›Siegfried‹ oder der geleimte Mann


Jean Giraudoux hat seinen vor Jahren erschienenen Roman ›Siegfried et le Limousin‹ dramatisiert; und wenn mich nicht alles täuscht, ist es wohl das erstemal seit zehn Jahren, dass deutsche Uniformen auf einer pariser Bühne erscheinen, ohne dass die Träger lediglich das böse Element im Stück verkörpern. Das geht in der Comédie des Champs Elysées bei Louis Jouvet vor sich; das Stück heißt ›Siegfried‹, es wird den ganzen Abend von Deutschland gesprochen, weil es in Deutschland, nämlich in Gotha, spielt – und um nichts Geringeres handelt es sich:

Da haben sie in einem deutschen Lazarett einen Mann zusammengeflickt, der hat das Gedächtnis verloren. Langsam kommt er wieder zu sich ... aber das Gedächtnis bleibt fort. Wer ist es? Eva, die deutsche Krankenschwester weiß es nicht ... Ist es ein Deutscher? Ein Franzose? Niemand weiß es. Das kann vorkommen. Nach ein paar Jahren ist dieser Mann, den jene Eva als Deutschen herrichtet und der deutsch spricht, Geheimrat, angehender Diktator eines imaginären deutschen Bundesstaates, ganz Deutschlands ... das dürfte eben nicht ganz wahrscheinlich sein. Sein politischer Gegner, ein romantischer Baron mit Radmantel, weiß, wer der neue Geheimrat in Wahrheit ist: ein französischer Literat, Jacques Forestier; er hat ihn vor dem Kriege gekannt, läßt dessen Freundin Geneviève aus Frankreich kommen, ›Siegfried‹ soll von ihr identifiziert werden, der Staatsstreich kommt dazwischen, hinter der Kulisse geht ein Schuß los, und der gefangene romantische Baron schreit dem Siegfried ins Gesicht, wer er ist. Bumm! Oder, wie Jacques jetzt sagen würde: »ça y est –!« Und trotz der beschwörenden Bitte der Generale fährt er mit seiner Geneviève nach Frankreich zurück, jene Eva in Deutschland lassend ...

Daß das eine in den kriegführenden Ländern nicht geradezu alltäglich zu nennende Handlung genannt werden dürfte, weiß Giraudoux natürlich ganz genau. Im Buch ist sie Vorwand zu Exkursen über Deutschland und Frankreich, ihre Entfernung und ihre Nähe, ihre unglückliche Liebe und ihren glücklichen Haß ... auf der Bühne kommt der Zuschauer von der Handlung nicht los, und das ist nicht sehr schön. Denn was ein Mann zu tun hat, der von der Erde auf den Mond fällt und wieder zurück, und ob er verpflichtet ist, seinen Regenschirm, den er dort oben (oder unten) vergessen hat, zurückzuholen, das sind nicht gerade Fragen, die uns bewegen – obgleich sie für den Mann und den Regenschirm ihre Wichtigkeit haben. Soweit diese Handlung überhaupt gestaltet ist, glaubt man sie nicht; sie ist übrigens dramatisch nicht sehr stark gestaltet, wie ja überhaupt erfundene politische Aktionen immer etwas Starres an sich haben; hätte die französische Revolution nicht stattgefunden, und erfände sie einer, so wäre sie ein schlechtes Stück ... Politische Ereignisse sind nur dann erträglich, wenn sie wahr sind.

Was gestaltet ist, scheint mir nicht sehr kräftig. Was gesprochen wird, ist höchst interessant. Es zeigt uns, wie wir uns in einem andern Volk spiegeln, und das ist immer gut zu wissen. Jean Giraudoux ist ein kultivierter, kenntnisreicher und guter Schriftsteller, der sich durch Deutschland bewegt fühlt; ein Induktionsstrom geht durch sein Herz, er will verstehen, verstehen machen, und er wird gewiß, wenn er dieses liest, sagen: »Man hat mich nicht verstanden.« Warum nicht –?

