Charakter

Charakter (charaktêr, Gepräge, von charassein; charaktêres schon von THEOPHRAST auf Menschen angewandt): die bestimmte Art und Weise des Seins und Wirkens, die eigentümliche Natur eines Wesens, dann der Grundzug des Wollens und Handelns, die konstante Richtung desselben. Der Charakter eines Menschen ist das Produkt der Wechselwirkung angeborener Anlagen (Gefühls- und Willensdispositionen) mit äußeren (physisch-psychischen) Einflüssen (ursprünglicher - erworbener Charakter). Das Handeln wird durch den Charakter bestimmt, und es beeinflußt diesen wiederum, indem es ihn modifiziert, variiert. Im engsten Sinne des Wortes bedeutet Charakter den festen, unentwegten, sich selbst treuen Charakter, den strengen, guten Charakter; Gegensatz dazu: Charakterlosigkeit. Der Terminus »character« bedeutet seit AUGUSTINUS ein durch die Sakramente der Seele eingeprägtes heiliges Zeichen (später »character sacramentalis« genannt). Seit LA BRUYÈRE (Les Charactères 1687) hat das Wort die jetzige Bedeutung (vgl. EUCKEN, Gesch. d. Grundbegr.).

Nach der Lehre der Veden ist der Charakter die Frucht und Folge des Handelns in einer Präexistenz (DEUSSEN, Allg. Gesch. d. Philos. I 1, 297 f.). HERAKLIT sagt, der Charakter bestimme das Leben des Menschen (êthos gar anthrôpô daimôn, Alex. Aphrod., De fato 6). SENECA versteht unter dem Charakter das »semper idem velle atque idem nolle« (Ep. 29, 4).

