Wir Zuchthäusler


Dies ist der Titel eines Buches von Georg Fuchs (erschienen bei Albert Langen in München). ›Wir Zuchthäusler, Erinnerungen des Zellengefangenen Nr. 2911‹.

Fuchs geht über die Tatsache seiner Verurteilung zu zwölf Jahren Zuchthaus hinweg, und auf diese Verurteilung kommt es hier auch nicht an. Es sei nur so viel gesagt, dass er von einem bayerischen sogenannten Volksgericht zu dieser fürchterlichen Strafe verurteilt worden ist, wegen Hochverrats, es kann auch Landesverrat gewesen sein, so genau weiß ich den Vorwand nicht mehr. Der Wahnwitz der nationalen Hexengerichte, die den religiösen Fanatismus in einen patriotischen gewendet haben, geht durch alle Staaten – es werden auch heute noch vom Reichsgericht, meist unter Ausschluß der Öffentlichkeit, in dieser Hinsicht Urteile gefällt, die unter die Notverordnung fallen und die hier nicht charakterisiert werden sollen, wie sie es verdienten. In dreihundert Jahren wird kein Mensch verstehn, warum sich die Leute um ihre murksigen Vaterländchen so abgestrampelt haben – es ist ja in der Tat vollkommen gleichgültig, ob die Pfalz französisch, das Elsaß deutsch, die Rheinlande separatistisch sind, und der schäumende Eifer, mit dem eben dieser Satz, der heute einer bessern Gotteslästerung gleichkommt, in nationalen Blättern nachgedruckt werden wird, zeigt nur die elende Verwirrung der meisten Geister dieses Kontinents. Beruhigt euch; es gibt weitaus wichtigeres und höheres als eure lächerlichen Fahnen.

Georg Fuchs also flog hinein; inzwischen ist er wieder herausgeflogen; sie haben ihn begnadigt. Und nun hat er seine Zuchthaus-Erinnerungen publiziert.

Das Buch enthält sehr gutes Material über den Strafvollzug. Fuchs schreibt weitschweifig; dieser münchner Bühnenreformator und Ästhetiker ist nie ein guter Schriftsteller gewesen – als ich die ersten Kapitel gelesen hatte, schätzte ich den Autor auf 64 Onkeljahre; ich hatte mich geirrt, Fuchs ist 63.

Der erste und letzte Eindruck der Lektüre ist der vom vollendeten Stumpfsinn dieses Strafvollzugs, der eine einzige Sinnlosigkeit darstellt. Wir werden gleich sehn, warum.

Nicht alle Einzelheiten sind so erschütternd wie die in dem großartigen und nie genug zu empfehlenden Buch Max Hölzens (im Malik-Verlag); diesen Sträfling hier haben sie nicht geprügelt; es ist, nach seinen Schilderungen, überhaupt sehr ›human‹ in diesem bayerischen Zuchthaus Ebrach zugegangen. Dreckig und human. Da hätten wir gleich eine sehr bezeichnende Stelle. Fuchs hat während seiner Strafzeit keine Wanzen gefunden. »Das ist Deutschland!« vermerkt er, und er ist so stolz darauf, dieser arme, geduckte, lebendig begrabene Mann hält noch das Banner hoch: das ist Deutschland! Das ist es wirklich; aber ganz anders, als ers meint.

Dreckig gehts in Ebrach zu: die Schweinerei mit den Abortkübeln in den Zellen riecht auch dort zum Himmel empor ... und waschen? Es wird schlecht geheizt; in den Jahren 1923 bis 1927 wurden die Schlafsäle nur Sonnabend nachmittags etwas erwärmt, aber nie mehr als auf 12° Celsius. »Es ist nicht möglich, sich hier richtig zu waschen. In der Frühe tritt die ganze Belegschaft, einer hinterm andern und jeder mit seinem blauen Emailbecher voll Wasser in der Hand, an einen mit Blech ausgeschlagenen Trog, nimmt ein Maul voll Wasser, läßt es über die Hände laufen und reibt sich damit schnell das Gesicht ab.« Bayern hat stets eine katholische Mehrheit gehabt. Gott sieht aufs Herz.

Also: körperliche Reinlichkeit keine; Essen unschmackhaft und auf die Dauer anwidernd ... das muß aber so sein. Denn, so hat nach Fuchs ein Strafanstaltsdirektor gesagt, der Gefangene muß zwar ernährt werden, doch so, dass ihm die Nahrungsaufnahme keine Lust bereite. Dem Direktor hat dieser Satz sicherlich viel Lust bereitet. Da bleibt denn also die sittliche Einwirkung der Strafe. Und um dieses völlige Manko festzustellen, leistet das Buch gute Dienste. Fuchs spricht dabei wenig von sich – er erzählt sehr viele Einzelschicksale aus der Anstalt; er spricht sehr gemäßigt und sehr ruhig von den Beamten, und seine Besserungsvorschläge zeigen, dass der Mann so gut wie unpolitisch ist. Um so größerer Glaube ist seinen Erinnerungen beizulegen; ihr Verfasser geht von keiner Tendenz aus, was ja nichts schadete, aber er kommt gar nicht in die Gefahr, zu färben. So wie er es beschreibt: so mags da wohl aussehn.

Und so sieht es aus:

Gewiß nicht unschuldige Rechtsbrecher; zieht man die ungeheuere Quote von Schuld ab, die die Erbmasse des einzelnen und die sozialen Umstände am Rechtsbruch tragen, bleibt natürlich auch individuelle Schuld. In den etwas zähflüssigen Darlegungen Fuchsens leuchtet ein blendendes Paradox auf, jener Satz, den er als Urteil über die Zuchthaus-Insassen sagt: »Viel besser als die da draußen sind sie auch nicht.« Aber natürlich tausendmal besser als ihre Peiniger.

Also zunächst der Rechtsbruch. Darauf eine Gerichtsverhandlung, die in den allermeisten Fällen Fabrikware schlechtester Observanz ist. Die Richter werden mit dem Wust von überflüssigen Anzeigen nicht fertig, ihre Vorbildung ist ungenügend; ihre Auswahl klassenmäßig –: es ergibt sich jene uns allen bekannte halb- oder mehrstündige Farce von Verhandlung, in der mit den Angeklagten umgesprungen wird, als seien sie Bauklötzer. Es ist wie beim Militär: der Angeklagte soll nicht auffallen – es lebe der bequeme Angeklagte! Der Apparat herrscht; der Angeklagte ist um der Richter willen da. Und so fällt denn auch das Urteil aus. Wozu, so frage ich mich immer, wozu nur diese langwierigen und kostspieligen Verhandlungen! Wäre es nicht praktischer, die Herren teilten ihr Urteil dem Angeklagten auf einer Postkarte mit –?

Urteil. Irgendwas: vier Jahr Gefängnis; drei Jahr Zuchthaus; fünf Jahr Zuchthaus – man kann sich das an den Knöpfen abzählen oder man kann es auch auswürfeln. Da kaum einer der beteiligten Unabsetzbaren überhaupt ahnt, was ein Jahr Einsperrung bedeutet, so knallen diese Urteilssprüche herunter, abgeschossen von Leuten, die ihre Geschosse nie am eignen Körper ausprobiert haben. Sie wissen es nicht. Was sie nicht entschuldigt.

Zuchthaus. Und da beginnt nun etwas ganz und gar Gespenstisches.

Mordet ein Lustmörder einen kleinen vierjährigen Jungen und kommt der Vater dazu, so wäre es durchaus begreiflich, wenn der Mann in seiner Raserei den Mörder erwürgte. Ich spräche ihn frei. Rache? Verständlich, wenn sie eben aus dem Affekt stammt. Und wenn sie vom Beteiligten, also vom Betroffenen, ausgeübt wird. Der Verletzte aber darf sich nach unserm Strafrecht nicht rächen; er wird auch in den wenigsten Fällen zivilrechtlich entschädigt – den strafrechtlichen Anspruch auf Vergeltung übernimmt für ihn der Staat. Und der vergilt nun.

Es ist ganz und gar blödsinnig. Da sitzen also in allen Ländern Hunderte und Tausende von Strafanstaltsbeamten herum, die rächen. Natürlich ist Ihnen das in vielen Fällen selber unbequem; es sind auch weiche und sanftmütige Männer darunter, die ihren Beruf natürlich nicht als Berufung erwählt haben, sondern weil man irgend etwas werden muß und wegen der Pensionsversorgung. Sie rächen nun – und da läuft alles kunterbunt durcheinander:

Echter Sadismus kleiner Beamtenseelen (findet sich bei den akademisch gebildeten Herren öfter als bei den einfachen Wärtern); Grausamkeit aus Faulheit; Stumpfsinn; Bürokratismus und Kretinismus, wie es grade trifft. Und alle, alle sind sich in einem Punkt einig: der Strafgefangene ist um ihretwillen da und sie um des Betriebes willen, und die Hauptsache ist, dass der Apparat läuft wie geölt. Nichts kränkt diese Leute mehr, als wenn es irgend eine Stockung oder Unordnung in der Maschine gibt; dann schlagen sie fürchterlich zu.

