Gefühl. Bewußtsein oder Wirkung der Förderung oder Hemmung der Seelenkräfte

Nach einer Auffassung gilt das Gefühl als Bewußtsein oder Wirkung der Förderung oder Hemmung der Seelenkräfte. Schon bei PLATO findet sich diese Auffassung to plêrousthai tôn phisei prosêkontôn hêdy esti Rep. IX, 585 D). Eine gewisse Stärke der Eindrücke ist nötig, um Lust oder Unlust hervorzurufen, je nachdem die naturgemäße Beschaffenheit des Organs wiederhergestellt oder verändert wird (Tim. 64 E squ., 65 A, 66 C, 67 A; Phileb. 31D squ., 32A u. B). Es gibt gemischte Gefühle (Gorg. 496 D u. E; Phileb. 36, 46 C). Zu unterscheiden sind wahre und falsche Lust oder Unlust (Phil. 38, 62 A). Ferner bei ARISTOTELES, der die Lust als energeian tês kata physin hexeôs (Eth. Nie. VII 13, 1153a 14) bestimmt und auf die Förderung oder Hemmung der naturgemäßen Beschaffenheit des Organs hinweist (De an. 426 a 30 f.). Die Lust ist kinêsis tês psychês kai katastasis athroa kai aisthêtikê eis tên hyparchousan physin (Rhet. I 11, 1369b 33). Jede Empfindung ist mit Gefühlen verbunden. So auch bei den Peripatetikern, die von der diachysis und der systolê der Lebenstätigkeit sprechen (Alex. Aphr., Quaest. IV, 5, 241, 11); sie nehmen auch gemischte Gefühle (I, 12) und einen Indifferenzzustand an (IV, 14). - Nach AUGUSTINUS beruhen Lust und Unlust auf dem Grade der Anstrengung, welchen die Seele in dem Acte der Erhaltung ihrer Selbständigkeit gegenüber der Störung seitens des Leibes nötig hat, um den Eindruck mit ihrer Tätigkeit in Übereinstimmung zu bringen (SIEBECK, Gesch. d. Ps. I 2, 394). THOMAS AQUINAS faßt unter »passio« Gefühl und Affekt (s. d.) zusammen und führt die Unlust auf eine Störung der organischen Einheit und Harmonie zurück (Sum. th. I, 36, 3). MELANCHANTOS: »Laetitia est motus, quo cor praesenti bono suaviter fruitur« (De an. p: 181). DESCARTES: »Laetitia incunda commotio animae, in qua consistit possessio boni, quod impressiones cerebri ei repraesentant ut suum« (Pass. an. II, 91). Die Gefühle sind auf die Bewegungen der Lebensgeister (s. d.) zu beziehen, sind aber subjektive Zustände, sie sind »referri ad animam« (Pass. I, 29). SPINOZA betrachtet die Gefühle als Zustände der Förderung oder Herabsetzung der seelischen Kraft, des Ich. »Laetitia est hominis transito a minore ad maiorem perfectionem« (Eth. III, aff. def. II). »Per laetitiam... intelligam passionem, qua mens ad maiorem perfectionem transit: per tristitiam autem passionem, qua ipsa adminorem transit perfectionem« (III, prop. XI, schol., s. Affect). L. VIVES: »Delectatio sita est in congruentia, quam invenire non est sine proportionis ratione aliqua inter facultatem et obiectum, ut quaedem sit quasi similitudo inter illa« (De an. III). Ähnlich LEIBNIZ (Nouv. Ess. II, ch. 21, § 42), CHARRON (De la sag. III, 38), BOSSUET, BATTEUX, VAUVENARGUES, SULZER, MENDELSSOHN, HUNGAR, WETZEL, VILLAUME, JERUSALEM, COCHIUS, HOFFBAUER (Dessoir, Gesch. d. n. Ps.2, 435 f.), auch HERDER, CHR. SCHMID: »Wenn die Gegenstände... unseres Vorstellungsvermögens so beschaffen sind und in einem solchen Verhältnisse zu uns stehen, daß sie der Empfänglichkeit desselben einen solchen und so vielen Stoff darbieten, als dem Zwecke der fortschreitenden Wirksamkeit seines tätigen Vermögens an denselben angemessen ist: so entsteht das Gefühl der Lust« (Emp. Ps. S. 273, wie REINHOLD, Vers. e. Theor. 8. 143). BENEKE: »Gefühle... sind nichts anderes als das unmittelbare Bewußtsein, welches wir in jedem Augenblicke von den Bildungsverschiedenheiten oder den Abständen zwischen den Entwickelungen unseres Seins haben« (D. n. Ps. S. 186; Skizz. z. Naturl. d. Gef. S. 19 ff.). Nach SCHALLER erklären sich Lust und Unlust aus der Übereinstimmung und dem Widerstreit, in welchem der empfundene Lebensprozess mit der Natur der Seele oder des »Selbstgefühls« steht (Psych. I, 210). Auch die Herbartianer sind hier zu nennen (s. oben), ferner JOUFFROY, W. HAMILTON (Lect. on Met. C. 41 ff.) sieht in der Lust einen Reflex der ungehinderten Ausübung eines Vermögens der Vermehrung der Energie. Nach BAIN beruht das Gefühl auf Harmonie oder Conflict zwischen unseren Empfindungen (Emot. and Will3, C. l ff., p. 10 f.). Nach SULLY ist Gefühl der Ton der Erfahrung (Handb. d. Psychol. S. 310). Es ist das dynamische Element des Willens (l.c. S. 312). Lust beruht auf Erhöhung der psychischen Funktion durch eine normale, angemessene Übung (l.c. S. 315). Gefühle associieren sich, können auch reproduziert werden (l.c. S. 321). Es gibt auch Gefühlsdispositionen (l.c. S. 322 f.; vgl. Hum. Mind II, C. 13 u. 14; STOUT, Anal. Psychol. II, C. 12; TITCHENER, Outlin. of Psychol.c. 9; BALDWIN, LADD, HÖFFDING). Nach ULRICI stehen die Gefühle im Zusammenhang mit der Förderung und Hemmung, der Harmonie und Disharmonie des psychischen Lebens (L. u. S. S. 447). LIPPS meint das gleiche (Grundt. d. Seel. S. 60, 63 f.). »Das Gefühl... ist der unmittelbare Bewußtseinsreflex der Weise, wie ein seelischer Vorgang ins Ganze der Seele... sich einfügt« (Eth. Grundfr. S. 34). »Das Gefühl der Befriedigung oder Lust ist die Art, wie die Einstimmigkeit eines psychischen Vorganges mit dem, was er in der Seele vorfindet, sich dem Bewußtsein unmittelbar kundgibt« (ib.; vgl. Viertelj. f. w. Ph. XIII, 160). Auf innerer Zusammenstimmung oder Harmonie von Bewußtseinsinhalten beruht die Lust nach (FECHNER und) CASPARI (Zusammenh. d. Dinge S. 470 f.). Nach WUNDT ist das Gefühl ein zentraler psychischer Vorgang, die Reaktion des Bewußtseins auf die in dasselbe eintretenden Vorstellungen, eine Reaktionsweise der Apperzeption (s. d.), die Art und Weise, wie die Vorstellung vom Ich aufgenommen wird (Vorles.2, S. 225; Grdz. d. ph. Ps. I4, 588 f., II4, 564; Esssys 8, 212; 11, 294). Vgl. weiter unten. Nach ZIEGLER zeigt uns das Gefühl »den Wert an, den ein Reiz für mich hat, und es erzwingt demselben durch diese Wertung und Wertschätzung den Eintritt in mein Bewußtsein« (D. Gef.2, S. 99, vgl. S. 106).


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