Weil dieses Stück aufs neue zeigt, wie weit es noch immer von Paris nach Berlin ist, und wieviel noch geschehen muß, um die Strecke kürzer zu gestalten. Lassen wir die dramatischen Schwächen beiseite: dass Motiv und Wesen dieses Staatsstreiches durch Bühnengeräusche im Grammophon und Kanonenschüsse ersetzt werden; dass die Handlung eine Räuberpistole ist ... darauf kommt es nicht an. Wie stehen wir da–?

Hackenknallend. Sogar der Kammerdiener knallt (und flöge doch im hohen Bogen, wenn ers je in Wirklichkeit täte); die Einzelheiten stimmen nicht, und dergleichen macht mich immer mißtrauisch, denn, denke ich mir, wenn er schon die Äußerlichkeiten nicht gesehen hat, wie will er einem fremden Volk ins Herz sehen? Daß eine Ordonnanz sich ungefragt in ein Offiziersgespräch mengt, ist sehr angenehm demokratisch, aber nicht sehr charakteristisch, dass alle Schauspieler der Erde, wenn sie landfremde Typen nachahmen, immer um drei Etagen zu tief greifen, statt des Grafen höchstens seinen Sekretär, statt der Generalstabsoffiziere höchstens brave Wachtmeister auf die Beine stellen, ist nicht neu, hier aber störend – eine Vorhangschnur ist eben kein Portepee; dass auf hochmodernen Möbeln, die aussehen wie die im Backofen hergestellte Zimmereinrichtung eines Troglodyten, Kissen mit eingestickten Sprüchen liegen, zeigt etwas an: die Unsicherheit des Schildernden. Diese Kissen reden eine beredte Sprache, nur leider nicht die deutsche.

Vieles trifft ins Herz. So, wenn das ältere romantische Deutschland »une conjuration poétique« genannt wird, die nie etwas realisiert hat; wenn sich die zwei Freunde wiedersehen, sie stehen auf verschiedenen Seiten des Teppichs, es ist einen Augenblick still, und zwischen ihnen liegen vier Jahre ... Sehr gut, wie dieser Moment schmerzlichster Rührung mit einem Scherz überbrückt wird; das ist echteste und beste Männerfreundschaft. Über den Abgrund hinweg, Bruder, reich mir die Hand ... !

Dazwischen schwankt der Siegfried, der eigentlich Jacques heißt, hin und her, gezogen von der einen Frau und der andern Frau. (Wie es im Liede heißt: »Frau Wirtin hatt' auch einen Knecht – der war von zwittrigem Geschlecht ... «) Keine sehr gute Figur – immer da komisch, wo es bitter ernstgemeint ist. Aus ihm spricht nicht Deutschland, aber an ihm entzündet sich Deutschland und die beste schauspielerische Leistung des Abends: Valentine Tessier, die Französin, die gekommen ist, ihren Siegfried-Jacques heimzuholen.

Das sind wir hier nicht gewöhnt. Diese Feinheit, diese leisen Töne; der behutsame Takt, mit dem in entscheidenden Herzklopfsituationen das getan wird, was wir dann alle tun: nämlich gar nichts! – Wie sie einmal nur die Augenbrauen hebt, an der Nasenwurzel entsteht eine kleine, schwarze Falte – und das Leid langer, einsamer Jahre ist da – das ist eine Schauspielerin! Nachher in der Erinnerung an Frankreich blitzt und schimmert um sie eine Strahlensonne von Charme; sie wird nicht von ihren bezaubernden Kostümen getragen, sondern sie trägt diese Kostüme, sie spielen mit und sagen dem in der Mitte geleimten Mann: Heimat, Heimat.

