Realität des Raumbegriffs

 

Als subjektiv mit einer objektiven Grundlage bestimmt den Raum EIERBART. Der Raum ist »objektiver Schein«, eine »zufällige Ansicht« von Beziehungen der Realen (Allg. Met. II, 209). Das Continuum ist ein Widerspruch. Dem empirischen entspricht ein »intelligibler Raum«, den »die Metaphysik für die Lagenveränderungen intelligibler Wesen konstruiert« (Hauptp. d Met. S. 47), welchen wir »zu dem Kommen und Gehen der Substanzen unvermeidlich hinzudenken« (Met. II, 199. Lehrb. zur Einl. § 160, S. 289 f., 310 ff. vgl. Linie, starre. vgl. HARTENSTEIN, Allg. Met. S. 289 ff.). Nach LOTZE müssen der räumlichen Ordnung bestimmte Verhältnisse der Dinge entsprechen (Log S. 521). Der Raum ist ein Wort der Sprache der Seele (Mikrok. I2, 258 f). Der Raum und die räumlichen Beziehungen sind »Formen unserer subjektiven Anschauung« (l. c. III2, 487 ff). Der Raum ist »eine Art von Integral, welches das Ganze angibt, das aus der Summierung aller unendlich vielen Anwendungen des Gesetzes des Nebeneinander hervorgeht« (l. c. S. 492) Korrelat des Raumes sind intellektuelle Beziehungen zwischen den Dingen (l. c. S. 498). Jedes Ding hat seinen bestimmten Platz in der Gesamtheit des Wirklichen (ib.). »Dieser intellektuellen Ordnung entsprechend wird jedes Ding auch einer Seele... an dem bestimmten Platze zwischen den Bildern der übrigen Dinge erscheinen, den ihm die Gesamtheit unserer intellektuellen Beziehungen zu diesen anweist« (l. c. S 498). »Die räumliche Erscheinung der Welt ist nicht schon fertig durch das Bestehen der intellektuellen Ordnung zwischen den Dingen. sie wird erst fertig durch die Einwirkung dieser Ordnung auf diejenigen, denen sie erscheinen soll« (ib.). Der Raum ist in den Dingen, nicht sind die Dinge im Raume (l. c. S. 509). - Nach H. SPENCER ist der Raum das Abstraktum von allen Gleichzeitigkeiten (First Princ. S. 162). Unsere Raumvorstellung wird durch einen gewissen Zustand des Unerkennbaren bedingt, ihre Unveränderlichkeit weist auf eine absolute Gleichförmigkeit der durch das letztere auf uns hervorgebrachten Wirkungen hin. Der Raum hat so relative Wirklichkeit (l. c. S. 163). Der Raum ist »eine Form, die, weil sie die konstante Größe in sämtlichen in der Erfahrung präsentierten Eindrücken und daher auch in allen im Denken repräsentierten Eindrücken bildet, unabhängig von jedem besondern Eindruck erscheint« (Psychol II, § 330, S 177). - L. DILLES erklärt: »Aller Raum, in den wir Empfindungen verlegen, d.h. in dem wir Außendinge wahrnehmen, ist aufgehobenes Moment unseres Ich« (Weg zur Met. S 82 f.). »Der Raum ist die mehr oder weniger inadäquate Erscheinung der Ordnung der Weltdinge. er ist nur die einseitige Form, in der uns die ideelle Geschiedenheit derselben behufs unserer Orientierung (Stellungnahme) nach ihnen entgegentritt« (l. c. S. 115. vgl. S. 107, 221).

In verschiedener Weise wird die Subjektiv-objektive Geltung des Raumes gelehrt, indem bald mehr das Objektivistische, bald mehr das Objektivistische hervortritt. TRENDELENBURG findet in den Kantschen Argumenten für die Subjektivität des Raumes eine »Lücke« (Log. Unt. I2, 162 ff). Die Notwendigkeit der Raumvorstellung spricht vielmehr gerade für ihre Objektivität (l. c. S. 162). Der Raum ist das äußere Produkt der schöpferischen, realen Denkbewegung (l. c. S. 166 ff). Durch die constructive Bewegung (s. d.) entsteht auch der Subjektive, »innere« Raum. Nach FROHSCHAMMER ist der Raum eine Setzung der Phantasie (Die Phantas. S. 189). Nach ROSMINI ist der reine Raum der phänomenale Terminus unseres Grundgefühls (Teosof. V, 43S ff.). Der Raum hat nur relatives Sein außer uns, ist aber objektiv (l. c. V, 443). Nach W. ROSENKRANTZ ist der Raum eine Form unserer eigenen Denktätigkeit (Wissensch. d. Wiss. II, 108 ff., 220). Aber dem Raume und der Zeit muß im Objektiven etwas entsprechen. »Wären beide wirklich bloß Erzeugnisse unserer eigenen Denktätigkeit, so könnten auch die Bestimmungen des Raumes und der Zeit an den einzelnen Dingen nur wieder in unserer eigenen Denktätigkeit ihren Grund haben. Dann müßte es aber im allgemeinen von unserem Belieben abhängen, wo und wann wir uns in der äußern Anschauung die Dinge vorstellen wollen. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Wir fahlen uns in der äußern Anschauung insbesondere auch in Beziehung auf die räumlichen und zeitlichen Bestimmungen durch eine Notwendigkeit gebunden, vermöge welcher wir uns dieselben im Raume und in der Zeit nur so neben- und nacheinander vorstellen können, wie wir sie uns wirklich vorstellen. Ist aber das Nebeneinandersein und die Aufeinanderfolge der Dinge objektiv bestimmt, so folgt hieraus, daß der subjektiven Verbindung durch unsere Denktätigkeit eine gleiche objektive Verbindung des Räumlichen und Zeitlichen an den Dingen entsprechen muß« (l. c. S. 221). Unser Denken wiederholt die objektiven Verbindungen subjektiv (l. c. S. 222). Aus dem Raume folgt notwendig die Zeit, aus dieser der Raum. »Der Raum dauert in der ganzen Zeit, und die Zeit verfließt im ganzen Raume« (l. c. S. 223). Den Raum können wir nur als unendlich vorstellen (l. c. S. 214). Die Vorstellung des Raumes entsteht durch unsere eigene Tätigkeit, »indem wir die außer- und nebeneinander befindlichen Teile der Objekte zu einer Einheit verbinden« (l. c. S. 217 f.). Nach PESCH ist der Raum »die Möglichkeit der Fassungsfähigkeit von Ausgedehntem«, »ein Gedankending, welches sich auf Wirkliches, nämlich auf Ausgedehntes, bezieht und im Wirklichen, nämlich in der göttlichen Unermeßlichkeit, seinen letzten Grund hat« (Groß. Welträtsel II2, 304).

