Morgenlied


Ein Stern still nach dem andern fällt

Tief in des Himmels Kluft

Schon zucken Strahlen durch die Welt,

Ich wittre Morgenluft.

 

In Qualmen steigt und sinkt das Tal;

Verödet noch vom Fest

Liegt still der weite Freudensaal,

Und tot noch alle Gäst.

 

Da hebt die Sonne aus dem Meer

Eratmend ihren Lauf;

Zur Erde geht, was feucht und schwer,

Was klar, zu ihr hinauf.

 

Hebt grüner Wälder Trieb und Macht

Neurauschend in die Luft,

Zieht hinten Städte, eitel Pracht,

Blau Berge durch den Duft.

 

Spannt aus die grünen Tepp'che weich,

Von Strömen hell durchrankt,

Und schallend glänzt das frische Reich,

So weit das Auge langt.

 

Der Mensch nun aus der tiefen Welt

Der Träume tritt heraus,

Freut sich, daß alles noch so hält,

Daß noch das Spiel nicht aus.

 

Und nun geht's an ein Fleißigsein!

Umsumsend Berg und Tal

Agieret lustig groß und klein

Den Plunder allzumal.

 

Die Sonne steiget einsam auf,

Ernst über Lust und Weh

Lenkt sie den ungestörten Lauf

Zu stiller Glorie. -

 

Und wie er dehnt die Flügel aus,

Und wie er auch sich stellt,

Der Mensch kann nimmermehr hinaus

Aus dieser Narrenwelt.


 © textlog.de 2004 • 13.12.2018 07:39:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.08.2005 
Abuse Trap
  Home  Impressum  Copyright