Selektion

Selektion (Auslese, Zuchtwahl), natürliche, heißt seit CH. DARWIN die Erhaltung der bestangepaßten, tüchtigen, lebensfähigen, mit nützlichen Eigenschaften versehenen Arten von Lebewesen, dann auch von (körperlichen und geistigen) Produkten solcher im Wettbewerb um die Existenz, Kampf ums Dasein (s. Evolution). Während extreme Darwinisten der Selektion die Hauptrolle für die Entwicklung der Arten zuschreiben, betonen andere die Bedeutung der direkten Anpassung (s. d.), der Übung, Korrelation der Organe, der inneren (Willens-)Tendenzen der Lebewesen (s. Evolution). Über Selektion und Evolution sei hier noch das folgende nachgetragen. Eine Entwicklung der Organismen aus niederen Arten lehrt ARCHELAUS (vgl. Siebeck, a. d. Ps. l, 93). Die Selektion lehrt schon LUCREZ. Erst entstanden Mißgeburten, die untauglicher Art waren, sich nicht erhalten und fortpflanzen konnten und so zugrundegehen mußten. Andere Arten aber hatten und haben nützliche Eigenschaften, die sie schützen und begünstigen. »Multaque turn interiisse animantum saecla necessest | nec potuisse propagando procudere prolem | nam quaecumque vides vesci vitalibus auris, | aut dolus aut virtus aut denique mobilitas est | ex ineunte aevo genus id tutata reservans.« Andere Wesen aber »aliis praedae lucroque iacebant | indupedita suis fatalibus omnia vinclis, | donec ad interitum genus id natura redegit« (De rer. nat. V, 834 ff., 852 ff.).

GOETHE bemerkt: »Alles, was entsteht, sucht sich Raum und will Dauer. deswegen verdrängt es anderes von seinem Platz und verkürzt seine Dauer« (WW. XIX, 212. vgl. XXXIII, 121). Die Entwicklung des Menschen vielleicht aus höheren Affen vermutet J. E. V. BERGER (Grdz. d. Anthropol. u. Psychol. 1824). Vgl. STEFFENS, Anthropol. S. 192 ff.

Nach ULRICI setzt der Darwinismus die Teleologie voraus (Gott u. d. Nat. S. 383). Innere Triebkräfte der Evolution nimmt M. CARRIERE an (Sittl. Weltordn. S. 265 ff.). Gegen die Descendenztheorie erklärt sich PLANCK. Nach ihm erfolgt der Ursprung des Menschen nicht aus einer bloß tierischen Stufe, sondern »aus dem vollendeten Entwicklungsstreben des innerlich universellen Grundes« (Testam. ein. Deutsch. S. 330 ff.). Gegner des Darwinismus sind mehr oder weniger auch J. HUBER, FROHSCHAMMER, A. WIGAND (Der Darwinism. ein Zeich. d. Zeit, 1878 u.a.), W. SCHNEIDER (Die Sittl. im Lichte d. darwin. Entwicklungslehre, 1895), J. B. MEYER (Philos. Zeitfrag.), G. WOLFF (Der gegenwärt. Stand d. Darwinism., 1901), L. WOLTMANN (Die Darwinsche Theor. u. d. Social, 1899) u. a (vgl. Überweg-Heinze, Gr. d. Gesch d. Philos. IV9, 269). - Für Darwin sind u.a. auch FR. SCHULTZE (Kant u. Darwin, 1875), O. ZACHARIAS (Kat. d. Darwinism., 1893), GL. JÄGER (Die darwinische Theor., 1869), teilweise A. WEISMANN (Stud. zur Descendenztheor., 1875/76, u.a.), H. SPITZER (Beitr. zur Descendenztheor., 1886). DU PREL wendet den Begriff des »Kampf ums Dasein« auf die Himmelskörper an, auch auf das Geistige (Monist. Seelenl. S. 67). Vgl. R. SCHMID, die Darwinsche Theorie u. ihre Stell. zur Philos., Relig. u. Moral, 1876. E. DREHER, Der Darwin. u. seine Stell. in d. Philos., 1877. R. SCHELLWIEN, Der Darwinism. u. seine Stell. in d. Entwickl. d. wiss. Erk., 1896. GIZYCRI, Philos. Konsequenzen d. Lamarck-Darwinschen Entwicklungstheor., 1876, u.a. (bei Überweg l. c. S. 270 verzeichnete) Schriften.

Für die Evolution, aber gegen die Einseitigkeit des Darwinismus ist NANDIN (Sur la doctrine de l'évolut., citiert bei Janet, Psychol. p. 25 ff.). Nach FOUILLÉE ist Prinzip der Evolution ein »nisus a fronte«, »l'appétit«, »le vouloir-vivre«, nicht ein bloßer Mechanismus (Psychol. d. id.-forc. I, p. XIX). »La sélection extérieure présuppose évidemment un ressort interne« (l. c. p. 79). »Le darwinisme porte exclusivement sur le mécanisme extérieur des choses déjà existantes, sur les rapports d'éléments une fois données« (l. c. I, 56). Es gibt auch Selektion der Ideen (l. c. p. 183 f.), »Sélection cérébrale ou intellectuelle« (l. c. p. 184). RIBOT lehrt (wie Roux) einen Kampf ums Dasein zwischen den Organen (Psych. d. sent. p. 5). 5). Nach LEWES ist die Selektion »an agency not identical with the variations of growth, but exclusively confidned to the accumulation of favorable variations« (Probl. III, 135). Einen Neo-Lamarckismus vertritt E D. COPE (Faktors of organic evolut., 1886). Eine »organische Selektion«, als auswählende Tätigkeit des Lebewesens unter seinen Vorstellungen u.s.w., lehrt BALDWIN (On Selective Thinking, Psychol. Review V, 1898, p. 1 ff.). Vgl. J. WARD, Naturalism and Agnosticism, 1899. Vgl. E. v. HARTMANN, Annal. d. Naturphilos. II. 286 ff.


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