Seele - Moderne II

Universal, identitätsphilosophisch oder aktual schlechthin ist der Seelenbegriff bei folgenden neueren Philosophen. Nach FECHNER ist die Seele »das einheitliche Wesen, das niemand als sich selbst erscheint«, »die Selbsterscheinung desselben Wesens, was als Körper äußerlich erscheint«, »das verknüpfende Prinzip des Leibes« (Üb. d. Seelenfr., S. 9, 210 ff.). Geist oder Seele ist das »dem Körper oder Leibe überhaupt gegenüber gedachte, sich selbst erscheinende Ganze, welchem Empfinden, Anschauen, Fühlen, Denken, Wollen u.s.w. als Eigenschaften, Vermögen oder Tätigkeiten beigelegt werden« (Zend-Av. I. S. XIX). Seele und Leib sind zwei Seiten desselben Wesens (l. c. II, 148). Die Seele hat eine vereinfachende Kraft (l. c. S. 141). Ähnlich lehrt PAULSEN (s. Aktualitätstheorie). Auch SPENCER, nach welchem der Geist an sich unerkennbar ist (Psychol. 1,§59), LEWES, nach welchem die Seele die Personifikation »of present und revived feelings« ist (Probl. III, 366), P. CARUS: »While body is the soul as it appears, soul is the essence of the body as it is in itself« (Prim. of Philos. 1896, p. 23. Soul of man 1891, p. 419), HÖFFDING (Psychol.3, S. 16 ff.), EBBINGHAUS, nach welchem »Seele« ein abgekürzter Kollektivausdruck ist (Grdz. d. Psychol. I, 17 f., vgl. S. 14, 27), u.a. - Nach J. ST. MILL ist die Seele (mind) nur »the series of our sensations« nebst »the addition of infinite possibilities of feeling« (Exam. p. 242, 247, 263, 268). Nach HODGSON ist die Seele »a series of conscious states among which is the state of self-consciousness« (Philos. of Refl. I, 226). Nach G. SIMMEL ist die Seele die Summe und der Zusammenhang der psychischen Äußerungen (Einl. in d. Mor. I, 200). Seele ist »gleichsam die Form, in der der Geist, d.h. der logisch-sachliche Inhalt des Denkens für uns lebt« (Philos. d. Ged. S. 499). Nach E. LAAS ist die Seele keine Substanz (Ideal. u. Posit. II, 171 f.). - Nach L. KNAPP ist die Seele nichts als eine Abstraktion von den Bewußtseinsvorgängen. Sie besteht »nur aus den einzelnen Bewußtseinserscheinungen..., welche der Stoffwechsel in dem lebenden Nerv produziert« (Syst. d. Rechtsphilos. S. 37). CZOLBE definiert: »Die Seele des Menschen ist die Summe der durch Gehirntätigkeit bedingten, aus Empfindungen und Gefühlen der Weltseele sich zusammenfügenden und in derselben wieder verschwindenden Mosaikbider« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 210 ff.). Nach L. NOIRÉ ist die Seele das Empfinden, »die individuelle Kraft, das schöpferische und erhaltende Prinzip des Organismus« (Einl. u. Begr. ein. mon. Erk. S. 159). Nach CARNERI ist die Seele »die individuelle Zusammenfassung des gesamten Organismus« (Sittl. u. Darwin. S. 132). Nach O. CASPARI ist die Seele »der Komplex von Erscheinungen..., der dem Innern angehört und direkterweise nur durch die innerliche