Was soll mit den Zehn Geboten geschehen?


Als die Rundfrage über die Zehn Gebote ankam, bekam ich keinen kleinen Schreck.

Nun wäre es gewiß sehr einfach, an das Bücherbrett zu gehen, die dicke Bibel vom Bord zu holen und eine feine Abhandlung in betreff jedes Gebots zu schreiben. Bitte, lassen Sie mich sitzenbleiben – wir wollen einmal sehen, was herauskommt, wenn ich nicht nachblättere.

Ich weiß die zehn Gebote gar nicht.

Ich weiß:

Du sollst nicht töten (das weiß wieder die Kirche nicht);

du sollst nicht stehlen;

du sollst nicht ehebrechen;

du sollst nicht begehren deines...

und dann einen Genitiv, den ich vergessen habe. Kurz: ich bin in dieser Materie nicht bewandert. Das scheint mir kein Zufall zu sein.

Hat eine der Kirchen dem jugendlichen Gehirn die Zehn Gebote nicht scharf genug eingetrommelt, dann sind sie im städtischen Proletariat, bei den meisten Intellektuellen, soweit die nicht katholisch sind, bei Hunderttausenden von Menschen unserer Generation vergessen. Wenn nicht hier und da ein Filmtitel auf sie hinweist –: das Leben tuts nicht. Man hängt sich heute keinen moralischen Speisezettel mehr an die Wand.

Das beweist noch nichts gegen diese Sittenlehre. ›Ewige Werte‹ gibt es nicht, sie sind alle zeitlich bedingt oder lokal oder durch die Klasse, die sie geschaffen hat. Wer da schreit: »Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben«, lügt; gemeint ist: »Das Volk muß der Religion erhalten bleiben«. Das Volk ist ihr in großen Teilen weggelaufen.

Unsere Welt ist nicht mehr homogen, also kann sie auch keine einheitliche Sittenlehre haben. Sie hat hundertundeine.

Dazu kommt, dass das gedruckte und überlieferte Wort nicht mehr jene Heiligkeit in Anspruch nehmen kann wie in den Jahrhunderten, wo die Bibel und der religiös gefärbte Kalender die einzigen Druckschriften gewesen sind, die der Bauer, der Handwerker, der Arbeiter im Hause gehabt haben. Eine von oben diktierte Moral hätte heute keine andere Wirkung als die Anpreisung eines Ford-Wagens; sie kann sich durchsetzen, wenn sie geschickt aufgemacht ist.

Die Zehn Gebote stellen keineswegs das sittliche Fundament weiter Volkskreise dar. Faßte man die jeweiligen Gebote zusammen, nach denen die einzelnen Klassen wirklich leben und deren Befolgung sie für lebensnotwendig halten –: die Formulierung sähe wesentlich anders aus. Nicht einmal ihre Ideologien fordern heute das, was in den zehn Geboten gefordert wird.

Man muß nur sehen, wie sich die Vertreter der Kirchen drehen und winden, wenn sie auf den schreienden Widerspruch zwischen ihrer Lehre (die einmal revolutionär gewesen ist) und der Kirchenpolitik hingewiesen werden – einen Geistlichen die Berechtigung der Kriege nachweisen zu hören, hat etwas Peinliches.

Diese Zehn Gebote sind nicht einmal sehr gut gemacht. Es ist gewiß viel einfacher, zehn Polizeitafeln zu errichten und mitzuteilen, was man nicht tun solle, anstatt uns Suchenden zu sagen – nun nicht, was wir tun sollen, sondern was ein sittlich hochstehender Mensch tut, um in seinen Himmel zu kommen. Eine solche Sittenlehre ist mir nicht eingegangen; ich suche sie – wie ihr alle.

Soll man nicht töten? Das erste dieser Zehn Gebote hätte zu heißen: »Tu, was du predigst.« Die Rolle der Kirchen im Kriege kann ihnen nicht verziehen werden – sie haben sich jedes Rechtes begeben, den Mord zu verbieten. Denn sie haben die gesegnet, die Blut vergossen haben.

Soll man nicht stehlen? Was ist das, ›stehlen‹? Wegnehmen – so mit der Hand? Aus dem Safe der Diskonto-Gesellschaft? Und wie ist es mit der Arbeitskraft? Darf man sie stehlen? Ist das göttliche Ordnung?

Du sollst nicht ehebrechen ... aber wie ist das, wenn das Institut der Ehe von uns zerdacht ist, sich wirtschaftlich nicht mehr halten läßt, so dass auch die katholischen Länder den geängstigten Ehemäusen Löchlein offenlassen, durch die sie – am Sakrament vorbei – entwischen?

Und du sollst nicht begehren deines ... es schmeckt nach Duckmäusertum, was da gelehrt wird, nach Schafstall, nach allem, was gute Untertanen macht. Nein, so geht es nicht.

Ich weiß: man trägt wieder katholisch. Statt geistiger Ehrfurcht vor dem Ungeheuern Denkgebäude der katholischen Kirche haben wir einen faschistischen Snobismus, der die Schützengrabenangst in einen lieben Gott verwandelt, den man zur Unterdrückung von Streikunruhen gut ausnutzen kann. Die Anzüge vieler Geistiger haben einen leichten Soutanenschnitt; sie finden, dass er ihnen gut steht. Rom freut sich, und da bekanntlich die klügsten Juden im Vatikan sitzen, so wird die neue Mode gut verwertet. Lebten aber alle diese nach ihren Zehn Geboten, dann sähe die Kirche, die heute sogar beim Völkerbund abonniert hat, anders aus.

Recht, das zu einer Kodifizierung gerinnt, kann Unrecht werden. Wenn in den Sowjet-Staaten ein neues Kollektivgefühl unter den jungen Menschen entsteht, so wollen wir es loben und uns zu eigen machen; es werden neue Gebote entstehen, die alle zum Ziel haben werden: die dunklen Triebe des Menschen chemisch zu reinigen.

Bis dahin aber laßt uns auch weiterhin ohne die zehn Verbote auskommen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Literarische Welt, 14.06.1929, Nr. 24, S. 4.





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