Erkenntnis - Überweg, Nietzsche


Der Empirismus (und Positivismus) tritt sowohl in realistischer als auch in idealistischer Form auf. ÜBERWEG bestimmt das Erkennen als »die Tätigkeit des Geistes, vermöge deren er mit Bewußtsein die Wirklichkeit in sich reproduziert« (Log.4, § 1). Die Erkenntnis ist unmittelbar (äußere und innere Wahrnehmung) oder mittelbar (Denken). Sie ist bedingt: 1) Subjektiv, durch das Wesen und die Naturgesetze der Seele, 2) objektiv, durch die Natur der Dinge selbst, die unabhängig von uns existieren (l.c. § 2). Nach E. DÜHRING besteht die Erkenntnis in der »Nachweisung des Ursprungs von Begriffen jeder Art« (Log. S. 2). Die Wirklichkeit wird so erkannt, wie sie ist. v. KIRCHMANN stellt zwei Fundamentalsätze des Erkennens auf: 1) »Das Wahrgenommene ist seinem Inhalte nach nicht bloß in der Wahrnehmung des Menschen, sondern auch außerhalb der Wahrnehmung als ein Seiendes... vorhanden.« 2) »Das sich Widersprechende kann weder als eines gedacht werden, noch als solches im Sein bestehen« (Kat. d. Phil. S. 55). M. BENEDICT erklärt: »Wir sehen... viele Tatsachen und Vorkommnisse aus vorausgegangenen Erfahrungen voraus, und sie treten wirklich ein. Das beweist, daß unsere Auffassungsweise und die Verbindung der Eindrücke zu Schlüssen dem Wesen der Dinge und den Gesetzen der Natur entsprechen.« »Gehäufte Erfahrung und mathematisch überprüfte Schlußfolgerung sichern den Satz, daß unsere Erkenntnis eine richtige Projection (Bild-Darstellung) des Wirklichen ist« (Seelenk. d. Mensch. S. 29). - J. ST. MILL beschränkt die Erkenntnis auf Erfahrungsmöglichkeiten (s. Objekt, Induktion). E. LAAS sieht das Wesen der Erkenntnis in der logischen Bearbeitung der Wahrnehmungsdata (Ideal. u. posit. Erk. S. 407). Die Erkenntnis ist durchaus relativ (l.c. S. 450). Sie besteht in der »Heraussonderung des objektiv Zusammengehörigen aus dem subjektiv Zusammengeratenen« (l.c. S. 534). Nach LIPPS ist Erkenntnis »objektiv notwendige Ordnung vor Objekten des Bewußtseins, Einordnung derselben in einen objektiv notwendigen Zusammenhang« (Gr. d. Log. S. 3). Der »Empiriokritizismus« (s. d.) betrachtet die Erkenntnis vom »biomechanischen« Standpunkte als »Abhängige« von den »Schwankungen« des »System C« (s. d.). Wahre Erkenntnis besteht in der »reinen« Erfahrung (s. d.) von Aussageinhalten. Ein Sein außerhalb der Erfahrungen gibt es nicht, nur eine vorgefundene Wirklichkeit existiert, von der der Erkennende ein Teil ist. Alle philosophischen Erkenntnisinhalte sind nur Abänderungen des ursprünglichen Erkennens (Krit. d. r. Vern. I, S. VII). Das »Erkennen« ist eine Funktion des nervösen Zentralorganes, ist durch dessen Zustandsänderungen (funktionell) bestimmt (l.c. II, 222 f.). Zwischen »Problematisation« und »Deproblematisation« der »E-Werte« (s. d.) bewegt sich der Erkenntnisprozess (l.c. S. 225). Die biologische Grundlage des Erkennens betont auch E. MACH: »Die Vorstellungen und Begriffe des gemeinen Mannes von der Welt werden nicht durch die volle, reine Erkenntnis als Selbstzweck, sondern durch das Streben nach günstiger Anpassung an die Lebensbedingungen gebildet und beherrscht« (Anal. d. Empfind.4, S. 26). Die Wissenschaft ist ein Mittel im Dienste der Selbsterhaltung (Wärmelehre2, S. 364, 386). Erkenntnis besteht in der vollständigen » Beschreibung« der Erfahrungstatsachen, die gemäß dem Principe der Ökonomie (s. d.) des Denkens geordnet und vereinheitlicht werden, mit Elimination aller metaphysischen Begriffe. Letzteres lehrt auch NIETZSCHE. (WW. III, 1, S. XIV). Die Erkenntnis arbeitet im Dienste des Lebens, des »Willens zur Macht«, ist einer rein biologischen Nötigung unterworfen, ist Verarbeitung von Erlebnissen zum Zwecke der Orientierung, Beherrschung der Tatsachen (WW. X, 3, 1, S. 183, VII, 1, 6, V, S. 294 f., XV, 268, 270 ff., 289). Alle menschliche Erkenntnis ist metaphorisch, anthropomorphistisch, verfälscht die Wirklichkeit, gewährt nur Schein, beruht auf Introjection menschlicher Eigenheiten und Werte in die Natur. Alles Erkennen ist »ein Widerspiegeln in ganz bestimmten Formen, die von vornherein nicht existieren«, die nur für uns gelten. Nur durch Aufzeigung der subjektiven Zutaten, durch »Entmenschung« der Natur als Natur können wir uns vom grob Anthropomorphischen befreien (WW. XV, S. 168, XII, 1, 106, XI, 61, XI, 6, 40, XI, 6, 209, X, 2, 1, S. 166, X, 1, 11, S. 57, X, 21, S. 163, X, S. 176). Eine erfahrungstranszendente Welt gibt es nur in unserer Einbildung. die einen verfälschenden Faktor des Erkennens bildet, wie das auch mit der Sprache (s. d.) der Fall ist (ähnlich F. MAUTHNER, Sprachkrit. I). Den biologischen Faktor des Erkennens (Arch. f. system. Philos. I, 45) betont ferner G. SIMMEL (S. Wahrheit). So auch W. JERUSALEM. Nach ihm sind Erkenntnisse »Urteile, von deren Wahrheit wir überzeugt sind« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 127). Die Erkenntnis ist (besonders in den Anfängen) ein Mittel zur Erhaltung des Lebens (l.c. S. 128). So auch L. STEIN. »Die Entstehung der Anschauungen und Begriffe im menschlichen Gehirn, also die Bildung des Intellekts, haben wir uns genau so zu erklären, wie die aller übrigen Funktionen und Fertigkeiten, Neigungen und Talente des menschlichen Organismus: durch Selektion und Vererbung.« »Im Kampf ums Dasein erzeugt das Gehirn vornehmlich solche Vorstellungen, welche ihm diesen Kampf erleichtern« (An der Wende d. Jahrh. S. 24). K. LANGE bemerkt: »Das oberste Gesetz alles menschlichen Tuns, Denkens, Fühlens und Wollens ist das Wohl der Gattung« (Wes. d. Kunst I, 13). - Einen kritisch-empiristischen Standpunkt nimmt H. CORNELIUS ein (s. Erfahrung).

Der Agnostizismus (s. d.) hält das Wesen der Dinge (an sich) für unerkennbar. Vgl. Wissen, Nihilismus, Kategorien, Wahrheit, Erkenntnisvermögen, Objekt, Sein u.s.w.


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