Der silberne Haken


Was ein richtiger Mann ist, dem guckt jetzt vorn aus der äußern Brusttasche etwas Silbernes heraus: der schmale Haken eines Füllfederhalters oder eines Taschenbleistifts. Hinten Ist eine kleine Kugel befestigt. Alle Welt trägt diesen Apparat.

Der Fabrikant hat richtig gedacht: Früher rissen sich die Leute ihre Taschen mit ihren Utensilien entzwei, der Füllfederhalter schaukelte hin und her und zerbrach am Ende – ich befestigte ihn außerhalb, das ist ein guter Trick.

Sicherlich. Der silberne Haken ist eine Weltseuche – überall sieht man ihn. Natürlich trägt ihn jeder Student und Kaufmann, jeder Prokurist, Chef, Lehrling und Betriebsrat; Franzosen sieht man damit herumlaufen und Engländer, diktatorische Spanier und revolutionäre Russen, sanfte Inder und bebrillte Japaner – ja, der seltene Fall ist sogar anzunehmen, dass ihn der Hakenfabrikant selber trägt.

Die kleine Einrichtung plakatiert so nett etwas, was sich vorher gar nicht so bemerkbar gemacht hatte. Nämlich: das Allererste, was ein Erdenbewohner von heute tut, wenn irgend etwas passiert ist: er schreibt. Zunächst schreibt ers mal auf – der Rest wird sich dann schon finden.

Die primitiven Völkerstämme reißen die erstaunten Augen auf, wenn der weiße Gott und Fremdling ihnen zum erstenmal in ihrem Inseldasein einen Radioapparat vorführt; sie gucken. Und hören. Und riechen. Die Primitiven! Die fortgeschrittenere Welt schreibt.

Der Schreibhaken guckt jedem fürwitzig aus der Brusttasche und sagt: »Deine Adresse werde ich mir aufschreiben, Mitbruder, deinen Schneider, den letzten Witz, den du mir erzählst, einen Renntip und die Adresse für die billigen Krawatten. Alles will ich mir aufschreiben, Bruder! Die Reiseroute für das nächste Jahr und die billige Ruine und den historischen Gasthof- oder war es umgekehrt? –, die neuen Posttarife und das stumme Gebet aller Zivilisierten will ich mir ins Büchlein eintragen: alle deine Telefonnummern, Mitbruder! Alles will ich mir aufschreiben!

Ich will nicht zusehen und zuhören schon gar nicht, Bruder – dazu habe ich keine Zeit. Sage mir den Extrakt dessen, was du zu sagen hast – und ich will ihn aufschreiben. Du bist in der Bretagne gewesen? Sag nur an: Adressen, Preise und Eisenbahnverbindung – ich will sie aufschreiben. Du hast eine sehr freundliche Freundin? Laß ihre Telefonnummer im Gespräch fallen, o Bruder – ich will sie mir aufschreiben. Sag, wann wir uns treffen wollen und wann wir uns nicht treffen wollen – sag an den Posten Möbel, um den wir noch auseinander sind – und sag an, wie der Herr heißt, bei dem ich ein gutes Wort für dich einlegen soll – ich will mir alles, alles aufschreiben!«

Tausend gezückte Bleistifte und Füllfederhalter in Berlin; Zehntausende in Europa: es kritzelt die sangesfrohe Provence auf den Viehmärkten und bei Grundstücksabschlüssen, es fuhrwerkt der normannische Bauer ungefüge mit dem Graphit umher; der wassertriefende schottische Fischer hält den Schreibstift im Sturm zwischen den Zähnen, es notiert emsig der Sowjetbeamte. Zehntausende von Bleistiften über Asien: es knirscht das Papier unter den Federn der Geishas; ernste Brahmanen rechnen lange Zahlen zusammen und murmeln die Resultate wie Segenssprüche; es malen die Siamleute, und es zeichnen die Kreolen beim Handel und beim Reiswein. Und Australien! Und Afrika, wo die Affen im Busch mit der Spitze ihrer Schwänze auf den Bananenblättern Spottbriefe gegen den Elefanten schreiben; der hinzukommende weiße Forscher siehts, bleibt ganz ernst und schreibt sichs auf ... Und die beiden Amerika! Die ein System erfunden haben, wonach man auch im Schlaf schreiben kann, nur im Schlaf, sogar kurz nach dem Nachmittagsschlaf ... Amerikaner schlafen übrigens nachmittags gar nicht. Sie schreiben.

Der Mensch – wäre zu definieren – ist ein Tier, das schreibt. Dazu dient ihm ein im vorderen Fell angebrachter Haken, den das Schreibewesen in allen Lagen seines Lebens bereithält: wenn es Durst hat und wenn es Hunger hat; zur Abwehr und zur Begrüßung, in den Zeiten der Liebe und im wilden Kampf. Und wenn einmal die Auferstehungstrompete ertönen wird, da sich Nashorn, Gnu und die ringelnden Fadenwürmer um den Thron des Allmächtigen scharen, um ihr Urteil anzuhören, dann wird der Mensch fehlen. Und Gott wird einen Boten senden, der da frage, wo jener bleibe. Und der Bote wird zurückkehren und melden: »Der Mensch, o Herr, liegt im Grab und malt Zeichen auf ein Papier. Er sagt, er habe jetzt keine Zeit. Aber er hat mir versprochen: Er wird sichs aufschreiben!«

 

Bis hierher hatte der männliche Leser eifrig gelesen. Plötzlich greift er an den Haken, reißt ein Stückchen weißen Zeitungsrand ab und malt:

»Emmy – morgen – halb sechs. Eingemachtes mitbringen!« Beinah vergessen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 02.12.1924.





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