Die Sekt-Eule


Der Vogel denkt: »Weil dem so ist,

Und weil mich doch der Kater frißt,

So will ich mich denn auch nicht zieren,

Will noch ein wenig quinquilieren.«

Und pfeift sich wirklich etwas vor.

Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Busch


Als aber der Heilige Grotescus, der gerissene Gott, der alten Eule Champagner eingefüllt hatte, da begannen ihre Augen unheimlich zu glühen. Und es währte nicht lange – siehe, da begann der altehrwürdige Vogel auf einem Bein zu hüpfen und unaufhörlich zu lachen. Und er lachte mit gackernder Stimme und kniff abwechselnd das rechte und dann das linke Auge zu, und der schlaue Heilige freute sich diebisch in seinem Gemüte: denn die sonst so schweigsame Matrone plauderte alles aus, was sie wußte. So wurde das Geheimnis der alten Eule verraten.

Abgesehen davon hat Mynona im Verlage Kurt Wolff ein schmales Bändchen Grotesken: ›Schwarz-Weiß-Rot‹ erscheinen lassen – und das Heft bewirkt etwas, was dicke Wälzer an Humor nicht fertig bekommen haben: Man lacht. Man rollt sich. Man trudelt über alle Treppengänge des stolzen Weltenbaus.

Seine Komik ist sehr schwer zu fassen, sie ist ganz unterirdisch. Zunächst fallen einmal alle Hemmungen weg, der Himmel öffnet sich, der liebe Gott selbst streicht sich seinen weißen Bart, aber er und der Bart sind aus Glas, man sieht durch sie hindurch, in den zweiten Himmel, da sitzt Haeckel und liest in einem dicken Buch ›Welträtsel für artige Kinder‹, aber auch er ist gläsern, man sieht weiter, weiter. Und ein himmlisches Feixen durchzieht den Raum.

Daß unsre Erde bei einer solchen Betrachtungsweise nicht immer gut wegkommt, läßt sich wohl denken. Sie wird es verwinden. Aber der Schreck, wenn auch dieses Verwinden schon wieder bespöttelt ist!

Mynona möge mich keines Vollbartes zeihen, wenn ich sage, dass nicht alles künstlerisch geglückt ist. Technisch ist vieles ganz abstrus – viel zu lang, besonders gegen den Schluß der kleinen Geschichten macht sich häufig eine trunkene Schläfrigkeit bemerkbar. Dafür sind viele Passagen, besonders im Andante der Sonaten, hinreißend. So das: » ... nach dem lieben alten Weimar, nebenbei gesagt, saß dort im Wartesaal erster Klasse die stadtbekannte Schwester des weltbekannten Bruders im anmutigen Gespräch mit einer alten Durchlaucht von Rudolstadt; Abnossah hörte grade die Worte: ›Unser Fritz hatte stets eine militärische Haltung, und doch war er sanft, er war mit andern von echt christlicher Sanftmut – wie würde er sich über diesen Krieg gefreut haben! und über das herrliche, ja heilige Buch von Max Scheler!‹ Abnossah schlug vor Schrecken längelang hin.« Bautsch! Und so kommt man in dieser Goetheschen Liebesgeschichte aus dem Schmunzeln (der schönsten Form des Lachens) gar nicht heraus. Es ist gewissermaßen eine Welt in Anführungszeichen; nur je vorn und hinten ein »« und noch ein »« – und sie glänzt ganz und gar in buttriger Heiterkeit.

Und es ist alles da: Herr Boboll, der das Nötigste bei sich hat und der Mitwelt damit aushilft (Thermometer, Barometer, die vielen kleinen Bedürfnisse des Lebens ... ), Herr Boboll, den man auch deklinieren kann: Boboll, Bobolls, Bobolln, Bobolln – und eine wehmütige Erinnerung an Paulum Scheerbart (›Das vertikale Gewerbe‹ – befürchten Sie nichts, Leserin!) und der dativus disputationis ist Ihnen auch da – kurz: nur hereingetreten, meine Allerwertesten!

Das Bändchen kostet achtzig Pfennige. Vielleicht reizt es manchen, sich ›Rosan, der schönen Schutzmannsfrau‹ (auch bei Kurt Wolff) zu verbinden. Sie wird ihm helfen, die große Zeit zu vertreiben.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 04.01.1917, Nr. 1, S. 12.





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