Gedächtnis - Hegel, Schopenhauer, Ritter...

FRIES nennt Gedächtnis das Vermögen der Fortdauer unserer Vorstellungen (Syst. d. Log. S. 51 f.). Die Erinnerung besteht darin, daß uns »Erkenntnisse, die wir früher hatten, wieder zum Bewußtsein kommen« (l.c. S. 63). HEGEL erklärt: »Der Name als Verknüpfung der von der Intelligenz produzierten Anschauung und seiner Bedeutung ist zunächst eine einzelne vorübergehende Produktion, und die Verknüpfung der Vorstellung als eines Innern mit der Anschauung als einem Äußerlichen ist selbst äußerlich. Die Erinnerung dieser Äußerlichkeit ist das Gedächtnis« (Encykl. § 460). ES gibt ein »behaltendes« und »reproduzierendes« Gedächtnis (l.c. § 462). Erinnerung ist »die Beziehung des Bildes auf eine Anschauung, und zwar als Subsumtion in der unmittelbaren einzelnen Anschauung unter das der Form nach Allgemeine, unter die Vorstellung, die derselbe Inhalt ist; so daß die Intelligenz in der bestimmten Empfindung und deren Anschauung sich innerlich ist und sie als bereits ihrige erkennt, wobei sie zugleich ihr zunächst nur inneres Bild nun auch als unmittelbares der Anschauung, und an solcher als bewährt weiß« (l. c § 454). K. ROSENKRANZ versteht unter »Erinnerung« (im Unterschiede von der »Wiedererinnerung«) das Innerlichmachen der Anschauung als aktives Erinnern, Verinnern, wodurch die Anschauung zum »Bilde« wird (Psychol.3, S. 338 ff.). Das »Gedächtnis« entsteht mit der Sprache als »das Erfassen der Sache in der Äußerlichkeit ihrer Bezeichnung. Es verknüpft mit einem Namen eine Sache« (l.c. S. 398 ff.). Die Erinnerung im gewöhnlichen Sinne ist das Werk der »reproduktiven Einbildungskraft«, »welche die Vorstellung ohne den äußeren Anreiz einer korrespondierenden Anschauung durch die freie Macht der subjektiven Intelligenz plötzlich und unwillkürlich wieder hervorruft« (l.c. S. 347 ff.; Syst. d. Wiss. § 638 f.). Nach HILLEBRAND ist das Gedächtnis »das Streben der Seele, sich an dem zeitlich-bestimmten Denken als einfache freie Selbstheit in kontinuierlicher Identität mit sich... zu behaupten« (Phil. d. Geist. I, 232). Es bezeichnet »die Gedanken-Kontinuität in einem psychischen Individuum« (ib.). Erinnerung ist »die Reproduktion eines psychischen Selbstbestimmungsaktes mit der Bestimmtheit des abstrakten Unterschiedes zwischen dem subjektiven Selbst und dem bezüglichen Objekte« (l.c. I, 229). SCHOPENHAUER erklärt: »Die Eigentümlichkeit des erkennenden Subjekts, daß es in Vergegenwärtigung von Vorstellungen dem Willen desto leichter gehorcht, je öfter solche Vorstellungen ihm. schon gegenwärtig gewesen sind, d.h. reine Übungsfähigkeit, ist das Gedächtnis«. »Will man von dieser Eigentümlichkeit unseres Vorstellungsvermögens ein Bild..., so scheint mir das richtigste das eines Tuchs, welches die Falten, in die es oft gelegt ist, nachher gleichsam von selbst wieder schlägt.« »Keineswegs ist... eine Erinnerung immer dieselbe Vorstellung, die gleichsam aus ihrem Behältnis wieder hervorgeholt wird, sondern jedesmal entsteht wirklich eine neue, nur mit besonderer Leichtigkeit durch die Übung« (Vierf. Wurz. C. 7, § 45).