Vor dem Urteil der Öffentlichkeit haben sie wenig Furcht und noch weniger Achtung; die Öffentlichkeit bringt zwar durch Steuergelder die Gehälter dieser Beamten auf, hat aber so gut wie gar kein Recht und auch keine Möglichkeit, sich in die Einzelheiten des Strafvollzuges zu mischen. Der spielt sich hinter verschlossenen Türen ab und seine Kontrolle in verschlossenen Akten. Dieser Unfug da wird nur geduldet, weil sich zu wenig Menschen um ihn kümmern.

Da haben wir also einen meist sinnlos verurteilten Rechtsbrecher, der schon das Verfahren nicht richtig verstanden hat – und auf der andern Seite einen Haufen wild zusammengewürfelter Schreiber, Ärzte, Prediger, Wärter ... die rächen. Wen? Was? Das wissen sie nicht.

Die Wirkung auf die Gefangenen ist katastrophal. Das kommt in kaum einem Buch so klar und deutlich heraus wie in diesem Buche von Georg Fuchs. Er hat richtig gesehn, dass kein Mensch auf die Dauer so leben kann wie der christliche Kodex dieser Strafanstalten das verlangt: nämlich dauernd im Unrecht, dauernd büßend, dauernd gedrückt. Das gibt es nicht – täte es einer, er endete durch Selbstmord. Was also geschieht –?

Es bildet sich eine Seelenkruste um den Gefangenen. Druck erzeugt Gegendruck; der Gefangene stemmt sich gegen die sinnlose Vergewaltigung und bezieht die Tat, die er begangen hat, in sein Seelengebiet ein; und wenn es eine Weile so gegangen ist, dann hat er auch noch recht. Von Buße ist nicht die Spur zu merken.

Fuchs hebt nun sehr gut hervor, dass eine Buße, die durchaus nicht kirchlich zu sein braucht, notwendig wäre – doppelt notwendig für so belastete Psychopathen, wie wir sie im Zuchthaus antreffen. Aber die angewandte Gewalt läßt ein derartiges Sühnegefühl fast niemals aufkommen. Und das Bild sieht dann so aus:

Der Täter hat eine Tat begangen, und das Gericht hat ihn für den Tatbestand verurteilt; die Zuchthausverwaltung quält ganz sinnlos auf dem Mann herum, und so kommen Schuld und Strafe niemals zusammen. Sie laufen aneinander vorbei; es wird gewissermaßen ganz jemand anders ... nicht einmal gestraft, nur geschunden. Besserung: Unsinn. Innere Einkehr: vacat. Strafe: dummes Zeug. Es ist so, wie wenn jemand, der ein Los gewonnen hat, in ein rot tapeziertes Zimmer gebracht würde – ein völlig sinnloser Vorgang.

So sieht die Strafe aus, die die Staaten über ihre Rechtsbrecher verhängen. Es gibt keinen einsichtigen Menschen, aber keinen, der jemals unter diesen Leuten gelebt hat, oder der sie kennt, der da nicht sagte: Was hier getrieben wird, ist viel schlimmer als eine Schlechtigkeit: es ist die sturste Dummheit, die sich nur einer ausdenken kann.

Daran ändern, wie Fuchs richtig herausgearbeitet hat, die neuen Verfügungen über den Strafvollzug gar nichts. Der Grausamkeitsduselei steht nicht einmal die viel geschmähte Humanitätsduselei gegenüber – es ist eine idiotische und blöde Quälerei, die gar nichts erzeugt, wenn man von den vollgeschmierten Akten absieht. Ja, richtig: und dann macht sie die Gefangenen kaputt.

Aber dann prügelt doch lieber! Das Herzchen, der Wallace, dessen Bücher man fortab boykottieren sollte, hat sich mit erfrischender Deutlichkeit für die Prügelstrafe (an andern) ausgesprochen, und die Vulgäransicht der Stammtische kann es gleichfalls nicht grausam genug bekommen. Dann trinken sie ihr Bier aus und denken auch nicht einen Augenblick daran, was aus den so Geschundenen nun eigentlich wird. Und sie können nicht daran denken, weil sie genau so wenig wie die Richter die Struktur der menschlichen Seele kennen. Fibelvorstellungen beherrschen sie – sie und die Kirche, soweit es sich um den gewöhnlichen Geistlichen handelt. Es ist nichts mit ihnen.

