Stranderlebnis


Eines heißen Sommertages fand ich im weißen Sand ein kleines Bleipferdchen. Das mochte ein Kind beim Spiel verloren haben – und nun tauchte es auf einmal als etwas Hartes in meinen Fingern auf, im Sand, den ich spielerisch durch meine Hände hatte gleiten lassen. Es war grau und hatte ein possierliches Hintergestell. Ich stellte es auf den Kopf, baute ihm einen Stall – und weil die Sonne schien und ich schließlich gar nichts mehr mit ihm anzufangen wußte, glättete ich mit der Hand eine kleine ebene Fläche und drückte die flache Gestalt des Pferdes darin viele Male hintereinander ab: einmal, zweimal, dreimal, viermal ...

»Weißt du, was du da machst?« fragte mein gelehrter Freund Jakopp. »Nein«, sagte ich verwundert. »Du ahmst dem alten Gutenberg nach – so hat der auch angefangen: eine starre Form und dann ihr unveränderter Abklatsch. Das da, deine Figuren im Sande – sie sind die Anfänge der Druckschrift, des Buches, der Presse.«

Und ich sah mir die weiße Sandfläche an mit den vielen Pferdchenabdrücken – eins, zwei, drei, vier – und ich sah auf das eine Pferdchen in meiner Hand und dachte so, wie ich mühelos und mit ein paar Griffen aus einem Tier vier gemacht hatte ...

Und da wußte ich, dass Jakopp recht hatte: das war wirklich das Wesen der Presse.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 30.09.1920, Nr. 40, S. 375.





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