Volkswirtschaftlicher Moment


Das ist ... eh – wie soll ich das erklären ... Das ist so:

»Diese Hosenträger«, hat das kleine brünette Fräulein grade gesagt, »sind ganz weich, sie werden im Tragen immer weicher, sie halten unbegrenzt lange – ja, sie werden sehr viel gekauft, wir verkaufen überhaupt keine andern – wirklich preiswert, sehr preiswert – wenn Sie aber einen Gürtel nehmen wollen – wir haben auch sehr gute Gürtel, sehen Sie, hier – aber von den Hosenträgern sind nur diese da wirklich empfehlenswert ... « Pause.

Du zögerst.

Noch prangen die hellgrauen Hosenträger neben dem schönen englischen Gürtel – beide lächeln dich freundlich an; sie sind höflich zu dir, sie sagen: Bitte sehr, Herr Käufer; sie spreizen sich ... noch sind sie eine Ware.

Die Ware ist unter Berechnung des äußersten Nutzens gut eingekauft worden; Reklame haben sie dafür gemacht; in den großen Blättern, die bei völliger Unabhängigkeit des Inseratenteils auch etwas Text unter die Anzeigen mischen, haben sich gerasterte Mädchen über autotypierte junge Herren gebeugt – Unterschrift: »Ja, Schatz, seit du einen Wonkemeyer-Gürtel trägst, ist mir viel wohler!« – noch ist alles, was da vor dir liegt, eine Ware. Du zögerst.

Zögere, Freund. Wisse: du stehst auf einem kleinen Hügelpunkt deines Lebens ... einen Moment später, einen einzigen Moment, und –

Und der Gürtel ist keine Ware mehr. Er ist ein ganz gemeiner Gürtel geworden. Und dies sind die Folgen dieses wirtschaftlichen Mysteriums, in pane, sub pane:

Eben war der Gürtel noch vier Mark und achtzig wert, und wenn ihn nicht du genommen hättest, dann vielleicht ein andrer Mann, dem die Hosen zu rutschen beginnen. Nun aber ist der Gürtel auf einmal gar nichts mehr – nun ist es dein Gürtel geworden, irgend einer – der Gürtel ist aus dem Kreislauf der Waren in dein Leben getreten ... und das ist ihm nicht gut bekommen.

Kämest du nun – nach deinem kleinen Wörtchen Ja, dieser die Offerte annehmenden Willenserklärung, so das Rechtsgeschäft eines Kaufs zustandebringend – kämest du nun mit dem Gürtel in dasselbe Geschäft und wolltest deinen hellbraunen Wonkemeyer, das Entzücken der Gents, verkaufen –: hinausgeschmissen würdest du. »Wir kaufen keine alten Sachen«, sagte der Chef. Hinweg mit dir. Ein Gürtel! Was ist ein Gürtel?

Zögere, Freund. Noch steht die Verkäuferin mit einer unmerklichen Höflichkeitskrümmung vor dir, der ganze Laden scheint zu lauschen – denn solcher Gürtel sind viele in diesem Augenblick, der Käufer aber wenige, und wenn ein verkaufender Kaufmann höflich ist auf dieser Welt, so heißt das immer, dass das Angebot die Nachfrage übersteigt. Zögere, Freund. Genieße diese Minute, schöpfe ihren Reiz bis aufs letzte, schlürfe, koste aus, genieße. Bedenk: trägst du diesen Gürtel nach Hause und trifft dich unterwegs – verzeih mir – der Schlag, so ist der Gürtel eine bewegliche Sache in deinem Nachlaß. Noch nie getragen – aber ein ganz gewöhnlicher Gürtel. Zögere ... zögere ... Das Fräulein sieht dich fragend an. Die Pause hat so lange gedauert, wie eine solche Pause überhaupt dauern kann.

»Ich werde diesen hier nehmen«, sagst du.

Du armes Aas.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 02.09.1930, Nr. 36, S. 368.





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