Snob in Paris


So sieht ein richtiger Artikel über Paris aus:

»Aus allen Einzelheiten erkennt der wahre Kenner französischen Lebens die pariser Psyche. Die gedankenbiologische Einstellung der gallischen Mentalität sieht in der Tradition die aktiv fortschreitende Vergegenständlichung einer spirituellen Ur-Tatsache bis zum körperlich Da-Seienden; die physiologisch begründete sieht in ihr den aktiven Auflösungsprozeß der organischen Materie in geistige Antithesen. Ein Beweis dafür ist das französische Deckbett.

Der alte Pariser weiß, wie das französische Bett hergerichtet wird: über der planen Matratze wölbt sich, kunstgerecht an den Seiten gestopft, der feste Himmel der Bettdecke. (Der Neuling nimmt diese meist für das Laken und schläft darauf.) Während sich nun die deutsche Bettdecke individuell schmiegsam um den Leib des Schlafenden legt, ist jener hier gezwungen, unter den festen Plan der traditionell festgelegten Bettdecke zu schlüpfen; dort: Individualismus, hier: Tradition. Hat man schon bemerkt, dass das französische Bett am Morgen viel sauberer, klarer, durchdachter aussieht als das zerwühlte eines deutschen Denkers? Man dissimuliert eben in Frankreich die Formen nicht – der Schläfer fügt sich organisch-kosmisch in die Gesamtvorstellung: Bett ein und zerstört mit seiner Individualität nicht, was kollektiver Gesamtorganismus ist. Im gegenwärtigen Frankreich wird diese Linie von allen Seiten fortgeführt: in der Neoscholastik durch den Kardinal Mercier, Dom Besse, Maritain; in der sozialen Bewegung durch Cécile Sorel; in der ›Action Française‹ durch den ›organisatorischen Empirismus‹ ein wenig auch durch Rivière und im Automobilismus durch Citroën. Die Struktur ist für den Außenstehenden nicht ohne weiteres erkennbar: esoterisch angeschaut, verdichtet sie sich von der Bettdecke her zu einem klaren Assoziationsgefüge. Während das französische Wort ›lit‹ das sanfte Gebilde synthetisch umreißt, klappt das deutsche ›Bett‹ überraschende Gegensätzlichkeiten auf. Denn Heros und Geistiger, Jeanne d'Arc und Loeser & Wolff – alle vier beide haben am franko-germanischen Geisteskreis die finstere heroische Aufgabe, von sich weg die Welt assimilierend zu dissimulieren.« Überschrift: Das Bett.

Deutsch: Falle, Französisch: chichi.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 10.07.1924, Nr. 28, S. 78.





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