Kraft

Kraft ist ein Begriff, der ursprünglich aus der innern Erfahrung der »Muskelkraft« und der Fähigkeit des Ich überhaupt, durch seinen Willen etwas zu realisieren, einen Widerstand zu überwältigen, entstammt, und der dann auch auf die Objekte der Außenwelt übertragen wird. Das Ich selbst ist und weiß sich unmittelbar in seinem Tun, Wirken als eine »Kraft«, d.h. als ein des Wirkens Fähiges, Mächtiges, Könnendes. Indem das Tun des Ich an der Außenwelt seine Schranke findet, sich durch die Objekte gehemmt fühlt, kann es nicht umhin, den erlittenen Widerstand als Ausfluß, Betätigung einer ihm (dem Ich) analogen, einer Willenskraft zu deuten, die das Ding ihm, dem Ich, gegenüber gebraucht und vermöge deren es auch andere Dinge in ihrem Sein beeinflußt oder beeinflussen kann. »Eine Kraft haben« heißt so beschaffen sein, daß man, wenn man etwas erstrebt, und wenn kein unüberwindliches Hindernis besteht, das Erstrebte realisieren wird. Wir schreiben den Dingen Kräfte zu, das bedeutet, wir erwarten, auf Grund der obenerwähnten Introjektion (s. d.) und von Erfahrungen unter gewissen Bedingungen eine bestimmte Wirkungsweise des Dinges, das wir als Eigner der Kraft, als »Kraftcentrum« auffassen. Die »Kraft« ist kein Ding, sondern das Attribut eines Dinges, nämlich dessen Wirkungsfähigkeit, insofern sie in der Wesenheit des Dinges selbst gegründet ist. Ursprünglich sind die Kräfte, die der Mensch (der Mythus) den Außendingen zuschreibt, Willenskräfte, Strebungen, also qualitativ bestimmt. Das naturwissenschaftliche Denken abstrahiert von dieser Qualität, berücksichtigt nur das Quantitative im Wirken und erhebt den Begriff der Kraft zu einem reinen Beziehungsbegriff. Die Metaphysik wiederum kann nicht umhin, dem Kraftbegriff seine qualitative Bestimmtheit, nun aber in geläuterten vom roh Anthropomorphistischen befreiten Form, zurückzugeben. - Die physischen Kräfte sind mechanische (Bewegungs-) oder chemische Kräfte, die psychischen (geistigen) sind Denk- und Willensfähigkeiten, Fähigkeiten der Bewußtseinsveränderung. »Lebendige Kraft« ist Energie (s. d.). Ihr Maß hat die mechanische Kraft an ihren Wirkungen, an der Beschleunigung, die sie an einer bestimmten Masse hervorbringt.

Den Ursprung des Kraftbegriffes anlangend, wird dieser von den Rationalisten (s. d.) als angeborener, denknotwendiger Begriff angesehen (ARISTOTELES, Scholastiker u. a.). Nach HUME ist der Kraftbegriff ein subjektiv-psychologisches Gebilde (s. unten), nach KANT ist er eine der »Prädikabilien« (s. d.) ein abgeleiteter, aber apriorischer Verstandesbegriff von bloß phänomenaler (s. d.) Geltung. Nach andern ist er aus der Erfahrung abstrahiert. Insbesondere wird der Ursprung oder wenigstens das Prototyp des Kraftbegriffs in das Bewußtsein von der eigenen (physischen oder psychischen) Wirkungsfähigkeit des Ich gesetzt. 



Inhalt:


Gallilei, Locke, Condillac, Hume
Aristoteles, Descartes, Leibniz
Kant, Schelling, Schopenhauer
Lotze, Fechner, Wundt

 © textlog.de 2004 • 17.07.2019 04:19:00 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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