Spaß mit ernstem Hintergrund


Da sieht man nun so große Annoncen der Grammophongesellschaften in den Zeitungen. Daß sie die wirklich interessanten Platten aus den Phonogrammarchiven nicht vervielfältigen, nur nebenbei; Millionenauflagen sind dabei freilich nicht zu erzielen, aber immerhin ... Sie vertreiben also: »Wenn der Gigolo wieder blüht« und: »Du bist mein Jelängerjelieber ... « und: »Herr Fränkel, Herr Fränkel, ein Sektglas hat keinen Henkel!« und was der Mensch so braucht. Gut. Aber wo kauft man das?

In den Grammophongeschäften ... ? Da kannst du es auswürfeln, was du haben willst, oder losen, oder auch aus den Regalen schießen ... alle diese Systeme führen eher zu einem Erfolg als brav hineinzugehen und zu sagen: Ach bitte – ich möchte gern Electrola Nr. 4711 Richard Tauber »Fächeln, immer nur fächeln« ... Denn dann begibt sich Furchtbares.

Da steht in den allermeisten Fällen ein nettes Kind, kaum konfirmiert, manchmal etwas älter, das sieht dich fröhlich oder auch nicht fröhlich an. Und ein Sinnen kommt in ihre Kinderaugen ... da will einer eine Platte kaufen –! Schau an. Und sie öffnet ihren Mund und spricht: »Das haben wir nicht.« Und dann: »Ja, ich will mal nachsehen.« Dann blättert sie in Katalogen, und die muß man gesehn haben. Und dann findet sie es nicht. Und dann findet sie es, vielleicht. Und dann ist es ausverkauft. Oder ein Ameisenlöwe hat die Platte gefressen. Oder es sitzt grade einer drauf. Und dann soll sie dir etwas andres empfehlen ... Aber ebensogut kannst du dich bei deiner Waschfrau nach Bert Brecht erkundigen oder bei Brechten nach einer guten Waschfrau ... nichts. Und von dieser Ahnungslosigkeit gibt es kaum Ausnahmen – manchmal ist in den großen Geschäften eine vernünftigere ältere Person zu finden, die weiß ein wenig Bescheid.

Und das ist in Berlin so und in Paris so und in Stockholm so und wo immer du willst.

Du willst aber nicht. Und fragst, wie denn das käme.

Gewiß, es gibt größere Sorgen als die, dass einer seine Grammophonplatten sachgemäß kaufen kann. Jedoch verbirgt sich hier eine böse Sache.

Es ist die Faulheit und die Indolenz ... der Angestellten? Ach, nein, Herr Direktor; denn wenn Sie glauben, dass sich die kleinen Mädels und die jungen Leute für ihre 120 Mark auf den Kopf stellen werden, da irren Sie sich. Ich täts auch nicht. Wozu? Um ihre lächerlichen Gehaltserhöhungen von 10 Mark zu bekommen? Und sich selbständig machen? Wer hat denn dazu heute noch Geld!

Und so bleibt es dabei, dass dieser Etat, nämlich der an Gehältern für die Ladenangestellten, auf das Äußerste beschränkt wird. »Es lohnt nicht.« Es scheint auch bei großen Umsätzen nicht zu lohnen, und sicherlich wird jetzt eine Firma angewackelt kommen, die uns erzählt, da gäbe es bei ihr einen oder zwei Angestellte, die bekämen – denk mal! – 250 Mark! Prozente auch? Wohl kaum. Sonst wären sie nicht so desinteressiert.

Wieviel aber muß an diesen Plattenverkaufsstellen verdient werden, wenn selbst diese unsachgemäße und ahnungslose Art des Verkaufs nichts schadet!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 15.04.1930, Nr. 16, S. 594.





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