Zeppelin


Der Zeppelin ist vor seiner Abreise nach Amerika auf einer Probefahrt über die deutschen Lande geflogen und hat einer ganzen Nation die Köpfe – nach oben hin – verdreht. Was dachten sich die Leute, als sie ihn fliegen sahen?

Sie dachten sich: »Na – endlich wieder!« Sie dachten sich: »Deutscher Fleiß und deutsche Erfindungskunst! Wir« – als ob jeder einzelne das Luftschiff miterfunden hätte – »wir sind doch die Allerersten!« Und dann, ganz offensiv: »Wir werdens den Brüdern schon zeigen!« Welchen Brüdern und was man ihnen zu zeigen gedächte, das blieb meist unausgesprochen und oft auch ungedacht.

Gemeint war:

Die Eroberung der Absatzgebiete mit Waffengewalt. Auch mit Waffengewalt auf dem Luftwege, was erfahrungsgemäß immer – wen trifft? Die Nichtkombattanten, Frauen, Kinder, Greise und Oberkommandos. Gemeint war: Wilhelm der Zweite noch einmal.

Während sich die englische Arbeiterregierung bemüht hat, den theoretischen Anforderungen ehemaliger Opposition unter Ausgleichung an reale Postulate so weit wie möglich entgegenzukommen; während in Frankreich ein deutlich erkennbarer Ruck nach links vor sich gegangen ist, unter dem die Räumung der Ruhr vereinbart, politische Gefangene befreit, bei allen Verhandlungen mit Deutschland in Genf und in Paris Konzilianz bezeigt worden ist; während alle darüber nachsinnen, dem neuen Völkerbund wenigstens ein bißchen Leben einzuhauchen – währenddessen rast in Deutschland, wo man sechs Jahre nach solchem Zusammenbruch ernsthaft um Bürgerblock oder gar »Rechtsregierung« schachert, die alte imperialistische Furie.

Ich halte es für einen Fehler, die Wahrheit aus »taktischen Gründen« zu verschleiern und nicht offen auszusprechen, was ist. Es ist aber dies:

Die maßgebenden Bürgerschichten Deutschlands, die bedeutend breiter laufen als anderswo, sind völlig ungeändert. Es sind in der Arbeiterschaft wohl gewisse Verschiebungen nach links vor sich gegangen, die hier nicht untersucht werden sollen: der gesamte Verwaltungsapparat aber, die Diplomaten, die Ärzte, die Lehrer aller Grade, die Richter, die Frauen dieser Männer – sie alle sind heute genau so wilhelminisch, genau so imperialistisch, genau so töricht und unwissend, was das Ausland angeht, wie sie gestern waren. Auf dem Lande und in den gebildeten Schichten der Provinzstädte hat sich das verschlimmert und verschärft.

Das Ministerium Marx hat dem Reich bremsend und behutsam voltigierend große Dienste geleistet: das wahre Abbild der geistigen Verfassung Deutschlands ist es nicht. Die Majorität der gebildeten Schichten in Deutschland gehört nicht der Deutschnationalen Volkspartei an – sie denken aber zum mindesten wie die Deutsche Volkspartei, sind also für die Sache der Demokratie, des Weltfriedens, des geistigen Fortschritts hoffnungslos verloren. Die veraltete Partei-Terminologie entspricht nicht dem wirklichen Zustand der Geister – bis tief in die Kommunisten erstreckt sich die Spießigkeit und der kleine Horizont. Die Reichstagskandidaten sind dabei gleichgültig.

Die vernünftelnden Liberalen, deren Geschäftspresse die ganze Macht ihrer Partei repräsentiert, stellen nicht einmal dieses Bürgertum dar; das steht in Wahrheit an Intellekt und politischem Verständnis noch weit unter ihnen. Die alte Generation hatte noch eine gewisse Rotwein-Bonhomie, die den Jungen abhanden gekommen ist. Erbarmungslos sehen diese kalten Fischaugen in eine nie als rätselhaft empfundene Welt. Da ist keine urbanitas, kein Herz, keine Humanität. Eisige Frechheit, dünkelhafte Dummdreistigkeit und vom Analphabeten bis zu Herrn Scheler eine Metaphysik, die unverbindlich bleibt, wenn das Bezirkskommando ruft.

Die geistige Grundlage Deutschlands, soweit es Macht in Händen hat, ist verrottet, wie sie war: überaltert, pauvre, bramsig und mittelmäßig. Die geistigen Bewegungen, die in den letzten zehn Jahren auf dem Erdball vor sich gegangen sind, haben das Land kaum gestreift: irgendeine Wirkung haben sie nirgends gehabt. Das Bürgertum weiß nichts vom Grundgehalt des Bolschewismus, den es perhorresziert; dass es einen Gandhi gibt, interessiert die Leser des Herrn Tagore; was der internationale Petroleummarkt treibt, lesen die Fachleute – und alle zusammen fühlen sich fähig, mit den alten Idealen genauso auszukommen wie bisher, ja, wie es in einem nationalistischen Gassenhauer heißt: »Nun erst recht!« Die Antwort der Welt wird nicht ausbleiben.

