (l. c. S. 92), es ist »In-Beziehung-stehen« (l. c. S. 95). Das Wirken ist eine Folge des Seins. Der Gedanke des Seins ist mit dem angeschauten Objekt unmittelbar verbunden (l. c. S. 94). Die Vorstellung des Seins steckt in allen Objekten der Vorstellung mit. So auch nach A. RIEHL (Philos. Krit. II 2, 168). Existenz gehört aber nicht zum Inhalte der Vorstellung, sondern »drückt das Verhältnis der Dinges zu unserem Bewußtsein aus, die Beziehung, in der dasselbe mittelst des Erregung unserer Sinne zu unserem Bewußtsein steht. Was aber fähig ist, auf unsere Sinne zu wirken, beweist eben dadurch seine von den Sinnen unabhängige Wirklichkeit.. auch auf andere Dinge« (l. c. S. 130). - Nach CZOLBE ist das Sein eine elementare Eigenschaft der Dinge (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 96). Nach E. DÜHRING ist der allgemeine Seinsbegriff »der gedankliche Hinblick auf das Ganze der Dinge und das Absehen von den besondern Gestalten« (Log. S. 175 f.). Das Ursein kann als Zustand ohne Vorgänge gedacht werden, ist ein »Sich-selbst-gleiches« (Wirkl. S. 12 f.). Nach KIRCHMANN ist nur das Widerspruchslose des Wahrnehmungsinhaltes ein Seiendes (Kat. d. Philos.3, S. 55). »Im Gegenstande ist der Inhalt in der Seinsform befaßt, in der Vorstellung in der Wissensform. Bei dem Wahrnehmen teilt sich nur der Inhalt des Gegenstandes den Wissen mit. die Seinsform geht nicht mit über, in ihr liegt das, was den Inhalt zu einem starren, körperlichen und wahrhaft ausgedehnten macht und als solches nicht in das Wissen mit übergeht. Dieses reine Sein, als bloße Form, kann deshalb positiv nicht erkannt, sondern nur als das Nicht-Übergehende und Nicht-Wißbare empfunden werden« (1, c. S. 53 f.).

Die Existenz eines reinen Seins bestreitet LOTZE. Sein ist »Stehen in Beziehungen«. Ein beziehungsloses Sein ist undenkbar (Mikrok. III2, 468 ff.. vgl. Met.., S. 36). »Daß ein Ding ›sei‹, ist uns ursprünglich nur dadurch klar, daß es von uns empfunden oder wahrgenommen wird. Allein, wenn wir das durch den Satz ausdrücken wollten, das ›Sein‹ bestehe nur in dem Wahrgenommenwerden (esse = percipi), so würde sich dagegen sogleich der Widerspruch erheben, damit sei gar nicht das ausgedrückt, was wir mit dem, Begriffe des Seins meinten. Die Empfindung sei zwar für uns das Mittel, das Sein der Dinge wahrzunehmen, es selbst aber bestehe in einer Wirklichkeit, die diese Wahrnehmung nur möglich mache. Es entsteht also die Aufgabe: das Sein der Dinge unabhängig von ihrem Empfinden-werden, also unabhängig von uns, vorzustellen.« »Der gewöhnliche Verstand nun löst dieselbe ganz einfach dadurch, daß er die Dinge dann, wenn sie nicht Objekt unserer Wahrnehmung sind, doch untereinander in bestimmten Beziehungen stehend denkt... Diese ›Beziehungen‹ sind das, was das Dasein der Dinge dann, wenn wir sie nicht wahrnehmen ausmacht, und sie enthalten zugleich den Grund, warum sie später in bestimmter Ordnung wieder Gegenstände unserer Wahrnehmung werden können. Mithin ist, kurz ausgedrückt, jetzt das ›Sein‹ der Dinge gleichbedeutend mit einem ›Stehen in wechselseitiger Beziehung‹« (Grdz. d. Met. S. 11). »Position und Affirmation... sind für sich kein Sein, sondern der vollständige Begriff dieses lezteren besteht erst in der Bejahung oder Setzung irgend einer bestimmten Beziehung« (l. c. S. 13). Auch M. CARRIERE betont: »Das Sein der Dinge besteht in ihren gegenseitigen Beziehungen« (Sittl. Weltordn. B. 39). Sein ist nichts Ruhendes, Starres, sondern »sich selbst bestimmende Tätigkeit« (Ästhet. I, 31). »Das Sein ist Tätigkeit, das Wesen ist, was es tut« (l. c. I, 100).