Neben ihr steht eine Perle des Jouvetschen Ensembles: Romain Bouquet. Seine kleine, stets ein wenig verschleierte Stimme steckt in einem Kerlchen, das, mit Kneifer, eilig und höflich, den gesunden Menschenverstand Frankreichs repräsentiert; dieser Sancho Pansa braucht nur den Mund aufzumachen, und die Leute lachen, weil er nicht komisch tut, sondern weil er komisch ist, vielleicht kann er gar nichts dafür. Er ist so typisch französisch, so durch und durch Franzose, dass man an ihm erst ganz ermißt, wie sehr das deutsche Gegengewicht fehlt ... Die Deutschen schweben wie riesengroße Schatten dunkel und fast unsichtbar durch das Stück; es treten wohl viele deutsche Figurinen da auf, aber sie sind nicht da ... Vorhanden ist Frankreich. In Jouvet, der eine kleine Rolle eindringlich spielt – vorhanden ist nur Frankreich.

Wie am Schluß auf dem Grenzbahnhof, nach allen den feinen und spitzen und witzigen und literarischen Exkursionen, ein französischer Zollbeamter herumschlappt, da atmen Publikum und Autor auf; es ist, wie wenn sich jemand nach feiner Gesellschaft einen zu engen Kragen abbindet – uff! Der Zöllner ist aber auch herrlich, eine richtige ›Nummer‹, schlau, bürokratisch bis zum Übermaß, maulfaul, geschwätzig und grob, und doch fühlt sich das ganze Haus angeheimelt. Ja, so ist das! Und nun sind wir bei uns zu Hause, endlich! Und als der Zöllner zu dem ungeduldig Wartenden, der nun nach Frankreich hineinspazieren möchte, sagt: »Il est huit heures cinq – on n'entre en France qu' à huit heures trente!«, da freuen sich alle Leute, und ein Heimatschauer geht durchs Haus.

Quer über die Szene des letzten Aktes läuft eine imaginäre Linie: die Grenze. Ich kann nicht sehen, dass Giraudoux sie überschritten hat. Schon, dass er den merkwürdigen Grenzhumor nicht erfaßt hat, spricht dagegen: es stimmt nicht, dass die Zöllner zweier Länder, die doch täglich miteinander arbeiten, sich noch anöden; sie haben im Gegenteil meist eine so merkwürdige, unpathetische, desillusionierende Vertraulichkeit ... Das Stück ist durch und durch französisch, auch noch in den deutschen Figuren.

Hier streckt ein Land einen Fühler aus ... Die Franzosen horchen ... Der Fühler geht ins Leere – es ist der Widerschein Deutschlands in den Wolken, nach dem hier visiert wird, nicht Deutschland. Wir kennen uns nicht. Wir hassen uns falsch: die Nationalisten beider Länder haben sich Schießbudenfiguren aufgebaut, nach denen sie zielen; manchmal fallen auch lebende Menschen diesem amüsanten Sport zum Opfer. Wir lieben uns falsch: die deutsche Vorstellung von Frankreich ist in den meisten Fällen unrichtig und bedarf dringend einer Korrektur. Enthusiasten haben wir und verärgerte Schlaumeier in der Politik, die dem Liebenden auf die Schulter klopfen: »Mir werden Sie nichts erzählen – ich kenne die Brüder.« Diese fatale Schlauheit verkappt reaktionärer Professionals ist zu gar nichts nütze – vielleicht macht man so diplomatische Karriere, aber so bringt man keine Länder zusammen.

Nachbarn sind wir und kümmern uns nicht genug umeinander; Nachbarn sind wir und kennen uns nur aus dem Graben. Wo bist du, Frankreich –? Wo ist Deutschland, das jene suchen? Die Urteile der schnellfertigen Reisenden tun es nicht, die Unterhändler tun es nicht, und die paar Literaten sind nur Vorläufer. Die Schulen können etwas tun und die Universitäten; der Kinderaustausch und der Austausch von Studenten, der völlig steckengeblieben ist; die vernünftige und unvoreingenommene Annäherung zweier Länder, die aufeinander angewiesen sind. Das Stück von Jean Giraudoux ruft, und wir nehmen den Ruf auf: es werde, trotz allem, Licht!

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 23.05.1928.





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