Geist. Antike, Scholastik

Als eigenes Prinzip des Seienden bestimmt den Geist zum erstenmal ANAXAGORAS. Freilich ist der »Geist« (nous) hier noch ein feinster Stoff, nicht absolut immateriell: esti gar leptotaton te pantôn chrêmatôn kai katharôtaton kai gnômên ge peri pantos pasan ischyei. Kai ischyei megiston;noos de pas homoios esti kai ho mezôn kai ho elassôn (Simpl. ad Arist. Phys. 33). Unbegrenzt, für sich seiend, rein und unvermischt mit den übrigen Dingen ist der Nus (noos de estin apeiron kai autokrates kai memiktai oudeni chrêmati, alla mounos autos eph' heautou estin, ib.; Aristot., Phys. VIII 5, 256b 24 squ.). Der Geist ist das Prinzip der Weltordnung, der zweckvolle Gestalter des Stoffes: panta chrêmata ên homou. eitha ho nous elthôn auta diekosmêse (Diog. L. II, 3, 6). Der Geist ist der Grund der Bewegung (Veränderung), der Scheider der Materie (kinêsin empoiêsai ton noun kai diakrinai Aristot., Phys. VIII 1, 250b 24). Allwissend und allmächtig ist der Geist (panta egnô noos, pantôn noos kratei, panta diekosmêse noos Simpl. ad Arist. Phys. 33); epei panta noei, amigê einai, hôsper phêsin 'Anaxagoras, hina kratê, touto d' estin hina gnôrizê (Arist., De an. III 4, 429a 18). Der nous kosmopoios ist die Gottheit (Stob. Ecl. I 2, 56). Als etwas Stoffliches feinster Art fassen den nous auf: BRUCKER, TIEDEMANN, FR. KERN, G. GROTE, D. PEIPERS, DILTHEY, COMPERZ, WINDELBAND (als »Kraftelement« »Bewegungsstoff«), ZELLER, UPHUS, KÜHNEMANN; als immateriell: FREUDENTHAL, HEINZE, E. ARLETH (vgl. dessen Lehre d. Anax. vom Geist, Arch. f. Gesch. d. Philos. VIII, 205). Der Hylozoismus (s. d.) betrachtet den Geist als Eigenschaft des Stoffes. Nach HERAKLIT durchdringt der Geist (logos s. d.) das All. Nach DEMOKRIT ist der Geist das Produkt der Atome (s. d.) und ihrer Bewegungen. Eine Weltvernunft anerkennt PLATO. Der vernünftige, geistige Teil der Seele nous, logistikon) ist das Oberste in ihr (Rep. IV, 435). Nach ARISTOTELES ist der nous die höchste Energie (energeia) der Seele, die nur dem Menschen, nicht den Tieren zukommt (De an III 3, 429a 23). Der nous ist das Denkprinzip (legô de noun hô dianoeitai kai hypolambanei hê psychê) De an. III 4, 429 a 23). Nicht mit dem Leibe vermengt ist der Geist (De an. III 4, 429 a 24), einfach und stetig ist er (ho de nous heis kai synechês hôsper kai hê noêsis, De an. I 3, 407 a 8). Er ist vom Leibe trennbar, leidlos, rein (kai houtos ho nous chôristos kai apathês kai amigês De an. III 5, 430a 17), unvergänglich und göttlich (ho de nous isôs theioteron ti kai apathes estin De an. I 4, 408 b 29; De an. II 2, 413b 26; III 4, 429 a 15 squ.). Der Geist ist in der Seele (en psychê nous Eth. Nic. I 4, 1096b 29), er stammt aber »von außen« (thyrathen) von Gott, dem reinen Geiste (noêsis noêseôs). Er ist die Form der Formen (eidos eidôn, De an. III 8, 432a 2), das Wertvollste (Met. XII 9, 1074b 26). Der Potenz nach ist der Geist eins mit seinen Inhalten (hoti dynamei pôs esti ta noêta ho nous, De an. III 4, 429 b 30). THEOPHRAST (bei Simpl., Phys. 