Fuchs zeigt an den einzelnen Leuten, deren Leben er vor uns aufrollt, wie dem Ideal der Verwaltung am meisten diejenigen entgegenkommen, die vollkommen stumpfsinnig geworden sind. Die machen wenigstens keine Schwierigkeiten.

Solange einer noch denkt, fühlt, remonstriert, also: lebt – solange wird ein Kleinkrieg zwischen Strafer und Gequältem geführt, der an Unerbittlichkeit nicht seinesgleichen hat. Sie haben da in Ebrach einen Mörder, der ein Leben wie ein gefangener Gorilla hinter sich hat. Monate und Monate hat er – nach Ausbruchsversuchen und einem geglückten Ausbruch, nach Anfällen und Getobe – in diesen Mauerlöchern des Dunkelarrests hingebracht ... sie haben seinen Willen nicht gebrochen. Und eben das soll geschehn. Buße? Wie bitte? Sühne? Sie hören doch: der Wille soll gebrochen werden. Es ist ein reizender Strafvollzug. Es ist gar keiner – es ist ein einziger stupider Unfug.

Lehrreiche Einzelheiten: Wie der Arzt, ein alter Medizinalrat, dem man nicht in die Finger fallen möchte, mit unzulänglichen Instrumenten und ohne Narkose operiert, was also, wenn das richtig wäre, eine nette kleine Körperverletzung darstellte, – wobei allerdings der geschulte Jurist zu wissen hat, dass Körperverletzungen durch Ärzte allenfalls in der Privatpraxis vorkommen können ...

Leben an Leben dieser Gefangenen zieht vorüber, und ob es an der süddeutschen Landschaft liegt: manche dieser Lebensgeschichten könnten von Jakob Wassermann stammen – das gleiche Hell-Dunkel liegt auf diesen Lebensläufen. Besonders die Geschichte von dem blutschänderischen Adligen: wenn Fuchs sie wahrheitsgetreu erzählt hat, ist sie eine schöne Novelle (für den Leser) und ein tragisches Ereignis für den, ders erlitten hat. Manchmal macht sich der Paragraphenstall völlig selbständig und funktioniert nun wie irrsinnig. Da ist also dieser Mörder ausgebrochen, unter gradezu unmenschlichen Mühen, es ist ihm geglückt, er ist draußen, er verbirgt sich bei einem Bauern, und da fangen sie ihn. Als er mit Triumph ins Zuchthaus zurückgeführt wird, fotografieren Neugierige den Zug. Und während nun dieser nie gebändigte Mann wieder in seinem Loch sitzt, gebunden und gefesselt, macht er – eine wundervolle psychopathische Leistung – das ›Recht am eignen Bilde‹ geltend, und weil wir doch in einem Rechtsstaat leben, wo der Paragraph alles, das Individuum aber nichts gilt, muß ihm sein ius werden, der Apparat spielt, und es werden auf seine Eingaben und Beschwerden alle Fotos, derer man habhaft werden kann, eingezogen. Inzwischen schinden sie ihn weiter. Denn Recht muß doch Recht bleiben.

Man lernt viel aus diesem Buch – viel auch über Bayern, viel über die von den Schreihälsen der Nazis ausgebrüllte Sittlichkeit der Bauern; hier finden sich die besten Seiten, die Fuchs geschrieben hat: Blutschande, Abtreibung ... wer Ohren hat, der höre. Aber diese Esel haben lange Ohren und doch keine.

Es ist ein lehrreiches Buch.

Hat auch einige Geleitworte von Schriftstellern, Juristen und Ärzten, die sich mit derlei befassen. Jeder hat das seine gesagt – nur einer tanzt aus der Reihe, dreist, ohne die leiseste Ahnung ... es ist der Kegelkönig Spengler.

