Briefbeilagen



Witze


Witze gut zu erzählen: das ist eine große Kunst. Als Roda Roda noch nicht Kriegsberichterstatter war, da hatte er dies im Druck wohl am besten von allen heraus; auch wenn man schon wußte, wann der Pfeil abschnellen würde, war es eine Freude, das elegante Spiel mit dem Bogen zu bewundern. In der Unterhaltung ist es noch schwerer; da gehört schon die ganze Behäbigkeit und saftige Lebenskraft eines guten Westdeutschen – links der Elbe – dazu, um ein Gespräch nicht unter die letzte Linie zu bringen.

Was hingegen unsere Witzpresse angeht, so überkömmt mich eine sanft elegische Stimmung, wenn ich Dir davon erzählen soll. Ach Gott, damit ist es ja so traurig.

Da ist zunächst der ›Simplicissimus‹. Nein: da war der ›Simplicissimus‹.

Der Hort des gut bürgerlichen deutschen Witzes ist die ›Jugend‹. Die ›Jugend‹- Witze sind vorher so genau zu berechnen wie eine Algebra-Aufgabe. Da haben wir den Witz, der gutmütig-holperig über die Dummheit eines Bäuerleins oder eines Soldaten spot-tet, der irgendeine neue Verfügung nicht kennt, der Rammel. Diese Witze fangen meistens so an: »Geht da neulich ein biederes Bäuerlein –«, oder: »Komme ich da jüngst –«. Spaßig ist in diesen Geschichten immer die selbstverständliche Würde des Erzählers, der doch alles viel besser weiß als der ›brave Landstürmer‹, und der unnennbare Stumpfsinn, wie so eine Spitze (früher: Pointe) herausgedreht wird. Dann ist da – ein unerschöpfliches Thema – der Witz, in dem festgestellt wird, dass die kleinen Kinder, trotz jahrelangen Anstrengungen der ›Jugend‹, immer noch nicht wissen, woher Frau Bartel den Most und die Menschheit die Rekruten und Rekrutenmütter holt. Ich glaube, man nennt das drollig. Man sollte der alten ›Jugend‹ endlich einmal den Kindermund stopfen.

Und dann ist da der erotische Witz. Damit ist es bei uns ganz elend bestellt. All dieses Zeugs bleibt am Stoff hängen, was begreiflich ist, da er für nicht gewandte Läufer klebrig erscheint. Es hat natürlich mit Prüderie nichts zu tun, wenn man einfach müde ist, sich immer wieder versichern zu lassen, dass eins und eins zwei sind. Das wissen wir allmählich.

Der ›Kladderadatsch‹ lebt davon, dass es im Deutschen viele Worte gibt, die verschiedene Bedeutung haben, woraus sich dann die erheiterndsten Folgen ergeben.

Die ›Lustigen Blätter‹ haben den Vorzug der Originalität: sie lassen vollkommen salzlose Geschichten im Ton des Witzes erzählen. (Der unvergessene Fritz Müller Klammer auf Zürich Klammer zu war darin Meister.)

Du meinst, es käme heute – 1918 – wirklich nicht darauf an, ob unsre Witzpresse gut ist oder nicht. Wie Du willst. Sie ist ein Spiegel, weißt Du?

Aber einer, bei dem hinten das Quecksilber an vielen Stellen abgeschabt ist. Wir haben den geduckten, gesinnungstreuen Witz; hinter dem Schreiber steht nicht Satyr mit der Pritsche, sondern etwas andres mit einer Art Gestellungsbefehl ...

Richtig! Ich habe ja beinahe vergessen, Dir die ›Fliegenden Blätter‹ zu nennen. Ja, denke Dir, die gibts immer noch. Neulich hörte ich einmal einen Leutnant aus diesem Organ einen Witz vorlesen, und ich dachte, er wollte damit einen machen. Aber es war ihm blutiger Ernst.

Ableger dieses klassischen Stamms mit den fliegenden Blättern gibt es eine ganze Menge, aber das kann man nicht. »Gut gegeben« und »Durch die Blume« und »Ein ganz Schlauer«: das steht so über den Witzen. Es gibt eine Zeitschrift, die heißt ›Nagels Lustige Welt‹. Ich habe den Mann immer um seinen Optimismus beneidet.

Die französischen Witzblätter im Kriege sind nicht viel heiterer; die englischen und amerikanischen häufig roh, und fast immer maßlos komisch. Sie haben – ich weiß nicht, warum man ihnen diese Überlegenheit nicht zugestehen soll – so einen stillen, unterirdischen Witz, den man erst erraten muß, und der dann doppelt dröhnend einschlägt.

Das Grab des Witzes ist gewiß seine gewerbliche Anfertigung, wie sie heute betrieben wird. In der ›Schaubühne‹ stand einmal ein bis dahin unveröffentlichter Brief Gottfried Kellers, worin er sagte, das Zünftige verderbe allen Dingen ihr Bestes; er sprach von den ›Humoristen‹. Witze, über die man schmunzelt – die schönste Form des Lachens – haben wir fast gar nicht mehr.

Frage nicht, welche alten Witzblätter Du nun lesen solltest. Die ›Assiette au beurre‹ bekommst Du doch nicht; aber wenn Du ganz artig bist, leihe ich Dir ein paar Bände – nur: man soll Frauen keine Witze erzählen. Man muß sie ihnen immer erklären, und dann sind sie enttäuscht.

Also dreh Dich um, halt Dir die Ohren zu und höre, wie vor zweihundert Jahren eine Dame zur anderen sagt: »Denken Sie, Frau von Reveillac will zur Zeit dauernd mit ihrem Mann schlafen gehen!« Und darauf die andre: »Wahrscheinlich ein Schwangerengelüste.« Aber dieser Witz hat wirklich Witz, und ich wollte Dir ja nur von den Scherzen meiner Zeitgenossen erzählen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 27.06.1918, Nr. 26, S. 593.





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