Verwandt damit ist die Bestimmung des Seins als Wirken. Nach SCHOPENHAUER ist das Sein der anschaulichen Objekte ihr Wirken (W. a. W. u. V. I. Bd., § 5. Üb. d. Seh. C. 1, § 1). Der Inhalt des Begriffs des Seins ist das »Ausfüllen der Gegenwart« (Neue Paral. § 97). Sein ist das »Produkt der Tätigkeit der Kategorien«. »Sobald diese gegebene (durch die Sinnlichkeit) Wahrnehmungen vereinigt haben, sagen wir: es ist« (Anmerk. S. 56 f.. vgl. S. 161). Nach E. v. HARTMANN ist die Existenzform die Wirkungsform der Dinge (Krit. Grundleg. S. 159). »Alles äußerliche oder materielle Sein, alles Dasein ist durchaus nur Beziehung der Kräfte aufeinander oder dynamische Beziehung, genauer ein System solcher Beziehungen... Dasein ist Spiel der Kräfte, labiles Gleichgewicht, das beständig gestört und beständig wiederhergestellt wird, nicht caput mortuum einer vergangenen Produktion, sondern beständiges Produziertwerden, ein ständiges Entstehen und Vergehen der momentanen Aktion, bei der nichts beständig ist als die Gesetzmäßigkeit der Beziehungen und die Fortdauer der dynamischen Intensität« (Kategor. S. 176 ff.). Nach DREWS ist Sein »Wirkendsein« (Das Ich S. 265). Nach DEUSSEN ist die Existenz die Form der Objekte als solcher (Elem, d. Met, S. 27), Existieren bedeutet in Raum und Zeit wirken (l. c. S. 11). - Wirkungsfähigkeit, Wirken ist das Sein nach B. ERDMANN (Log. I, 77). Das Prädikat der Existenz ist kein Merkmal des Subjekts. »Existieren« ist »eine kausale Relationsbestimmung, und als solche zwar kein Merkmal im logischen Sinne, zweifellos aber... ein logisches Prädikat« (l. c. I, 111). Die Vorstellung der Existenz ist weder neben noch in der Vorstellung des Gegenstandes gegeben (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. X, 334). Die Existentialurteile sind »Resultate eines Vorstellungsverlaufes, der die Prädikate dem Anschauungsinhalte nachträglich zuführt« (l. c. S. 335). Nach W. JERUSALEM ist der Existenzbegriff »Resultat einer Abstraktion«, er wird nur angewendet, wenn ein bestimmtes Nichtsein ausgeschlossen werden soll (Urteilsfunct. S. 209). »Jede Vorstellung enthält den Existenzbegriff implizite in sich. Alls, was wir vorstellen, müssen wir als seiend, als existierend vorstellen« (l. c. S. 210). Existenz ist ein Prädikat, welches »Wirkungsfähigkeit« bedeutet. Es ist ein »Niederschlag der Erfahrung, daß gewisse für wirkungsfähig gehaltene Kraftzentren nicht existieren« (l. c. S. 212. Lehrb. d. Psychol.3, S. 144). Auch JODL hält die Existenz für unmittelbar mit der Wahrnehmung gegeben. die Anerkennung derselben ist aber ein späterer Akt der Reflexion (Lehrb. d. Psychol. S. 617). - Nach AD. STEUDEL ist das Sein undefinierbar (Philos. I 1, 289 ff.). R. WAHLE bemerkt: »Das Sein läßt sich nicht weiter begreifen. Sein und Vorkommnis sind für uns ein und dasselbe Ding unter verschiedenen Ausdrücken.« »Die Begriffe ›sein‹, ›beharren‹ und ›gleich sein‹ sind für das Bewußtsein dieselben« (Das Ganze d. Philos. S. 89 f., 180). Apriori ist der Seinsbegriff nach O. SCHNEIDER: »Sein und Nichtsein sind Erzeugnisse apriorischer Denkverrichtungen, sind Stammbegriffe des Denkens« (Transzendentalpsychol. S. 128). - Nach R. HAMERLING schließt der Seinsbegriff die Kategorien in sich als seine Bestimmungen (Atom. d. Will. I, 93 f.). In jedem Qualitätsurteil ist ein Existenzurteil miteingeschlossen. die Copula »ist« bejaht Prädikat und Subjekt (l. c. S. 120). Empirisch erfaßt das Seiende das Sein zunächst im Gefühl der eigenen Existenz (l. c. I, 108). »Esse est percipere.« Das Sein ist abstrahiert aus der Existenz des Ich (l. c. I, 115). Ähnlich erklärt NIETZSCHE , Sein sei Verallgemeinerung des Begriffs »Leben«, »Beseeltsein« (WW. XV, 289). »Denn esse heißt ja im Grunde nur ›atmen‹: wenn es der Mensch von allen andern Dingen gebraucht, so überträgt er die Überzeugung, daß er selbst atmet und lebt, durch eine Metapher, das heißt durch etwas Unlogisches, auf die anderen Dinge und begreift ihre Existenz als atmen nach menschlicher Analogie« (WW. X, 58). Das einzige Sein ist das Werden (s. d.).


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