225a) und STRATO (Cic. ad Acad. II, 38, 121) betrachten den Geist als ein der Seele Immanentes, als deren Entwicklungsproduct. Die Stoiker lehren die Existenz eines Weltgeistes (pneuma s. d.), dessen Ausfluß apospasma der menschliche Geist ist (M. AUREL, In se ips. XII, 26). Bei den Neupythagoreern ist der nous die Einheit der Ideen (B. d.) (NICOMACHUS, Arithm. intr. I, 6). PHILO bestimmt den nous als psychê psychês als Organ übersinnlicher Erkenntnis (Opp. I, 42, II, 408). PLUTARCH VON CHAERONEA erblickt im Geiste eine selbständige Wesenheit. So auch PLOTIN. Nach ihm ist der Geist einfach, die Seele (s. d.) hingegen gegliedert (Enn. IV, 1). Der nois ist eine Emanation (s. d.) des Urseins; er denkt das Seiende und ist es insofern (Enn. IV, 5), er ist die Totalität der Ideen (l.c. IV, 8). Zum Unterschiede vom »Einen« (hen) hat der Geist schon die Andersheit (heterotês) an sich, den Gegensatz des Denkens und Gedachten. In den Dingen wirken geistige Kräfte (noi, noerai dynameis). In der Seele (s. d.) ist der nous die oberste Kraft (l.c. II, 9, 2). Als Emanationsprodukt bestimmen den Geist die Gnostiker. Sie und die Kirchenväter sind zugleich von dem evangelischen Glauben an den »heiligen Geist« (s. Pneuma) beeinflußt. Von der Seele unterscheiden den Geist (pneuma) TATIAN, ORIGENES (De princ. VIII, 1), auch die Kabbalâ. Als feinen Stoff bestimmt den »spiritus« (s. d.) TERTULLIAN: »spiritus enim corpus sui generis in sua effigie« (Adv. Prax. C. 7). Den »spiritus« erklärt AUGUSTINUS als »quaedam vis animae mente inferior, in qua imagines rerum imprimuntur« (Super Genes. ad litter. XII, 9). DAVID VON DINANT nennt den Geist (Noym) das »primum divisibile, ex quo constituuntur animae« (bei HAURÉAU II 1, p. 76). Als Einheit der Ideen (s. d.) betrachtet den Geist BERNHARD VON CHARTRES. Die Einheit von Geist und Seele betont ROB. VON ST. VICTOR: »Neque enim in homine uno alia essentia est eius spiritus atque alia eius anima, sed prorsus una eademque simplicisque naturae substantia« (De extern. mal. tr. 3, C. 18). THOMAS versteht unter Geist als Vermögen die Denkkraft; der Geist ist »ipse intellectus examinans res, secundum quad mens dicitur a metior, metiris« (1 sent. 3, 5, 6); »mens in anima nostra dicit illud, quod est altissimum in virtute ipsius« (De verit. 10, 1 C). Gott (s. d.) ist nach den Scholastikern reiner Geist. Von der Seele unterscheidet den Geist auch ECKHART.

Einen »spiritus mundi« nimmt AGRIPPA VON NETTESHEIM an. NICOLAUS CUSANUS trennt den Geist nicht von der Seele. »Mens est viva substantia, quam in nobis interne loqui et indicare experimur..., est vis in se omnia suo modo complicans« (Idiot. III,.5). PARACELSUS betrachtet den Geist als den innersten Teil der Seele, als göttliches Bildnis oder »Fünklein« (Phil. sag. p. 433 f.). CAMPANELLA unterscheidet von der empfindenden Seele den aus Gott »per ineffabilem emanationem« stammenden Geist, mens (Univ. phil. I, 5, 2).


 © textlog.de 2004 • 22.10.2019 16:35:21 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z