Das Mundstück der Götter


176.

Das Mundstück der Götter. — Der Dichter spricht die allgemeinen höheren Meinungen aus, welche ein Volk hat, er ist deren Mundstück und Flöte — aber er spricht sie, vermöge des Metrums und aller anderen künstlerischen Mittel so aus, dass das Volk sie wie etwas ganz Neues und Wunderhaftes nimmt und es vom Dichter allen Ernstes glaubt, er sei das Mundstück der Götter. Ja, in der Umwölkung des Schaffens vergisst der Dichter selber, wo er alle seine geistige Weisheit her hat — von Vater und Mutter, von Lehrern und Büchern aller Art, von der Straße und namentlich von den Priestern; ihn täuscht seine eigene Kunst und er glaubt wirklich, in naiver Zeit, dass ein Gott durch ihn rede, dass er im Zustande einer religiösen Erleuchtung schaffe, — während er eben nur sagt, was er gelernt hat, Volks-Weisheit und Volks-Torheit miteinander. Also: insofern der Dichter wirklich vox populi ist, gilt er als vox dei.


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