Rechtsphilosophie - Antike

Ansätze zur Rechtsphilosophie finden sich schon bei den älteren griechischen Philosophen. Nach HERAKLIT ist das Gesetz (s. d.), das die Welt regiert, auch als Staatsgesetz als höchste zu achten, zu beschützen: machesthai chrê ton dêmon hyper nomou hokôsper teichous (Diog. L. IX, 2. vgl. Clem. Alex., Strom. IV, 478b). Über die beste Staatsverfassung äußert sich schon der (Pythagoreer?) PHALEAS, der eine Art Communismus verlangt: isas einai tas ktêseis tôn politôn (Aristot., Polit. II 7, 1266a 40). - Die fürderhin oft wiederholte Auffassung des Rechtes als einer nicht ursprünglichen, sondern conventionellen Einrichtung (thesis) soll schon ARCHELAUS gehabt haben. Bei verschiedenen Sophisten (s. d.) ist sie ausgesprochen. Nach HIPPIAS ist das Gesetz der Tyrann des Menschen, der Naturwidriges mit sich bringt: ho de nomos tyrannos ôn tôn anthrôpôn, polla para tên physin biazetai (Plat.. Prot. 337 D). Die Gesetze sind wandelbar (Memor. IV, 4). POLUS, THRASYMACHUS, KALLIKLES halten das Recht für eine Satzung der Starken, Mächtigen zu ihrem Nutzen (to dikaion ouk allo ti ê to tou kreittonos xympheron, Plat., Rep. 344 C). die Schwachen haben das Recht zu ihrem Schutze vor Willkür angenommen (Plat., Gorg. 483 B, C, 466 B, 471 A, 491 E. Rep. 338 C). Nach LYKOPHRON ist das Gesetz engyêtês tôn dikaiôn (Arist., Polit. III 9, 1280b 11. vgl. Rhet. III, 3). Die Relativität des Rechtes soll PROTAGORAS ausgesprochen haben (Plat., Theaet. 167 C. vgl. Prot. 320 C squ.). Den Gedanken des Naturrechtes hat schon ALKIDAMAS gehabt (Arist., Rhet. I 13, 1373 b 18).