HERBART erklärt das Gedächtnis als »unverändertes Wiedergeben früher gebildeter Vorstellungsreihen« (Umr. päd. Vorles. I, C. 2, § 21). Es gibt kein allgemeines Gedächtnis, sondern jede Vorstellung (s. d.) hat das Streben, nach ihrer Hemmung (s. d.) wieder bewußt zu werden (Lehrb. zur Psychol.3, S. 16; s. Reproduktion). Nach VOLKMANN kommt jeder Vorstellung ihr Gedächtnis zu. Man kann »das Streben der Vorstellung nach Unmittelbarer Reproduktion deren Gedächtnis im engeren Sinne, jenes, andere zur mittelbaren Reproduktion zu bringen, deren Erinnerungskraft nennen und beide unter das Gedächtnis im weiteren Sinne zusammenfassen« (Lehrb. d. Psychol. I4, 490). Die Erinnerung besteht in der »Reproduktion der Reihen von einem gemeinschaftlichen Endgliede aus« (l.c. S. 457). Nach BENEKE ist das Gedächtnis jeder Vorstellung die Kraft, mit welcher sie unbewußt (als »Angelegtheit«, »Spur«, s. d.) fortexistiert, die »Kraft ihres psychischen Seins« (Pragm. Psychol. I, 190; Lehrb. d. Psychol. § 101 f.). Die Erinnerung ist »fortgesetzte Reproduktion« (Lehrb. d. Psychol. § 104). Nach H. RITTER ist Erinnerung »das Bewußtsein einer vergangenen Erscheinung in der Gegenwart« (Syst. d. Log. S. 202). Rein psychologisch erklärt auch GEORGE das Gedächtnis (Lehrb. d. Psychol.), so auch J. H. FICHTE (Psychol. I, 437 ff.) und ULRICI, nach welchen Erinnerung eine Eigenschaft der Seele ist (Leib u. Seele S. 477 ff., 497). Die Reproduktion ist vom Gefühl abhängig (l.c. S. 491 f.); so auch HORWICZ (Psychol. Anal. I, 318). RENOUVIER erklärt Gedächtnis und Phantasie für nicht prinzipiell verschieden (Nouv. Monadol. p. 116). Die Erinnerung (»remémoration active«) ist ein Suchen nach der Vorstellung, sie ist »une fonction hégémonique de l'esprit« (l.c. p. 120). L. NOIRÉ betont, wir können uns nur dessen erinnern, was wir wollen (Einl. u. Begr. e. mon. Erk. S. 204). Nach WITTE besteht das Gedächtnis »in der Kraft des Ichs, alle Bewußtseinsinhalte und Vorgänge auf seine eigene schlechthin konstante vorempirische Lebenseinheit zu beziehen« (Wes. d. Seele S. 182). REHMKE bestimmt das Erinnern als »in der Vorstellung etwas als Bekanntes wiederholen« (Allg. Psychol. S. 532). Gedächtnis ist »das Vorstellenkönnen von früher Gehabtes als früher Gehabtes« (l.c. S. 496). M. MÜLLER sieht im »Gedächtnis« einen Namen für die Erhaltung geistiger Kraft; zu erklären ist nur das Vergessen (Das Denken im Lichte d. Sprache S. 63 f.). H. CORNELIUS bestimmt die »Gedächtnisbilder« als Nachwirkungen früherer Erlebnisse. Das »Gedächtnisbild« hat »stets eine von ihm selbst zu unterscheidende Bedeutung«, es gibt sich uns unmittelbar als »Nachwirkung« zu erkennen, enthält den »Hinweis auf ein Nichtgegenwärtiges« (»symbolische Funktion« der Gedächtnisbilder Einl. in d. Philos. S. 210 ff.). Das Gedächtnis besteht in einer »Fortwirkung der vergangenen Inhalte«. Empfindung und Erinnerungsbild sind inhaltlich verschieden (Psychol. S. 20 ff.). Nach DESSOIR bedeutet »Gedächtnis« im allgemeinen Sinne »die Tatsache, daß Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle, Triebe ohne bedeutende Änderung ihres Inhaltes unter gewissen Bedingungen wieder auftauchen« (Doppel-Ich S. 65). Es gibt im Ich zwei »Gedächtnisketten«, eine ober- und unterbewußte (l.c. S. G`).


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