Selbsterfahrung und durch die innere Wahrnehmung erkannt wird« (Zus. d. Dinge S. 321). Die Seele ist relative Substanz (l. c. S. 363). RENOUVIER erklärt: »La loi de personnalité, ou conscience, donnée sous la condition d'une organisation individuelle, peut s'appeller une âme« (Nouv. Monadol. p. 96). - Nach DURAND DE GROOS ist die geistige Einheit ein »Polyzoisme«. Als Substanz ist die Seele unsterblich, das Bewußtsein ist vergänglich (Ess. de physiol. philos. 1866. Ontolog. et psychol. physiol. 1871). Nach FOUILLÉE ist das Bewußtsein ein soziales Wesen (B. Soziologie). Nach E. DREHER ist die Seele zusammengesetzt, eine Art Staat (Philos. Abh. S. VII). - Nach RIBOT ist die Seele keine besondere Substanz. Substrat des Psychischen ist der Organismus. das Ich (s. d.) ist ein Komplex (Mal. de la vol. p. 4). Nach C. HAUPTMANN ist die Seele (im Sinne von AVENARIUS) die »parallele Abhängige jener komplexen Gleichzeitigkeiten und Folgen intimster ineinander greifender Stoffwirkungen..., welche in zentrierten dynamischen Systemen ihre erhaltungsgemäße Lageänderung bedingen« (Die Met. in d. modern. Physiol. S. 365). JODL erklärt: »Die Seele hat nicht Zustände oder Vermögen, wie Denken, Vorstellen, Fühlen, Haß u.s.w., sondern diese Zustände in ihrer Gesamtheit sind die Seele« (Lehrb. d. Psychol. S. 31). Nach R. WAHLE ist die Einheit des Bewußtseins ein Ausdruck für das Gleichbleiben der Ich-Vorkommnisse, keine Substanz. die individuelle Sphären-Abgrenzung ist Wirkung der »Urfaktoren« (Das Ganze d. Philos. S. 118 f.). Nach SCHUBERT- SOLDERN ist die Seele »der ununterbrochene Zusammenhang von Daten der Reproduktion und des Gefühles« (Gr. ein. Erk. S. 21), die »abstrakte Reproduktionsmöglichkeit« (l. c. S. 340). Den aktuellen Seelenbegriff haben FR. SCHULTZE (Vgl. Psychol.), H. CORNELIUS, H. MÜNSTERBERG. Es gibt keine psychische Substanz in den Objekten (Grdz. d, Psychol. I, S. 395). In mehr technischem Sinne muß als Seele »Jenes ideelle System individueller Wollungen gelten, das in der gesamten Reihe wirklicher Wollungen sich auslebt und doch in jedem neuen Akt sich mit dem gesamten System identisch setzt«. »Diese aktuelle Seele ist also beharrend, da sie in jedem Akte sich als identisch setzt. Sie ist einheitlich, da jede Wollung logische Umsetzung desselben Systems ist. Sie ist selbstbewußt« (l. c. S. 397). »Sie ist unsterblich, weil ihre aktuelle Realität in zeitlicher Gültigkeit nicht berührt werden kann durch biologisch- psychologische Objektphänomene in der Zeit. Sie ist frei, weil die Frage nach einer Ursache für sie grundsätzlich sinnwidrig ist« (ib.). - Nach L. F. WARD ist die Seele »animation or conscious spontaneous activity« (Pure Sociol. p. 140). EMERSON erklärt: »Die Seele umfaßt alle Dinge. Sie spottet... aller Erfahrung. In gleicher Weise hebt sie Zeit und Raum auf« (Essays, Überseele S. 86 ff.).

