Selbstanzeige


Mein ziemlich guter Freund Kaspar Mauser hat seine Weltbühnen-Gedichte in einen Band hineingesammelt, ihn ›Fromme Gesänge‹ betituliert, als Verfasser Theobald Tiger angegeben und das Ganze bei Felix Lehmann in Charlottenburg erscheinen lassen. Man weiß ja, wie Kritiken zustande kommen – Kaspar Hauser ist ein angetrauter Stiefzwilling des für die ›Weltbühne‹ verblichenen Theobald Tiger, der ist wieder mit mir verwandt, und dann wundert sich noch einer, dass die Gedichte hier lobend erwähnt werden! Da kann selbst Hasenschiller noch lernen.

Weil der p. Hauser aber auch mich angedichtet hat, und weil die Gedichte wirklich fast alle in der ›Weltbühne‹ gestanden haben, sei hier eine kleine Selbstanzeige erlaubt.

Der politische Versemacher hats nicht leicht. Er soll jede Woche seinen Purzelbaum schlagen, und ich glaube, dass das ›Wochengedicht‹ dann, wenn es ›das‹ Thema der Woche behandelt, ein purer Schwindel ist. Es gibt fast niemals nur ein Thema – es gibt immer sechs. So ist also das Büchlein nichts als der Spiegel, in dem sich die Welt von acht Jahren abbilden, und obs ein Konvex- oder Konkav-Spiegel ist, das mögen Berufenere entscheiden. Sie sind alle über einen Löffel halbiert, die Gedichte, ein einziger Ton geht durch das Buch, und eine Melodie singt. Wem sie gefallen hat, der wird wissen, was ihn in dem Bändchen erwartet. Wirklich neu ist die Gattung nicht – der alte Ludwig Thoma hat dergleichen auch schon ganz hübsch gemacht, und manchmal ganz prachtvoll. Auch Doktor Owlglaß wäre als Papa zu nennen. Neu ist nur die Gattung ›Die blaue Blume‹ – eine Abteilung, auf die der p. Hauser besonders stolz ist; besingt sie doch ziemlich zum ersten Mal das erotische Problem (ist es eins?) auf eine zart ironische Weise. War das schon da? Hauser kennts kaum.

Und nun wollen wir einmal ein Terzett anstimmen, Panter, Tiger und Hauser, und uns zu dritt einen singen: Wir wollen dem Herausgeber unsern Dank sagen für das, was er in acht langen Jahren an uns getan hat. Er hat uns gedruckt, wie wir noch so klein gewesen sind, und er hat – geh mal raus, S. J., dass Du das nicht hörst! – uns erst zu dem gemacht, was wir heute sind. Er hat mit uns und an uns gearbeitet und hat uns nicht nur gedruckt, sondern gefördert. Annehmen und zurückschicken kann schließlich jeder Redakteur – aber einen Baum begießen, dass er wächst, aber ein wildes Tigertier aufziehen, das kann nicht jeder. Und wenn wir heute die blauangemalte Flöte so geläufig zu blasen verstehen, so verdanken wir das alle drei vor allem dem Herausgeber. Panter! Tiger! Hauser! Angetreten! Ausrichten! Tiger, Kopf hoch, Panter, Hinterteil still halten! – die Augen links! (Der Herausgeber von rechts): »Guten Morgen, Leute!« – »Guten Morgen, Herr Herausgeber!« (in einer Silbe zu schreien).

Und Dank für alles, was gewesen ist.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 27.11.1919, Nr. 49, S. 678.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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