Die Göttlichkeit, Unbedingtheit des Gesetzes betont SOKRATES (Xenoph., Memor. IV, 4, 12 squ.). Dem Verständigen (epistamenos) kommt die Herrschaft zu (l. c. III, 9, 10. III, 6, 14). Der Herrscher soll die Beherrschten glücklich machen (l. c. III, 2, 4). Den Kosmopolitismus lehren die Kyniker (s. d.), nach welchen die sittlichen Gesetze über den politischen stehen: ton sophon ou kata tous keimenous nomous politeuesthai, alla kata ton aretês (Diog. L. VI, 11. VI, 63: kosmopolitês). Rückkehr zum Naturzustand ist erwünscht. - Auf eine ethische Basis stellt die Staatslehre PLATO. Der Staat hat seinen Ursprung in den Bedürfnissen der Menschen (poiêsei de autên, hôs eoiken, hê hêmetera chreia, Rep. II, 369 C), in dem Bedürfnisse nach sozialem Anschluß gignetai... polis, hôs hêgômai, epeidê tynchanei hêmôn hekastos ouk autarkês, alla pollôn endeês (l. c. 369 B. vgl. 369 C). Der Staat ist etwas Organisches, er ist der Mensch im großen. Die Arbeitsteilung im (Ideal-)Staate ist nach dem Muster der drei Seelenteile und der Cardinaltugenden (s. d.) beschaffen. Es ergeben sich so der Stand der Herrscher, der der »Wächter« (Krieger), der der Handwerker und Bauern (Rep. 368, squ.). Herrscher sollen die Weisen, die Philosophen, oder die Herrscher sollen weise sein, dem Dienste der Ideenweisheit leben und nach ihr handeln (Rep. V, 473. vgl. IV, 441 squ.). Zweck des Staates ist die sittliche Erziehung der Bürger zu ihrer eigenen Glückseligkeit und zum Wohl der Gesamtheit. Um dem Egoismus zu steuern, soll es bei den zwei oberen Ständen kein Privateigentum geben. Die Kindererziehung ist (für die oberen Stände) eine staatliche und für den Staat. Wissenschaftliches und künstlerisches Leben unterliegt staatlicher Regulierung (vgl. die zweite Staatsform in den »Leges« (Nomoi). Ethisch begründet das Staatswesen auch ARISTOTELES. Das Recht ist die Ordnung der politischen, sozialen Gemeinschaft: hê gar dikê politikês koinônias taxis estin (Polit. I, 2). Der Mensch ist ein soziales Wesen (zôon politikon, ib.). Der Staat ist ein Naturprodukt. um des Lebens willen entstanden (anankê dê prôton syndyazesthai tous aneu allêlôn mê dynamenous einai Polit. I 2, 1252a 26), soll er dem sittlichen, guten Leben dienen (ginomenê men oun tou zên heneka, ousa de tou eu zên, Polit. I, 2. VII, 8). Der Staat ist poleôs taxis tôn te allôn archôn kai malista tês kyrias pantôn (Polit. III 6, 1278b 6). Er hat vor dem Einzelnen das Prius. Historisch geht er aus dem Zusammenschluß von Familien und Gemeinden hervor (Polit. I 2, 1253a 29). Dem vollkommenen Leben dient der Staat (Polit. III 9, 1280b 29). Die Sklaverei ist (infolge der Inferiorität eines Teiles der Menschen, insbesondere der »Barbaren«) etwas Natürliches, zu Billigendes (Polit. I 5. V 4, 1253b 30). Die Verfassung des Staates soll entsprechend den Verhältnissen sein. Die beste Verfassung ist die dem Gemeinwohl und der Sittlichkeit dienende (Eth. Nic. II 1, 1103b 3 squ.). Richtige (orthai) Staatsverfassungen sind basileia, aristokratia, politeia (oder Timokratie), fehlerhafte (hêmartêmenai) tyrannis, oligarchia, dêmokratia (Polit. III, 7 squ.. aristokratisches Princip: III, 13. Über Erziehung: VIII, 1 squ.). Die Stoiker lehren, infolge der Weltvernunft, die in allen Menschen lebt, gebe es nur ein Recht, einen Staat. alle Menschen sind Mitbürger des Universalstaates, zu dem auch die Götter gehören (vgl. SENECA, EP. 47, 31. De benef. IV, 18. De otio, 31. CICERO, De fin. III, 20, 30. MUSONIUS RUFUS: Koinê patris anthrôpôn hapantôn ho kosmos estin (Stob., Floril. 40, 9. MARC AUREL, In se ips. IV, 4. VI, 44. IX, 23. II, 1. VII, 13). Der Mensch ist physei zur Gemeinschaft bestimmt, er kann nur in der Gesellschaft bestehen (Diog. L. VII 1, 131). Das Recht ist göttlichen Ursprungs (ek tou Dios Plut., De Stoic. rep. 9), ist in der Vernunft (orthos ligos) gegründet (l. c. 35). Die Strafe betreffend, bemerkt SENECA: »Nemo prudens punit, quia peccatum est, sed ne peccetur« (De ira I, 16). CICERO spricht vom natürlichen Geselligkeitstrieb des Menschen (»naturalis quaedam quasi congregatio«) (De rep. I, 1, 25). Die »civitas« ist eine »constitutio populi« (l. c. I, 1, 26). Die gemischte Staatsform ist die beste (l. c. I, 1, 29). Es gibt eine »lex naturae«, »nata lex« (l. c. II, 1 squ.. III, 113. Tusc. disp. I, 13, 30. Pro Milone, 4, 10). Der Begriff des »Naturrechts« (Vernunftrechts) wird von der römischen Rechtswissenschaft rezipiert. Diese bestimmt das Naturrecht (auch »ins gentium« genannt) als das, »quod natura omnia animalia doeuit«. »Quod naturalis ratio apud omnes homines constituit, id apud omnes gentes peraeque custoditur vocaturque ius gentium quasi quo iure omne utantur« (Inst. I, 2, 2). Dem »ius naturale« nach werden alle Menschen frei geboren (Inst. II, 1, 2). Vom Naturrecht ist auch bei AMBROSIUS die Rede: »lex naturae, quae nos ad omnem stringit humanitatem, ut alter alteri tanquam unius partes corporis invicem deferamus« (De officiis minist. I, 211). - Aus dem Nutzen für die Individuen leitet die Societät EPIKUR ab. Staat und Recht beruhen auf Convention aus utilitaristischen Motiven, zum Zwecke des Schutzes gegen Übergriffe: to tês physeôs dikaion esti symbolon tou sympherontos eis to mê blaptein allêlous mêde blaptesthai ... Ouk ên ti kath' heauto dikaiosynê, all' en tais met' allêlôn systrophais, kath' hopêlikous dêpot' aei topous synthêkê tis hyper tou mê blaptein mêde blaptesthai (Diog. L. X, 150 squ.. Cicer., De fin. II, 25, 80. Sen., Ep. 19, 10. vgl. LUCREZ, De nat. rer. 947 squ.).


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