Die Aktualitätstheorie (s. d.) lehrt WUNDT. Die Seele ist keine Substanz (s. d.), sondern eine logisch- psychologische Einheit, ist im Denken, Fühlen und Wollen selbst gegeben, ist (empirisch) eins mit dem einheitlich-stetigen Zusammenhang der psychischen Akte. Im geistigen Leben ist alles reine Tätigkeit ohne geistig-substantiellen Träger. »Träger« der einzelnen Erlebnisse ist die einheitliche Tätigkeit des Wollens und Denkens selbst. Für die Psychologie ist die »Seele« ein Hülfsbegriff, der zur Zusammenfassung der Gesamtheit der psychischen Erfahrungen eines Bewußtseins dient (Log. II2, 2, 245 ff.. Philos. Stud. X, 76, XII, 41. Essays 5, S. 128). »Da die psychologische Betrachtung die Ergänzung der naturwissenschaftlichen ist, insofern die erstere die unmittelbare Wirklichkeit des Geschehens zu ihrem Inhalte hat, so liegt darin eingeschlossen, daß in ihr hypothetische Hülfsbegriffe, wie sie in der Naturwissenschaft durch die Voraussetzung eines von dem Subjekt unabhängigen Gegenstandes notwendig werden, keine Stelle finden können« (Gr. d. Psychol.5, S. 386). Das Bewußtsein ist durch die stetige Verbindung seiner Zustände eine ähnliche Einheit, wie der Organismus. Diese geistige Einheit ist aber nicht Einfachheit. Die Wechselbeziehung zwischen Physischem und Psychischem führt zur Annahme, daß »was wir Seele nennen, das innere Sein der nämlichen Einheit ist, die wir äußerlich als den zu ihr gehörigen Leib erkennen«. Der Leib als Ganzes ist beseelt. Das Seelische ist aber nicht Erscheinung, sondern die unmittelbare, die eigentliche Wirklichkeit. Die wesentlichste Eigenschaft dieses Innenseins der Dinge ist die Entwicklung, deren Spitze für uns unser Bewußtsein ist. dieses »bildet den Knotenpunkt im Naturlauf, in welchem die Welt sich auf sich selber besinnt«. »Nicht als einfaches Sein, sondern als das entwickelte Erzeugnis zahlloser Elemente ist die menschliche Seele, was Leibniz sie nannte: ein Spiegel der Welt« (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 648. Syst. d. Philos.2, S. 379 f.. Log. I., 551). Die Seele ist Lebensprinzip, das als Anlage schon mit der Materie (s. d.) überhaupt verbunden ist (Syst. d. Philos.2, S. 605 f.. Ess. 4, S. 124. Philos. Stud. XII, 47. Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 633, 636, 644. I4, 26). Die Seele ist die Entelechie (s. d.) des Leibes. Ist sie doch »der gesamte Zweckzusammenhang geistigen Werdens und Geschehens, der uns in der äußeren Beobachtung als das objektiv zweckmäßige Ganze eines lebenden Körpers entgegentritt« (Syst. d. Philos.2, S. 606). Isoliert von den Objekten gedacht, ist unsere Ich-Tätigkeit Wille. dieser ist die wahre Einheitsfunktion unseres Bewußtseins (Syst. d. Philos.2, S. 372 ff., 383). Der metaphysische Seelenbegriff ist der »reine Wille« als Apperzeption (s. d.), empirisch nicht gegeben, aber als letzte subjektive Bedingung jeder Erfahrung vorauszusetzen, ein »imaginär Transzendentes« (s. d.) (l. c. S. 383). Unsere Seele ist »vorstellender Wille« (l. c. S. 413 ff.), keine Monade, nichts Isoliertes, sondern Glied höherer geistiger Einheiten (s. Gesamtgeist). Den Identitätsstandpunkt verficht GROT (Arch. f. syst. Philos. 1898, 4. Bd.). Die Aktualitätstheorie acceptieren CESCA (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 11. Bd., S. 417), G. VILLA (Einl. in d. Psychol. S. 393 ff.), HELLPACH u.a.

Die Materialisten (s. d.) identifizieren die Seele mit dem Gehirn oder Gehirnprozessen. Nach BROUSSAIS ist die Seele »un cerveau agissant«. Nach E. DÜHRING ist »Seele« nur »die Verkörperung einer falschen Völkerphantasie, derzufolge im Leibe eine Psyche hausen und diese Behausung bei dem Tode wieder verlassen soll« (Wert d. Leb. S. 47). Materialistisch bestimmt die Seele J. PIKLER (Grundges. alles neuropsych. Leb. 1900). Nach H. KROELL ist die Seele der »Inbegriff der in sich geschlossenen Einheit sämtlicher durch die Arbeit der Reflexbögen zustande kommender Erscheinungsformen«. Sie ist Funktion, innere Erscheinungsweise (Die Seele im Lichte d. Mon. S. 30). Nach U. KRAMAR ist die Seele ein Teil des Weltäthers (Die Hypothese d. Seele 1898). Vgl. Geist, Psychisch, Leib, Identitätslehre, Materialismus, Spiritualismus, Dualismus, Seelensitz, Seelenvermögen, Parallelismus, Wechselwirkung, Bewußtsein, Ich, Subjekt, Substanz, Unsterblichkeit, Lebenskraft, Animismus, Hylozoismus, Panpsychismus, Pflanzenseele, Weltseele.


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