Goethe untersuchte einen Schafsknochen; Stammtische denken in Kontinenten. Was Spengler hier von sich gegeben hat, ist beispiellos. Er stellt fest, dass »die deutsche Justiz vor dem Kriege an Unbestechlichkeit und Würde in der Welt unübertroffen dastand«, was einfach eine Unwahrheit ist, denn die englische Justiz ist immer mindestens so gut gewesen, wie die deutsche. Nun aber: » ... so gehört es zu den Erscheinungen jeder Revolution, ein sentimentales Mitgefühl nicht mit dem Ermordeten, sondern mit dem Mörder zu haben. Das ist eine Erscheinung, die wir gegenwärtig bis zum Ekel um uns herum wahrnehmen müssen, über deren Zuchtlosigkeit sich das Ausland mit Recht lustig macht und die letzten Gründe darauf zurückführt, dass zwischen Revolutionären, Verbrechern und Literaten kein Wertunterschied besteht, von andern Unterschieden ganz zu schweigen.« Und da darf denn diesem Racker-Latein gegenüber wohl gefragt werden:

Wer ist Spengler? Ein Literat. Ein Literat aber, der einen Literaten einen Literaten schilt, ist ein Dummkopf. Der Mann läßt sich mit trutzigen Augenbrauen fotografieren und sieht aus wie ein geschlagener General, der in der Theorie gesiegt hat. Was bildet sich dieser gipserne Groschen-Napoleon ein? Er hat ein paar Bücher geschrieben. Das kann viel sein – in diesem Falle ist es nicht viel. In dem Augenblick aber, wo er sich verräterisch gegen den Geist auf seiten einer klobigen und vermeintlichen Aktivität stellt, gehört ihm eins auf die Finger. Nicht nur, weil ihm alle Zuchthausstrafen noch nicht scharf genug sind. Sondern weil sich hier der Geltungsdrang eines kleinen Stubengelehrten austobt, dem es nicht vergönnt ist, im praktischen Leben eine Rolle zu spielen, in jenem Leben, das er, eben weil er es nicht meisten, so überschätzt. Daher die Unerbittlichkeit, die nichts kostet; die eherne Grausamkeit auf dem Papier, die den Männern der Praxis ein Anlaß sein kann, noch gemeiner zu verfahren, als sie es ohnehin tun; daher die Verachtung des eignen Berufs: der Literatur. Beschimpfte jemand Stefan George, weil er kein Ozeankapitän sei, so wäre das töricht, für diesen Spengler aber ist kein Wort des Vorwurfs hart genug, denn er mimt den Kapitän; doch ist er keiner. Mann der Tat ... aber dieser Dschingis Khan z. D. wäre ja nicht einmal imstande, eine kleine Klosettpapierfabrik anständig zu leiten, denkt aber in Äonen und Kontinenten und will uns weismachen, rücksichtsloses Geschreibe sei Feldherrnenergie und Tatwille. Wie dumm und seicht ist alles, was er hier – angesichts so vieler unglücklicher Menschen – zu sagen hat! Da predigt er unter anderm eine unsinnige Überschätzung der Politik, dieser neuen Religion, die er ausdrücklich aus der allgemeinen Skala der Strafen herausgenommen haben will. Politische Delikte seien sozusagen Kriegsverbrechen. Das ist Nonsens. Sage mir, wie ein Land mit seinen schlimmsten politischen Gegnern umgeht, und ich will dir sagen, was es für einen Kulturstandard hat – ob das nun Italien, Amerika, Deutschland oder Rußland ist. Es ist verständlich, dass sich ein so schwer kämpfendes Land wie Rußland seiner Gegner zu erwehren versucht; das mißtönende Geheul aber: »An die Wand! Erschießen! Erschießen!« klingt nicht gut in unsern Ohren.

Spengler lebt in einer Zivilisation, die er ständig anpöbelt; er profitiert von ihr und steckt bis an den Hals in dieser Kaufmannszeit. Ein Heros des Füllfederhalters. Und Menschen leiden, leiden ... Was weiß dieser Möchte-Attila davon! Nichts weiß er davon. Ein Mann, der überhaupt kein Gefühl für das Einzelwesen hat, aber mit dem Kosmos herumwirtschaftet. Er thront auf einer unerreichbaren Höhe von 1,25 Meter und predigt, es komme auf die großen Zusammenhänge an. Wenn ich recht unterrichtet bin, gebären unsre Mütter nicht Deutschland und nicht Europa, sondern kleine Menschenwesen, Oswald oder Maria geheißen. Dieser Literat ist kein guter Literat. Sondern ein buckliges Titänlein.

Das Buch von Georg Fuchs aber sei angelegentlichst empfohlen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 09.06.1931, Nr. 23, S. 838.





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