Nach L. FEUERBACH sind Raum und Zeit »die Existenzformen alles Wesens«, »Gesetze des Seins wie des Denkens«, »die Offenbarungsformen des wirklichen Unendlichen« (WW. II, 255 f., 332). Der Raum ist wie die Zeit eine Anschauungsform, »aber nur, weil er meine Seins- und Wesensform, weil ich ein an sich selbst räumliches und zeitliches Wesen bin und nur als ein solches empfinde, anschaue, denke« (WW. X, 187). Die Realität des Raumes lehrt CZOLBE (Neue Darstell. d. Sensual. S. 109 ff.). ÜBERWEG erklärt: »Raum und Zeit können nicht subjektiv sein, da die Empfindungen auf Bewegungen beruhen. Wir fühlen uns immer an die Verbindung bestimmter Formen mit bestimmten Stoffen gebunden« (Log. S. 71). »Demnach spiegelt sich in der räumlich-zeitlichen Ordnung der äußeren Wahrnehmung die eigene räumlich-zeitliche Ordnung und in der inneren Wahrnehmung die eigene zeitliche Ordnung der realen Objekte ab« (l. c. S. 85, 89). Die Gültigkeit der mathematisch-physikalischen Gesetze auch in bezug auf die realen Naturobjekte bestätigt die Objektivität von Raum und Zeit (Welt- u. Lebensansch. S. 54). Durch das reale Zusammensein der Kräfte wird der Raum von drei Dimensionen gebildet (ib.). Mathematisch ist der Raum »das in sich gleichartige, Überallhin unendlicher Teilung und unendlicher Erweiterung fähige Continuum von Orten, die ein materieller Körper einnehmen kann« (l. c. S. 272). Die geometrischen Axiome gewinnen durch die Erfahrung eine fortlaufende approximative Bestätigung ihrer Konsequenzen (l. c. S. 268). E. DÜHRING versteht unter dem »sachlichen Raume« »das, wodurch die Dinge ihre Abstände haben« (Log. S. 199). »Die Naturkräfte selbst sind es..., vermöge deren die gegenseitigen Abstände der Gesamtkörper oder der materiellen Teilchen gerade so und nicht anders bestehen oder verändert werden. Die Raumsetzung oder der räumliche Abstand bedeuten alsdann ein Kraftverhältnis, und niemals können die räumlichen Gestaltungen auf diese Weise ohne bestimmte, sog. endliche Größe in Frage kommen« (l. c. S. 200). »Die räumliche Anordnung von Bestandteilen kennzeichnet sich demgemäß als eine Anordnung von Bestandteilen, in welcher die Elemente selbst die Träger des Gruppierungsschematismus sind« (ib.). »Das Schema nun, welches auf diese Weise wahrnehmbar wird, ist eben der Raum«, welcher seiner Ausdehnung nach nicht unendlich ist (l. c. S. 201. vgl. De temp., spatio, causal. 1861). Die Realität des Raumes als der Totalität der Relationen zwischen den Teilen der Materie lehrt CONTI (Il vero nell' ordine I, 187 ff.). V. KIRCHMANN erklärt: »Die Vorstellung des einen, grenzenlosen Raumes hat... die sinnliche Wahrnehmung zu ihrer Grundlage, aber sie ist nicht bloß Wahrnehmung, sondern das trennende und verbindende Denken ist bei ihrer Bildung mit tätig gewesen.« Als in der Wahrnehmung (s. d.) mit enthalten ist der Raum ein Seiendes (Kat. d. Philos.3, S. 92). Der Inhalt des Raumes ist derselbe in der Wahrnehmung wie im Sein (l. c. S. 94).

 


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