Solneman, der Unsichtbare


Die absunderliche Tatsache, dass einer gerne einmal allein sein wollte, und dass die bösen Nachbarn dieses aber unter gar keinen wie immer gearteten Umständen duldeten, bildet die Basis eines höchst amüsanten Buches von A. M. Frey. ›Solneman, der Unsichtbare‹ heißt es und ist im Delphin-Verlag zu München erschienen. Noch vor dem Kriege; ja, es gibt sogar eine billige Ausgabe, die für die Feldpost hergestellt worden ist – aber es ist ja falsch, von euch die Kenntnis aller hübschen Bücher vorauszusetzen. Ich denke immer, dass unsre Bücherbesprecher einen großen Fehler machen, wenn sie sich nun grade an die letzte Nummer des ›Buchhändler-Börsenblatts‹ halten – es gibt so viel alte hübsche Dinge, die kein Mensch kennt, und die ihr Dasein in der ersten Auflage sanft verträumen ... Ich könnte euch immer wieder vorschwärmen, wie schön ›Wie wir einst so glücklich waren‹ von Willy Speyer ist – dieser ›Solneman‹ ist so ein Buch, das viele kennen, aber noch lange nicht alle, dies angeht.

Es geht alle an, die Spaß an barockem Humor haben. Ich sage absichtlich nicht: grotesk – das ist dieser Humor auch –, aber da ist doch noch ein Ton, der aufhorchen macht, und der nicht auf der Mohnwiese E. A. Poes gewachsen ist: ein schneidender, eiskalter Ton.

Die Sache ist einfach die, dass Hciebel Solneman (mit einem N, bitte!) eines Tags in die kleine Stadt geschneit kommt und sich den Bürgerpark kauft. Er legitimiert sich mit einem kindskopfgroßen Diamanten, zahlt 75 – in Worten: fünfundsiebzig – Millionen auf den Tisch des Hauses – oder waren es hundertfünfzigtausend? – und macht sichs behaglich in seinem Park.

Und baut eine riesige Mauer um den Park, wie er sich auch ausgemacht hat, dass sich keiner vermessen dürfe, in den Park einzudringen – und das Spiel geht los.

Die ganze Stadt zerbricht sich den Kopf: Was macht dieser Mann? Und wie sieht er aus? Denn als er dort einzog, hat er seine Vermummung, die man bisher an ihm wahrnahm: Zylinder, Perücke, Bart und Brille, vor die Mauer gelegt – und nun weiß niemand, wie er eigentlich aussieht. Und er macht die tollsten Dinge, und dieser ganze quecksilbrige Unfug kontrastiert so lustig mit dem entzückend geschilderten Spießertum der Stadt, dass man sich vor Freude schüttelt. Die Geschichte geht über Leichen, Chansonetten, Bürgermeister und Polizeisekretäre – ja, sie macht auch vor der weiland allerhöchsten Person nicht Halt und überkugelt sich vor Freude, allen eins auswischen zu können. Kaum eine Länge ist drin, kaum einmal schöpft man Atem und meint, nun sei es aber genug – Frey erfindet immer noch spaßigere Kapriolen, schlägt noch einen Kobolz und noch einen (in Kurland nennt man das ›Kuckerball machen‹) – dass man aus dem Lachen nicht herauskommt. Ganz reizend ist ein zu Unzeiten adhibierter Protokollstil – der Einfluß der Brüder Mann ist angenehm erkennbar: in der satanischen Freude, den Spießer zu verhohnepipeln und in der maßvollen, fast abstrakten Komik der Schilderung. Die Figuren sind messerscharf ausgeschnitten, der Dialog von telegrammatischer Knappheit, und wenns pathetisch wird, denken wir an die gesamten opera operata Meister Holzbocks. (Den gibts übrigens, und er lebt immer noch. Ein berliner Filmschauspieler soll neulich, als er ihn sah, gesagt haben: »Hm – gute Maske!«)

Was aber Solnemanen anbetrifft, so überschwemmt er die ganze Stadt, sodass sich die Bürger genötigt sehen, auf den Straßen in Küchenschränken wie auf den Lagunen Venedigs einherzufahren, und schließlich dringt man doch in den Park ein. Und entdeckt, dass man das Opfer einer bübischen Mystifikation geworden ist, denn Hciebel Solneman ist ein Mann, der sich rückwärts lesen läßt, um unerkannt zu leben. Und der entzückende Schlußsatz, mit dem das Buch schließt, die aufatmende Beruhigung, dass der Leutnant von Eckern-Beckenbruch, der nackt im Affenkäfig sitzt, seine Hosen wiederbekommt, verlohnt allein, dass Sie das Buch an einem stillen Sonntagnachmittag ganz allein auf dem Sofa durchlesen und durchlachen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 07.08.1919, Nr. 33, S. 177.





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