Die Straße meiner Jugend


So heißt ein kleines Buch von Arthur Eloesser, das im Verlage von Egon Fleischel & Co. erschienen ist. Aber das ist hübsch.

Sein Motto steht nicht auf der Titelseite, sondern auf Seite 11; und es heißt so: »Wo seid ihr geblieben, meine lieben Zeitgenossen? Einige sind verdorben und gestorben, nach einigen zu fragen wäre zeitweise indiskret, wenn sie sich grade der bürgerlichen Bewegungsfreiheit nicht erfreuen, aber einige haben sich auch gut herausgearbeitet als findige berliner Jungen, und wo sich zwei Zeitgenossen treffen, ehren sie lächelnd die alte Waffengenossenschaft und prüfen sich mit einem trauten: ›Weeßte noch?‹«

Weeßte noch ... ? Das ist ja schließlich das wehmütig-lächelnde Zaubererinnerungswort, mit dem alle Jugend im Alter heraufbeschworen wird, Weeßte noch ... ? Und er weeß noch und erinnert sich ...

Und erinnert sich der Straße seiner Jugend. Und erinnert sich nicht nur des Berlins seiner Jungens-Prügeljahre, sondern auch des Friedens-Berlins, und das ist ja so lange her ... 1910 – das gabs einmal, bevor Ludendorff dieses Land ... Kusch, Panter! Das alte Berlin – Hefter mit seinen Würstchen ist uns fast zum Krögel geworden – ist von Eloesser mit jenem heitern, freundlichen, liebevollen Spott gesehen, wie es sonst – außer dem alten Fontane, gelobt sei sein Name – nur noch Victor Auburtin gesehen hat: so mit einer zwinkernden Ironie, die ablehnt und doch nicht lassen kann, zu lieben. Nun ist Eloesser ein guter Berliner, ein richtiger Berliner, wie es so wenige gibt, und er ist – erzittre, Welt! – ein leiser Berliner. (Das gibts nämlich. Fragt mal die Leute um die Matthäi-Kirche.) Die Art, wie er in den kleinen Stadtbahngeschichten eine feine kleine Pointe nicht bringt, wie sie, ganz leise knallend, aufspringt, nachdem man längst fertig gelesen hat, ohne zu ahnen, was da herauskommt – das ist wunderhübsch gemacht. Manches ist frappant, von der Sorte Geschichten, die man eigentlich selbst erfunden zu haben glaubt. (So in der reizenden Studie über den Dicken – und es gibt offenbar wirklich nur einen, unser aller Dicken.) So in der Naturgeschichte von der Straße und in den Kinderszenen und in manchen Zügen der Jugenderinnerungen ... Vorzüglich die Studie über die berliner Restaurantgeselligkeit – von damals – aus dem vorigen Frieden. Was wird er heute erst sagen –?

Habt ihr den süßen Bonbon meiner Kritik bis hierher gelutscht: ein kleiner bitterer Kern ist darin. Ich kann keine gutmütigen berliner Kriegserinnerungen leiden. Ich mag das nicht. Scheltet mich einen starren Pedanten, einen ausgepichten Pazifisten – ich mag nicht, dass der ekelhafte Endzweck durch bürgerliche Freundlichkeit überkleistert und vergessen gemacht wird – ich mag nicht. Menschen zum Töten abzurichten, ist kein Spaß, und diese grauenhafte Sachlichkeit, die dann wieder in kindliche Gutmütigkeit überging – ein für andre Völker unfaßbarer Zug – ist, tiefer betrachtet, das Schlimmste vom Schlimmen, ohne daß sich einer der Beteiligten etwas dabei gedacht hat. Also: diese Kapitel lasse ich mir vom Buchbinder herausnehmen.

Denn hübsch gebunden wird das Buch. Weils so nett ist.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 15.01.1920, Nr. 3, S. 93.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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