Die Stadt der Beziehungen


Est-ce que vous connaissez quelqu'un qui connaisse le ministre?

Anatole France: ›Histoire Comique‹


Paris ist die Stadt der guten Beziehungen. Hast du sie, ist es gut – hast du sie nicht, ist alles verloren.

Nun ist es ja auf der ganzen Welt so, dass einem Bekanntschaften die Geschäfte erheblich erleichtern – aber so wie hier (und wie wahrscheinlich auch in England), so ist es doch für einen Fremden einigermaßen neu und verblüffend.

Wenn man in Paris etwas kaufen will und erledigt das auf normalem, gewissermaßen offiziellem Wege, so wird man keinen großen Schaden erleiden. Die Geschäftsleute sind ehrlich, sehr genau, anständig. Will man etwa eine Wohnung mieten, was bei der herrschenden Wohnungsnot zu den besseren Sachen gehört, so kann man auch das auf dem breiten Wege der allgemeinen Regeln unternehmen. Aber das ist nicht Paris. Was wäre Paris ohne Beziehungen!

Kauf, Miete, Anstellung, Behörden – für alle diese Fälle hat der Pariser etwas, was sich – ähnlich wie im Italienischen – ›combinaison‹ nennt (in der Umgangssprache ›combine‹ genannt). »Sie wollen ein Dienstmädchen nehmen? Pour ça j'ai une combine!« Und dann gehts los. Der Schwager des Bruders kennt einen ehemaligen Bürokollegen, dessen Frau in einer Agentur angestellt ist – auf diesem Wege ließe es sich vielleicht machen. Und es wird gemacht. Eine lange Kette wird in Bewegung gesetzt: eine Kette mit Empfehlungskärtchen, Frühstücken, Verabredungen, dem ›Petit Bleu‹ (dem blauen Rohrpostbrief, der dem niemals funktionierenden pariser Telefon weitaus vorzuziehen ist) – eine Kette mit Verabredungen, Besuchen und kleinen Konferenzen. Dann wirds. Ohne das wirds nicht, oder doch nicht so gut, oder doch nicht so schnell.

Man verstehe das nicht falsch: auf solchen Wegen werden keine ›Schiebungen‹ gemacht. ›Combinaison‹ heißt nicht Schiebung, und es sind keine dunkeln Geschichten, die man so bewerkstelligt. Die ›combine‹ ist das Ventil, durch das sich der gesunde Menschenverstand aus dem Kessel der Schwierigkeiten Luft macht. Hier gleicht sich Angebot und Nachfrage aus, hier werden die überschüssigen Reibungen zwischen eng aneinanderwohnenden Menschen gemildert, hier spricht das Herz, die Freundschaft, die Beziehung.

Die ganze Politik beruht darauf, alle Personalfragen in der Politik. Weiß man, wo die kleinen Rädchen im Couloir liegen, so kann man daran drehen, und die ganze Maschinerie fängt an zu laufen. Man braucht sie nicht einmal zu schmieren. Die großen Türen des Palastes sind nur morgens zwischen zehn und elf Uhr geöffnet; es gibt immer einige gefällige Küchenjungen, die auch die kleinen Pförtchen außerhalb der Zeitwissen. Man muß sich mitunter bücken – aber man kommt herein.

Denn was für den Engländer der Klub, das ist für den Franzosen das Déjeuner. Sehr, sehr schwierig, im Büro, während der Arbeitsstunden, jemand aufzustöbern, schwierig, ihn zu einem gemeinsamen Theaterbesuch zu bekommen, schwierig, mit ihm am Tage, am Vormittag, am Nachmittag zusammenzusein. »On déjeunera ensemble?« Gemacht. Und das hat hier nichts mit dem Geld zu tun. Das Déjeuner ist die Stunde der Geselligkeit, ja, mitunter der Repräsentation.

Ich denke immer, dass an diesen Kleinigkeiten so sehr viel gelegen ist, weil man von diesen Kleinigkeiten erst an die großen Dinge herankommt. Was nützt mir die beste Lokalkenntnis, wenn ich die combine nicht habe?

Aber diese combinaison ist nicht alles. Pariser Karrieren kosten Geld.

Es ist für unsere deutschen Verhältnisse fast unvorstellbar, was in Frankreich (wie auch anderswo im Ausland) für ein Kapital in Karrieren investiert wird. Es ist nicht nur so, dass der Aufsteigende jahre- und jahrelang nichts verdient, nein, er setzt ganze Vermögen – die Klugen die ihrer Frau – zu. Wenn er zum Schluß mit einem großen Gewinn rechnen kann, so ist es ein Haupttreffer gewesen. Arbeiten um kleines Gehalt, wieder und wieder repräsentieren, mit der großen Gesellschaft leben, Jahr für Jahr, mit ihr Geld ausgeben und wenig einnehmen, wohnen wie sie, sich kleiden wie sie, ihre Logen und ihre Frauen teilen – wahrlich, der Weg zum Himmel ist mit Zollschranken übersät. Und daran hat die Plutokratie nicht allzu viel geändert. Von unten her ists nicht leicht.

Es liegt also so: Die combine allein tuts nicht. Aber die Tüchtigkeit allein tuts auch nicht, wenn nicht die combine dabei ist. Und ist man erst einmal über einen gewissen Punkt hinweg, dann schadet einem die Tatsache des Aufstiegs von unten her nicht allzu viel. Daß Gaston Doumergue aus einem kleinen Häuschen aus Nîmes in der Provence kommt, wird noch rühmend hervorgehoben. – Gerade hat er seine Heimat besucht – und es hat sich eine wilde Schlacht erhoben, ob man ihm zum Essen den offiziellen Lachs oder die heimische ›brandade‹, eine Art Stockfischgericht, vorsetzen soll. Und keinem Menschen fiele es ein, über einen arrivierten Staatsmann etwa nur deshalb Witze zu machen, weil er einmal Sattler gewesen ist ... Ich habe in Paris einen Bankier kennen gelernt, der aussah, wie sein eigener Hausdiener, und der mit Stolz davon spricht, dass er auch in einer ähnlichen Stellung bei seiner Firma angefangen hat. Er hatte wohl die Tüchtigkeit, er hatte den Kopf, und er hatte die combine.

Wir werden mit Frankreich wieder Geschäfte machen; nach dem letzten Handelsabkommen sicher mehr als früher. Es wird nicht so ganz einfach sein. Denn es ist eben nicht so, wie sich das mancher denkt: ins Büro heraufgehen, den Hut auf den Tisch legen und los. Da ist noch eine Glaswand. Es dauert lange, bis man die schmale Ritze entdeckt, in der sich die eingefügte Tür verrät. Sieht man sie nicht, prallt man ab, hundert und hundertmal. Sieht man sie und weiß damit umzugehen, so öffnet sie sich unhörbar, eine kleine, vorher unsichtbare Tür, die ins Innere führt. Es ist die Beziehung.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 28.10.1924.





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