Eine französische Zeitung – der Paris-Soir – glossierte neulich sanft und überlegen die Zeppelin-Begeisterung in Deutschland. Nicht einmal so, wie man denken sollte: nicht mit der verbitterten Erinnerung an diese törichten Luftangriffe – man besinnt sich auf den Bericht der Obersten Heeresleitung: »Wir haben die Festung London mit Bomben belegt« –, nicht wundenaufreißend, nimmer ruhend. Nein, die kleine Abendglosse war milde und ironisch: ob denn die Deutschen die völlige Unbrauchbarkeit der Zeppeline als Kampfmittel, ob sie denn jene andern Zeppeline vergessen hätten, die, eins, zwei, drei, vier Stück im Kanal und in der Themse geschwommen wären ... ob sie sich nicht mehr der unaufhörlichen Katastrophen erinnerten, die jene damals gehabt hätten. Und der französische Autor schloß mit einer wehmütigen Betrachtung der Dummheit aller Menschen, die er durchaus nicht etwa nur der deutschen Nation anhängte.

Zu antworten wäre: Nichts haben sie gelernt, und alles haben sie vergessen. Wenn sie es je gewußt haben. Was haben denn die Deutschen in den vier Jahren für eine geistige Kost vorgesetzt bekommen? Die Elaborate des Herrn Ludendorff-Lindström und seiner Compagnons. Und was haben sie nachher gelesen? Dasselbe und nicht einmal dasselbe. Man glaubt nicht, wie klein der Kreis der Leute ist, der die moderne Memoiren- und Tatsachenliteratur überhaupt gelesen, und wie winzig jener ist, der sie mit Nutzen und Verstand gelesen hat. Wie hätte bei einem denkenden Volk der dritte Band der »Gedanken und Erinnerungen« dem Verfasser Bismarck schaden müssen! Wie dem Kaiser das Büchlein des Herrn von Zedlitz und Trützschler und gar die Denkwürdigkeiten des Grafen Waldersee! Wie alle zusammen einem verkrachten System! Nichts davon. Herr Stresemann soll sich erst gar keine Mühe geben, »Brücken zwischen dem alten und dem neuen Deutschland zu schlagen« – es ist nirgends ein neues zu sehen.

Denn man glaube doch ja nicht, dass das, was unter der Marke »Schwarz-Rot-Gold« einhergeht, von Grund auf neu ist. So viel Taktiker auf einem Haufen hat die Welt noch nicht gesehen – lauter Taktiker und keine Männer. Jeder kann dir ganz genau sagen, warum es grade in diesem Augenblick inopportun ist, die Wahrheit zu sagen – keiner, wann man sie sagen dürfe. Alle, aber alle Reformversuche von dieser harmlosen Seite haben einen Grundsatz: es dem andern nicht schwer zu machen, ihm zu ermöglichen, ohne Abänderung seiner alten tiefsten Grundsätze in den neuen Bund zu gehen. Auch wir haben ein Nationalbewußtsein! Auch wir sind stolz auf – was ihr wollt! Auch wir beugen uns den deutschen Richtern, die wir voll anerkennen! Auch wir sind für die unbeschränkte Souveränität! Also? Also: Neue Schilder – alter Laden.

Der Gruppenstolz, den der fliegende Ballon den Deutschen eingeflößt hat, ist derselbe, den sie empfanden, wenn Wilhelm der Schnurrbartgebürstete von der Parade »seiner Kerls« die Friedrich-Straße entlangritt: jeder Zoll ein Filmstar aus der Provinz und wirklich und ehrlich bewundert von der gesamten Komparserie. Liebling des Volks zu sein ... Denn er war ihrer.

Wir haben Republikaner, wir können uns gar nicht retten vor Republikanern. Aber darüber sind wir uns wohl einig: Wenns zum Klappen kommt, wird getan, was die andern wollen – und was sie immer gewollt haben: jedes Verbrechen in der Kollektivität. Kampflos ziehen die Republikaner alles Mögliche ein. Und machen schließlich mit. Denn unfaßbar, unverständlich und ganz und gar unmöglich erscheint den Leuten dies: Nicht mitmachen zu können. Den andern das Feld zu überlassen. Keine Reden halten zu dürfen, wenn die Metzelei zehn Jahre vorbei ist. Dann reden wir eben republikanisch. Man muß es dazu sagen – sonst merkt mans nicht.

Der Zeppelin, dessen Konstrukteur der Jude Arnstein ist, hat den Ozean überquert. Und ein Geheul hat sich erhoben, als er drüben war, ein Geheul von der Etsch bis an den Belt. »Ein Gefühl des Stolzes ... «

Das Gefühl des Stolzes, das ich verspüre, derselben Nation anzugehören wie diese Ozeanflieger, ist nicht so groß wie das Gefühl der Beschämung, mit manchen Generalen, mit vielen Universitätsprofessoren und mit den meisten Richtern die Nation teilen zu müssen. Dieses Gefühl der Beschämung würde erst weichen, wenn der da oben auf seiner Fahrt abgeworfen hätte, was ihn beschmutzt und belastet, erniedrigt und entwertet hat: seine alte Geistigkeit, seine alten Ideale und seinen alten Preußenglauben. Es ist Ballast. Erst wenn er das getan hätte, dürfte man befreit zu ihm emporblicken.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 23.10.1924, Nr. 43, S. 605.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright