Gefühl. Streben und Wollen

Zum Streben und Wollen wird das Gefühl in verschiedener Weise in Beziehung gebracht. So von den Scholastikern (im Anschlusse an ARISTOTELES, De an. I, 7) zu den Begehrungen des Guten und Verabscheuungen des Schlechten (THOMAS AQUINAS, SUAREZ, De pass. I, 2). - Nach BRENTANO sind Gefühl und Wille stets vereinigt als »Phänomene der Liebe und des Hasses« (Psych. I, 307 f.). Die Gefühle sind intentionale (s. d.) Acte, haben eine Richtung auf etwas (l.c. I, 116 ff.). FECHNER: »Wir finden, daß in uns selbst alles, was den Charakter der Unlust trägt oder uns aus dem Gesichtspunkt des Übels erscheint, grundgesetzlich eine psychische Tendenz mitführt, diese Unlust, des Übelscheinende zu beseitigen, indes das Lustvolle, das, was uns als gut erscheint, das Streben zu seiner Erhaltung oder Steigerung in uns erweckt« (Zendav. I, 287). Nach WINDELBAND sind die Gefühle »nichts anderes als das Mittelglied, vermöge dessen wir von unserem eigenen an sich unbewußten Willen überhaupt etwas erfahren«. Sie bedeuten eine »Reaktion auf die Bedürfnisse und Triebe des Willens« (Prälud. S. 194 f.). E. v. HARTMANN bestimmt (wie schon SCHOPENHAUER) Lust und Unlust als »Willensbefriedigung« und »Repression des Willens« (Kateg. S. 66). Sie sind »bloße Affektionen oder Modi des Willens«.(S. 64), »Formen der Bewußtwerdung des Willens in seiner Collision mit anderm Wollen« (S. 63). Das bewußte Gefühl ist »Reaktion des Wollens auf eine ihm widerfahrene Hemmung; beziehungsweise auf die Überwindung dieser Hemmung« (Mod. Ps. S. 199; Ph. d. Unb.10, 34 ff., 41 ff.; Neukant. 296 f., 359 ff.). »Das Bewußtsein der Unlust ist die Stupefaktion des Willens über die seinem eigensten Streben zuwiderlaufende Hemmung und Stauung seiner Kraft« (Mod. Ps. S. 200). Der Übergang von Spannkraft in lebendige Kraft erregt Lust, die Stauung von lebendiger Kraft in Spannkraft Unlust (S. 199; Kat. S. 59; Ph. d. Unb.10, II, 37 f., 113 f., III, 116 f.). Das Gefühl ist »Produkt des Wollens« (Mod. Ps. S. 199). Schon den Uratomen kommt ein Gefühl zu, aus solchen Gefühlen setzen sich die Empfindungen (s. d.) zusammen (Kat. S. 59; Mod. Ps. S. 195 f.). Nach HAMERLING ist das Gefühl »der Bezug, welchen die Wahrnehmung oder Vorstellung zu unserem Willen hat« (Atom. d. Will. I, 270). »Lust ist befriedigter, Unlust gehemmter Wille« (ib.). NIETZSCHE erklärt (wie E. v. HARTMANN), das Gefühl sei kein Motiv, sondern »Begleiterscheinung«, »Symptom«, nämlich der erreichten Macht, eine »Differenz-Bewußtheit«. Lust und Unlust sind nur Folgen des »Willens zur Macht« (s. d.). Lust ist ein »Plus-Gefühl von Macht,« Unlust »Hemmung eines Willens zur Macht.« Gefühle sind also Willensreaktionen, die zugleich in der Zentralsphäre des Intellekts wurzeln, ein Urteilen, ein Messen nach der Gesamtnützlichkeit oder Gesamtschädlichkeit (als Niederschlag langer Erfahrung - etwas Ähnliches bei SPENCER) enthalten (WW. XV, 262, 302 ff., 307, 312). Auch RIBOT (s. oben) ist hier anzuführen. PAULSEN erklärt: »Die Urform des Willens ist blinder Trieb, er erscheint im Bewußtsein als gefühlter Drang. Setzt der Drang sich durch, so wird die gelingende Lebensbetätigung mit lustbetonten Gefühlen begleitet; Hemmung der Lebensbetätigung wird mit Unlustgefühlen empfunden« (Syst. d. Eth. I5, 208). »Jede Willensregung ist ursprünglich zugleich Gefühlserregung und umgekehrt, jede Gefühlserregung ist zugleich positive oder negative Willensregung« (l.c. S. 209).

WUNDT sieht in den »Gefühlselementen« oder »einfachen« Gefühlen die »Subjektiven« Elemente des Bewußtseins (Gr. d. Ps.5, S. 36). »Minimal-« und »Maximalgefühl« bezeichnen die Endpunkte der Intensitätsgrade des Gefühls (S. 38). Die Gefühlsqualitäten sind durch »größte Gegensätze« ausgezeichnet, zwischen denen eine »Indifferenzzone« liegt (S. 41). Der Ursprung der Gefühle ist ein einheitlicher (S. 44). Sie sind ebenso real wie die Empfindungen (S. 45) Sinnliches Gefühl (Gefühlston) ist »das mit einer einfachen Empfindung verbundene Gefühl« (S. 93). Drei Hauptrichtungen des Gefühls lassen sich unterscheiden: Lust und Unlust (Qualitätsrichtungen), Erregung und Beruhigung (Intensitätsrichtungen), Spannung und Lösung (Zeitrichtungen), abhängig vom Verlauf der psychischen Vorgänge (S. 101, Vorles. üb. d. Mensch.3, 238 ff.). Aus den Verbindungen einfacher gehen »zusammengesetzte« Gefühle hervor, in welchen das »Totalgefühl« gegenüber den »Partialgefühlen« etwas Neues darstellt (Grdz. d. ph. Ps. II4, 498; Gr. d. Ps.5, S. 189 ff.). Die Gefühle sind als Momente von Willenshandlungen aufzulassen. »Alle, selbst die verhältnismäßig indifferenten Gefühle enthalten in irgend einem Grade ein Streben oder Widerstreben...« (Gr. d. Ps. S. 220 f). Im einzelnen gibt es zwar Gefühle, die nicht in Affekten und Willenshandlungen endigen, im ganzen Zusammenhange aber »kann das Gefühl ebenso gut als der Anfang einer Willenshandlung wie umgekehrt das Wollen als ein zusammengesetzter Gefühlsprozess und der Affekt als ein Übergang zwischen beiden betrachtet werden« (S. 221). Gefühl und Wille sind »Teilerscheinungen eines und desselben Vorgangs«, Gefühle sind teils Anfangs -, teils Begleitzustände des Wollens, Willensrichtungen. Die Gefühle sind Elemente des Wollens. Die »Einheit der Gefühlslage« in jedem Moment beruht auf der Einheit des Wollens (Grdz. d. ph. Ps. II4, 498; Vorles.3 245, 252 Ess. 8, 213 ff., 220; Eth.2, 436; Phil. Stud. XV, 149 ff. gegen TITCHENER in Zeitschr. f. Psychol. XIX, 321 ff.). Vgl. CESCA, Die Lehre von der Natur der Gefühle (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. X, 1886).

Nach F. V. FELDEGG (Das Gefühl als Fundam. d. Weltordnung 1890; Beiträge zur Philos. d. Gefühls 1900) ist das Gefühl metaphysisches Prinzip. Vgl. Affekt, Empfindung, Lust.


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