Südliche Nacht


»Ernste, milde, träumerische – unergründlich süße Nacht!« ...

Die rumänischen Hähne sind eine ganz blödsinnige Gesellschaft. Was ein ordentlicher Hahn ist, so kräht derselbe morgens um fünf seine Hennen aus dem Bett und geht dann an sein Tagewerk. Diese Tiere hier gehen vor. Abends um zehn Uhr krähen sie, und die ganze Nacht krähen sie, und dabei krächzen sie so unangenehm und kreischen; keine Spur jenes ehrlichen deutschen ›Kikeriki‹. Dann sind da die Hunde. Heute nacht ist Vollmond. Wie ein wildes Geläute geht es über das Land, Hunderte und Hunderte blaffender Kehlen und unermüdlich rufender Wauwaus. Dann sind da die Heimchen. Kennst Du Heimchen? Gott allein weiß, wozu diese Tiere, die ihr freundliches Diminutiv wirklich nicht verdient haben, auf der Welt sind: sie sitzen in Mauerritzen und schaben sich mit den Hinterbeinen einen lieblichen Gesang ab, ratsch-ratsch-ratsch machen sie, und wenn sie vierzigtausendmal ratsch gemacht haben, ist der Morgen da. Dann sind da die Katzen. Der Wind rauscht in den Akazien. Ein Fensterladen klappert. » ... unergründlich süße Nacht!«

Es ist schwül und heiß. Ich kann nicht schlafen. Allerhand geht mir durch den Kopf. Gedachtes, Gelebtes und Geliebtes. Ich bin fern. Was machen sie zu Hause, in der lieben Brotkartenheimat? Sie organisieren. Ach, sie sollten lieber nicht so viel organisieren! Wir werden das niemals begreifen, dass nicht alles auf der Welt geregelt sein kann, dass es auch gar nicht nötig ist, dass allgemeine Richtlinien vollauf genügen, und dass alles Übrige sich durch den gesunden Menschenverstand und durch einen gewissen natürlichen Ausgleich allein regeln muß.

Puch-kchch – rrrums! Draußen kollern die Katzen. Ein eigentümliches Familienleben. Zwei Kater haben sich offenbar überfallen, sie pusten und maunzen und schnauben. Dann schreit einer, bäää – wie ein kleines, unartiges Kind. Etwas fegt um die Ecke. Dann ists still. Gott segne auch diese Liebe.

Was hat unsre Überorganisation schon alles angerichtet! »Der Organisator will für alle«, sagt die Huch in einem ihrer schönen Lutherbriefe. Gewiß, und es ist ja so schön, selbst zu wollen, immer zu wollen, einzuteilen, anzuordnen, und die andern wie leblose Faktoren in seine Rechnung einzusetzen. Sich einsetzen zu lassen, ist weniger heiter. Und es ist noch schöner, ein Büro zu haben und ein Journal und Angestellte, und es ist am allerschönsten, Verfügungen zu treffen, jene berühmten und berüchtigten Verfügungen, die ja letzten Endes doch nicht das erfassen, worauf es eigentlich ankommt. Und unter der Überorganisation regt sich heimlich und leise das wahre Leben, geheimnisvoll und versteckt, und schlägt die Augen auf. Mit Polypenarmen wirkt drunten der Schieber und tut, was er will. Der Herr oben will und mags nicht sehen.

Tausend Heimchen sägen durch die Nacht. Warum heißt es ›Das Heimchen am Herd‹, wenn sie hier in der freien Natur ihren Spektakel machen dürfen? Ist das schön? Nein, das ist gar nicht schön. Und heiß ists –

Da haben sie jetzt zu Hause den Kriegsgewinnler vor. Aber dem wirds gegeben! Hei! Da kann sich die beißende Satire und der gallenbittere Spott des Herrn Journalisten aber mal ordentlich auslassen! Der Kriegsgewinnler wird sich hüten, sich jemals als getroffen zu beschweren und nicht mehr zu inserieren. Er wird wüst angegriffen. Das trübe Neidgefühl derer, die nicht verdienen, findet in den ziemlich jämmerli-chen Karikatürchen und Pätschchen der Feuilletonisten seinen mit Behagen begrüßten Niederschlag. Und Herr Piesecke (arm) sagt dann von Herrn Piesecke (reich): »Jeld hat er ja – meinetwejen – aber er hat nich die richtige Kultur!« Kinder, macht euch nur nichts vor. Jeder, aber ausnahmslos jeder hätte zugegriffen, wenn ihm die Konjunktur solche Riesenverdienste in den Rachen geschleudert hätte. Der Mann ist nicht zu verurteilen, wohl aber etwas andres. Der Mann nicht. Und so, wie er heute schon, plump und des neuen Reichtums noch ungewohnt, seine dicke Haut kaum bei dem Peitschenknallen seiner Angreifer verzieht, so wird er sich rasch trösten. Es verwächst ja so schnell. Schon in der zweiten, bestimmt in der dritten Generation wird nichts mehr zu merken sein; man wird dann wohl einmal dem einheiratenden Schwiegersohn sagen: »Großvater hat damals im Weltkrieg Heereslieferungen gehabt« – aber das ist auch alles. Und die jungen Enkelkinder werden mit hochmütig herabgezogenen Mundwinkeln (oder mit was für einem Gesicht man dann grade herumlaufen muß) zu den großen berliner Buchhändlern gehen, und die berliner Buchhändler werden sich verbeugen (so, wie man sich eben vor geschmackvollen und reichen Menschen verbeugt) und werden leise sagen: »Da habe ich für Sie noch einen sehr schönen Rilke. Ganzleder, Maroquin mit Goldpressung und Seidenvorsatz. Kassiert. Nicht mehr im Handel. Direkt vom Autor abgezogen. In prima Einsamkeit entstanden, wie ... ?« In fünfzig Jahren.

Jetzt musizieren sie alle mit einem Mal. Hunde und Hähne und Kater und die Heimchenlein und das ganze Heer der Krawallmacher. Die Hitze drückt. Kein Schlaf kommt in meine Augen. Es gibt ein Gedicht von Liliencron: ›Stammelverse nach durchwachter Nacht‹, da sind die Stunden der Liebe geschildert, wie sie nicht gewesen sind. »Warum bist du nicht da? – Warum lehnt dein Kopf nicht an meiner Schulter?« Nicht, nicht, nicht ... Ich weiß die Worte nicht mehr. Blonde –

Ist das ein grauer Schein am Fenstervorhang? Das ist der Tag. Was wird er bringen? Arbeit und Dienst und Kummer und Herumlaufen und Berichte und Gespräche – und wenn es ganz gut geht, einen Brief von Dir. Guten Morgen!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 24.10.1918, Nr. 43, S. 393.





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