Spekulation

Spekulation (speculatio, theôria): Betrachtung, Anschauung, geistiges, denkendes Schauen, schauendes Denken, sei es das mystische, phantasiemäßige Betrachten des anscheinend in der Innenwelt sich manifestierenden Übersinnlichen, oder sei es die philosophische (durch »Geistesblick«) die Wesenheiten der Dinge concipierende und begrifflich construierende, zugleich mit logischer Phantasie die Erfahrungsinhalte zur Einheit eines Gedankensystems verknüpfende Geistestätigkeit. Alles Denken, welches aus ihren Prinzipien die Tatsachen der Welt und des Geistes zu begreifen, abzuleiten sucht, welches Einheit und Zusammenhang in den Komplex der Dinge bringen will, ist spekulativ. Im engeren Sinne ist die metaphysische Spekulation das Forschen nach dem Überempirischen.

Als theôria, intuitives Erkennen (auch der Gottheit eigen) tritt der Begriff der, Spekulation bei ARISTOTELES auf (Met. VI 1, 1025 b 18. IX 8, 1050 a 10. De an. II 1, 412 a 11. vgl. Dialektik: Plato), als intellectuale Anschauung (s. d.) bei den Neuplatonikern und vielen Mystikern (s. d.). So spricht SCOTUS ERIUGENA von einer »intellectualis visio«, einem »intuitus gnosticus« (De div. nat. II, 20). »Scientiae spekulativae« sind bei den Scholastikern die theoretischen Disziplinen (ALBERTUS MAGNUS, ROGER BACON u. a.. vgl. Prantl, G. d. L. III, 90, 122). Nach THOMAS ist »spekulativ« ein »videre causam per effectum« (Sum. th. II. II, 180, 3 ad 2).

BOVILLUS erklärt: »Proprii intellectus actus sunt hi: specierum acquisitio, earum in memoria depositio et in eadem speculatio« (De intell. 7, 7). Nach GOCLEN ist der Intellekt »spekulativus«, »qui ex principiis theoreticis elicit epistêta, id est conclusionem ad sciendum: et quidem etiam bonum contemplatur, qua est verum« (Lex. philos. p. 248). MICRAELIUS bemerkt: »Speculatio, Graecis theôria, in genere est consideratio rei secundum suas causas et effecta,« im engeren Sinne ist es »contemplatio« (Lex. philos. p. 1015). Spekulativ im Sinne von theoretisch bei F. BACON (De dignit. III, 3).

TETENS bemerkt: »Der gemeine Verstand arbeitet ohne Hülfe der Spekulation. Die Vernunft spekuliert aus Begriffen, die sie deutlich entwickelt« (Philos. Vers. I, 571). KANT bestimmt: »Eine theoretische Erkenntnis ist spekulativ, wenn sie auf einen Gegenstand oder solche Begriffe von einem Gegenstande geht, zu welchem man in keiner Erfahrung gelangen kann. Sie wird der Naturerkenntnis entgegengesetzt, welche auf keine anderen Gegenstände oder Prädikate derselben geht, als die in einer möglichen Erfahrung gegeben werden können« (Krit. d. r. Vern. S. 497). »Die Erkenntnis des Allgemeinen in abstracto ist spekulative Erkenntnis. - die Erkenntnis des Allgemeinen in concreto gemeine Erkenntnis. Philosophische Erkenntnis ist spekulative Erkenntnis der Vernunft« (Log. S. 29. vgl. S. 135). FRIES versteht unter Spekulation »die regressive Methode, durch welche wir uns der apodiktischen allgemeinen Gesetze, also der reinen Vernunfterkenntnisse, bewußt werden« (Syst. d. Log. S. 557). Nach BOUTERWEK ist Spekulation besonders die »Betrachtung der Wahrheit selbst und ihres Verhältnisses zum Wesen der Dinge« (Lehrb. d. philos. Wissensch. I, 13). Als intellektuelle Intuition (s. d.) tritt die Spekulation bei SCHELLING auf. Sie geht auf das Absolute, »verlangt das Unbedingte« (Vom Ich, S. 26). HEGEL versteht unter Spekulation die vernünftige, dialektische (s. d.) Ableitung der Wirklichkeit ans dem Begriff. »Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige faßt die Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung auf, das Affirmative, das in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten ist« (Encykl. § 82). Die spekulative Wissenschaft macht das Allgemeine der andern Wissenschaften zu ihrem eigenen Inhalte, führt zugleich andere Kategorien ein (l. c. § 9). Nach J. E. ERDMANN ist die Intelligenz spekulativ, insofern »der Begriff (das Begreifen) sich in den Objekten tanquam in speculo wiedererkennt und sich als alle Wirklichkeit weiß« (Grundr. § 723). SCHLEIERMACHER bestimmt das, »spekulative Wissen« als »ein Wissen mit dominierender Begriffsform, wobei das Urteil nur als conditio sine qua non erscheint« (Dialekt. S. 130). SCHASLER bemerkt: »In der Spekulation ist... ein dreifacher Prozess...: die unmittelbare Intuitivität, das logisch-notwendige Denken, was wir Reflexion nennen können, und die vermittelte Intuitivität« (Kr. Gesch. d. Ästhet. S. 942). - HERBART erklärt: »Herausschaffung des Widerspruchs ist der eigentliche Actus der Spekulation. Und Spekulation im strengen Sinne ist der willkürlose Gang des zur Umwandlung vordringenden Gedankens« (Hauptp. d. Met. S. 7). »Die Spekulation sucht Beziehungen, notwendigen Zusammenhang« (l. c. S,. 24). Jede Spekulation »sucht eine Construction von Begriffen, welche, wenn sie vollständig wäre das Reale darstellen würde, wie es dem, was geschieht und erscheint, zum Grunde liegt« (Met. II, § 163). ULRICI bestimmt die Spekulation als das produktive, ergänzende Schauen, Herausschauen der Welteinheit und das Ordnen und Ergänzen der Erfahrungen von dieser Einheit aus (Glaube u. Wiss. S. 292). Nach TEICHMÜLLER ist bei der philosophischen Spekulation das Interesse »den bei Auffassung und Beurteilung des Wirklichen erkannten Ideen, die mit den ihnen zugeordneten Coordinatensystemen eine eigene Welt für sich bilden« zugewandt (Neue Grundleg. S. 297). JOËL bemerkt: »Die Welt durchschauen im Denken - das ist die vielgeschmähte Spekulation«. (Philosophenwege 1901, S. 292). - Nach E. DÜHRING bedeutet Spekulativ »durch bloße Denknotwendigkeit« (Wirklichkeitsphilos. S. 261). R. WAHLE: bemerkt: »Menschliches Raisonnement verdient eigentlich erst dann den Namen einer Spekulation, wenn es darauf ausgeht, eine Tatsache als die Funktion exakt bestimmter Faktoren in ihrer exakt bestimmbaren Wechselwirkung aufzufassen. Diese Spekulation erfolgt nur mittelst mathematischen Denkens« (Das Ganze d. Philos. S. 5). Vgl. Anschauung, Intuition, Philosophie.


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