Subjektivismus

Subjektivismus: Subjektstandpunkt, bedeutet: 1) theoretisch: die Ansicht, daß alles Erkennen, Denken subjektiv (s. d.) sei, nicht das Wesen der Dinge, sondern nur die subjektive Reaktionsweise auf das Einwirken der Dinge oder gar nur die Zustände, Modifikationen des Subjekts allein ausdrücke, daß es nur subjektive Wahrheit (s. d.) gebe. Der Subjektivismus tritt in zwei Formen auf: als individualer Subjektivismus, der im einzelnen Subjekt das Maß der Dinge erblickt, und als genereller (gattungsmäßiger) Subjektivismus, der im erkennenden Subjekt überhaupt, etwa im menschlichen Wesen, das Bedingende aller Erkenntnis sieht. Der Kritizismus (s. d.) weiß mit dem generellen Subjektivismus einen wissenschaftlichen Objektivismus zu verbinden, indem er das Erkenntnisobjekt als Resultat der Denkarbeit des allgemeinen, in der Wissenschaft tätigen DenkSubjekts, mit Elimination alles bloß Individuell-Subjektiven, betrachtet (vgl. Relativismus). 2) praktisch-ethisch ist Subjektivismus a. die Ansicht, daß es keine objektiven, allgemeingültigen sittlichen Werte und Pflichten gebe, sondern daß das Werturteil des Individuums allein oder in erster Linie für sein Handeln maßgebend sei (ethischer Individualismus). b. jene Richtung, die »den durch das sittliche Handeln zu erreichenden Zweck als einen konkreten subjektiven Zustand in Handelnden selbst oder in anderen Individuen bestimmt« (KÜLPE, Einl. in d. Philos.2, S. 248).

Den theoretischen und teilweise auch den ethischen Subjektivismus lehren die Sophisten (s. d.). »Der Mensch ist das Maß aller Dinge«, sagt PROTAGORAS (s. Erkenntnis, Relativismus), wobei nicht sichergestellt ist, ob er den einzelnen oder den Menschen als Gattung (GOMPERZ u. a.) gemeint hat. Subjektivisten sind die Kyrenaiker. Wir kennen nur unsere Empfindungen, nicht die Dinge selbst: mona ta pathê katalêpta (Sext. Empir. Pyrrh. hyp. I, 215. Diog. L. II, 92). ta pathê kai tas phantasias en hautois tithentes ouk ôonto tên apo toutôn pistin einai diarkê pros tas hyper pragmatôn katabebaiôseis (Plut., Adv. Colot. 24). »Praeter permotiones intimas nihil putant esse iudicii« (Cicer., Acad. II, 46, 142). - Im Sinne des ethischen Subjektivismus ist der Satz: »There is nothing either good or bad, but thinking makes it so« (SHAKESPEARE, Hamlet II, 2). - Nach S. KIERKEGAARD ist die Wahrheit nur Subjektiv, die Subjektivität ist die Wahrheit. - Vgl. Subjekt, Subjektiv, Ethik, Sittlichkeit, Wahrheit, Erkenntnis, Sophisten, Sensualismus, Relativismus.


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