KANT unterscheidet »empirischen« und »intelligiblen« Charakter. Ersterer ist der objektiv-phänomenale, d.h. der Zusammenhang der Willenshandlungen, unter der Kategorie der Kausalität betrachtet, letzterer gleichsam das An-sich dieses Charakters oder der Charakter, rein durch die Vernunft und unter dem Postulate der Freiheit (Selbstbestimmung) aufgefaßt. »Man könnte auch den ersteren den Charakter eines solchen Dinges in der Erscheinung, den zweiten den Charakter des Dinges an sich selbst nennen« (Kr. d. r. Vern. S. 433). Für den empirischen Charakter gilt der (psychologische) Determinismus (s. d.). Der intelligible Charakter des Subjekts ist der, dadurch es zwar die Ursache seiner Handlungen als Erscheinungen ist, »der aber selbst unter keinen Bedingungen der Sinnlichkeit steht und selbst nicht Erscheinung ist« (ib.). »Als solches würde dieses tätige Wesen sofern in seinen Handlungen von aller Naturnotwendigkeit, als die lediglich in der Sinnenwelt angetroffen wird, unabhängig und frei sein« (l.c. S. 434). SCHOPENHAUER lehrt, »daß der intelligible Charakter jedes Menschen als ein außerzeitlicher, daher unteilbarer und unveränderlicher Willensakt zu betrachten sei, dessen in Zeit und Raum und allen Formen des Satzes vom Grunde entwickelte und auseinandergezogene Erscheinung der empirische Charakter ist, wie er sich in der ganzen Handlungsweise und im Lebenslaufe dieses Menschen erfahrungsmäßig darstellt« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 55). Die Freiheit liegt nur im Sein, nicht im Tun: »operari sequitur esse«, das Handeln ist notwendig durch das Sein bedingt (Üb. d. Freih. d. Will. V). »Der Charakter des Menschen ist constant: er bleibt derselbe, das ganze Leben hindurch.« »Der Mensch ändert sich nie.« »Der individuelle Charakter ist angeboren« (l.c. III; Neue Paralip. § 220). An eine vorzeitliche Bestimmung des eigenen Seins durch den Willen glaubt auch SCHELLING. CHR. KRAUSE spricht von der »Lebensgrundweise«. Nach FRIES ist Charakter die »Kraft der verständigen Selbstbeherrschung« (Anthrop. § 75). Nach J. E. ERDMANN ist er die »durch wiederholte Entschlüsse zur Gewohnheit gewordene Weise sich zu entschließen« (Gr. d. Psych. § 162). Nach HERBART ist er das, was der Mensch eigentlich will (Allg. Pädag. S. 299). VOLKMANN: »Psychologische Freiheit als bleibende Eigentümlichkeit des Subjekts bezüglich einer ganzen Klasse von Wollen heißt Charakterzug, und über das gesamte Wollen ausgedehnt: Charakter« (Lehrb. d. Psychol. II4, 504). E. DÜHRING: »Der Charakter ist das Festgewordene und Verkörperte, sowie überhaupt das Beharrliche in den materiellen und geistigen Antrieben und Verhaltungsarten« (Wirklichheitsphilos. S. 202). Nach E. v. HARTMANN ist der Charakter der allgemeine Reaktionsmodus auf die besonderen Klassen der Motive (Phil. d. Unb.3, S. 203). Nach CARNERI wird der Charakter »mit dem Menschen geboren, insofern er nichts ist als der Ausdruck des ganzen Menschen, sein bestimmtes Ich« (Sittl. u. Darwin. S. 129). RIBOT bestimmt den Charakter als Resultante aller Zustände und Tendenzen des Ich (Mal. de la Volonté, dtsch., S. 127; vgl. Mal. de la personnal.; Revue Philos. 34; vgl. PAULHAN, Les Caractères, 1894). Nach WUNDT ist der Charakter »ein aus der vorangegangenen geistigen Kausalität resultierender Totaleffekt, der selbst wieder an jeder neuen Wirkung sich als Ursache beteiligt« (Eth.2, S. 478). Der Kern des Charakters ist ein Erbteil der Ahnen, etwas Ursprüngliches (Grdz. d. phys. Psychol. II4, S. 576 ff.; Vorles.2, S. 470 ff.). GIZYCKI betont die Zusammengesetztheit des Charakters; dieser ist »eine Gesamtheit verschiedenartiger Triebfedern« (Moralphilos. S. 165). SULLY versteht unter Charakter im engeren Sinn »die entwickelte Individualität, d. i. die Gruppe der natürlichen Neigungen, insoweit als diese ausgewählt, gestärkt und durch die Einwirkung der Verhältnisse... befestigt werden« (Handb. d. Psychol. S. 423). Nach TH. ZIEGLER ist der Charakter die Summe aller Gewöhnungen und Übungen, aller erworbenen Dispositionen, aller geläufigen Maximen (Das Gef.2, S. 178), die »Summe der Willensdispositionen« (l.c. S. 300). »Das Angeborene, das Temperament bildet die Unterlage, die Erziehung im weitesten Sinne macht den Menschen erst zu dem, was man Charakter nennt, der selbst nie angeboren, sondern stets erworben, Produkt und Ergebnis ist« (l.c. S. 297). JODL versteht unter »erworbenem« Charakter »die Willensgewohnheiten, welche ein Mensch in sich ausgebildet hat«, unter »angeborenem« Charakter die »verschiedenen Weisen, auf Motive zu reagieren« (Lehrb. d. Psychol. S. 737). SIMMEL bemerkt: »Das einzige, was gegeben ist, sind die einzelnen Handlungen des Menschen; gewisse innere oder in den Beziehungen zu anderen sich herausstellende Eigenschaften derselben fassen wir zu dem Begriff des Charakters dieses Menschen zusammen; allein das ist ein allgemeiner Begriff, gezogen aus der Summe seiner Lebenselemente, aber nicht die hervorbringende Ursache dieser« (Einl. in d. Moral. I, 268 f., 282). UNOLD versteht unter sittlichem Charakter »die Gesamtheit der Eigenschaften, Gewöhnungen, Motive, Kräfte und Grundsätze, welche dem einzelnen sittliches Wollen und Handeln ermöglichen, aus denen das sittliche Verhalten im einzelnen Fall, sowie die dauernde sittliche Gesinnung sich ergeben« (Gr. d. Eth. S. 265, vgl. S. 262 ff.). WENTSCHER betont, der Charakter werde durch den Willen selbst mitbestimmt (Eth. I, 325). JERUSALEM versteht unter Charakter »die Summe erworbener Urteils- und Willensdispositionen, die zu bleibenden Eigenschaften des Individuums geworden sind«. »Er ist das Resultat aller Erfahrungen, die wir gemacht, aller Einwirkungen, die wir von außen erfahren haben, und aller Denk- und Willensakte, durch welche wir diese Erfahrungen verarbeitet... haben« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 205). Vgl. SMILES, Der Charakter, 1878. Vgl. Freiheit.

 


Vergleiche ferner:

- Charakter (Kirchner, Wörterb. d. phil. Grundbegr.)


 © textlog.de 2004 • 20.09.2018 15:19:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 13.11.2004 
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