Stufen


Es war einem Berufenern überlassen worden, das herrliche Buch aus dem Nachlaß Christian Morgensterns: ›Stufen‹ (bei R. Piper & Cie. in München) eingehender und tiefer zu würdigen, als ich imstande gewesen wäre. Ich möchte nur eines dazu sagen.

Es ist mir und meinen Freunden, die an diesem Blatte mitarbeiten, so oft ›Frechheit‹ vorgeworfen worden. Ich weiß sehr gut, dass wir scharf zugepackt haben. Aber ich beiße niemals schärfer, ich bin nie frecher, als wenn ich etwas so Abgeklärtes, etwas so Weises, etwas so Gütiges kennen gelernt habe, wie zum Beispiel Morgensterns Vermächtnis. Wenn man sieht, wie ein Stück Gottestum, solch ein Mann, solange er ernst war, ignoriert wurde; wie man ihn als Schwärmer abtat; wie man ihm dies alles, was er da von der Liebe der Menschen untereinander auf dem Herzen hatte, nur um seiner schnurrigen Galgenlieder willen verzieh – dann darf man schon sagen: Pfui!

Es ist bezeichnend, wie stark die positive Seite dieses tiefen Spaßmachers gewesen ist, die positive Seite, ohne die nun einmal keine Satire, kein Scherz, kein Ulk denkbar ist, und die bei unsern heutigen Herren Humoristen so verdammt schwach geraten ist. Die Satire ist nur die Konkav-Ansicht eines Gemüts; wenn es nach hinten nicht buckelt, klafft vorn keine Höhlung, und das Ganze bleibt platt. In den ›Stufen‹ ist nur ein einziger Satz, der den Verfasser der Galgenlieder erkennen läßt: »Ich hörte einen Vogel Chirurgie pfeifen.« (Übrigens ein typisch Morgensternscher Spaß, den man nur fühlen, nicht erklären kann: wie der Vogel, wahrscheinlich ein Pirol, auf dem Baum sitzt und unheimlich wie im Märchen und fast spöttisch dieses gelehrte blutige Wort pfeift: Chirurrrgie!)

Weil ich aber weiß, dass die große Mehrzahl der Deutschen den Mann abtut, weil ich weiß, dass er wehrlos war und alle gleichklingenden Seelen wehrlos sind, deshalb glaube ich: es muß ein Tier an der Hofmauer liegen und beißen. Es muß einer da sein – nein, das ist gewiß nicht gütig und nicht vorgeschritten in der Erkenntnis –, einer, der dem räubernden Wanderer in die Hosen fährt. Der nimmt ja auch keine Rücksicht; der schlägt kleine Kinder auf den Kopf, weil ihre Mama nicht getraut war; der höhnt ja auch und knallt mit der Peitsche nach dem Bettler – auch Christus war ein Bettler –; der pfeift sich einen, wenn er satt ist, und fragt den Teufel nach angewandter Ethik.

Sie sollen drinnen im stillen Garten ihre Blumen pflanzen und dem Sumsen der Bienen zuhören. Wir aber wollen am Tor liegen, Landsknechte des Geistes, und mit den langen Hellebarden den satten Krämern den Weg sperren. Gott verzeih uns die Sünde! Aber das haben wir von unsern Feinden gelernt, denen es in der Welt gar nicht macchiavellistisch genug zugehen kann – mit Ausnahme ihres Haushaltes; und wenns denn sein muß, wollen wir dem Teutschen, niemals dem Deutschen, gern klar machen, dass der Stärkere befriedigt nach Hause trollt und der Schwächere sich plötzlich heulend auf die Bibel und alle sieben Nothelfer besinnt.

Still. Der Kies knirscht. Und wenn es wieder ein dicker Bursche ist, der sich noch vor Tirpitz und Ludendorff stellt, weil man unter ihnen wenigstens ungestört Geschäfte machen konnte –: Spring an!

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 03.04.1919, Nr. 15, S. 386.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright