Stammtisch


Am Nebentisch bei Huth Gesichter wie aus dem guten alten »Simplicissimus«. »Exzellenz!« sagt einer. Er hätte es gar nicht zu sagen brauchen. Wir sind im Bilde.

Die Exzellenz, ein älterer Herr mit einer milden Pontiac-Nase, wie Fontane das nannte, führt den Vorsitz. Einer ist da, der sieht aus wie ein älterer Sekretär Wurm. Kleine funkelnde Äuglein, und ich sehe ihn förmlich hinter der verschlossenen Tür seines Amtszimmers die Hände reiben, wenn er einen (auf dem Aktenwege) ordentlich hineingelegt hat. Einer, der aussieht, als ob er keine saubern Socken trägt. Am schlimmsten die jungen Herren. Bei den vorgerückten Jahrgängen ist die preußische Borniertheit immerhin durch eine gewisse alkoholische Bonhomie gemäßigt, sozusagen mit Rotwein angemacht. In den Gesichtern der Jüngern ist nichts als kantige Menschenverachtung und hochnäsigste Schnöselei. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem einen: dass die andern nicht dazugehören. Willst du diesen Köpfen von Ethik reden –? Erzähls deinem Wasserzug. Er ist gelehriger.

Sie sprechen laut – und es ist nicht möglich, wegzuhören. Die Unterhaltung währte dritthalb Stunden oder – zu sechs Mann, Verzeihung, »Herren« – acht Rotsponflaschen lang. Also eine ziemlich ergiebige Unterhaltung. Und sie drehte sich abwechselnd um Gehaltsfragen und Gehaltsfragen und um Ressortstänkereien und Ressortstänkereien. Und um Karriere. Und nur einmal trat einer mit dem praktischen Leben in Fühlung und bat mich um Feuer.

Ein Blick, und sie stehn im Hemde. Man braucht nur hinzusehn, um zu weinen: Also das regiert uns! Das entscheidet über Existenzen, über Landstriche, über Verordnungen und über die Anwendung von Gesetzen –! Das? Sie sind stehengeblieben. Sie spielen einfach nicht mit, leben in einer andern, in ihrer Welt des Apparats, der Selbstzweck geworden ist. Nehmen von der Republik Geld und hassen sie.

Und ein Volk ist so töricht, sein Schicksal dieser Verwaltung anzuvertrauen. Weil es keine andre hat. Und wahrscheinlich keine andre auf die Beine bringen kann.

»Guten Abend!« sagen jetzt die Edeln der Nation. Und gehen in ihre S. C.-Betten und schlafen den Schlaf derer, die Liebknechts Mörder segnen – den Schlaf der Gerechten (»Erlauben Se mah! Das is nich unsa Ressoah!«). Und wachen morgens, ein wenig verklebt, auf. Und stopfen sich in die Unterhosen und in die Oberhosen und schreiten gemessen zum Amt, um weiterhin auf dir herumzuregieren.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 06.01.1921, Nr. 1, S. 27.





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