Wenn sie schrieben –!


Ich denke mir immer, dass doch eigentlich grade die falschen Leute schreiben. Wir steuerzahlenden Dichter sitzen da, klopfen uns morgens auf den Bauch und liefern abends tarifvertraglich ab: drei Pfund Roman, acht Liter Essays und vier Kilometer geballter Lyrik, wie gehabt. Das ist gewiß sehr schön und für das Wohl der Nation auch unbedingt erforderlich ... Manche von uns können sogar von ihrem Geschriebenen leben: die schreiben aber dann nicht für die Zeitungen, wo man ihnen nicht ganz so viel zahlt wie den Austragefrauen, sondern sie arbeiten fürs Theater – und da liegen die Dinge gleich ganz anders. Da geht der Verdienst nicht in die Tasche eines habsüchtigen Unternehmers, sondern da sind es gleich zwei: der Theaterdirektor, der die Leute, und der Agenturbesitzer, der das Stück vertreibt. Diese rechnen in dunkeln Nächten ihre Unkosten heraus, addieren und subtrahieren, ziehen – sitt! – einen kleinen Schlußstrich und geben dem Dichter, wie er sich auch wehren möge, unweigerlich manchmal den zehnten Teil dessen, was sie verdient haben. (Weil er doch der Dichter ist.) Das, was übrig bleibt, wenn sich der Direktor und der Agent je ein Stück Rittergut gekauft haben, nennt man Tantiemen. Aber das ist wieder eine andre Geschichte ...

Ja, was ich sagen wollte: es müßten eigentlich ganz andre Leute zu schreiben beginnen. Zum Beispiel die, die etwas erlebt haben. Ich weiß ja: der Dichter erlebt es mehr innerlich. (Aber diese Bandwurmgeschichten will kein Mensch mehr wissen.) Nein, es müßten die Leute schreiben, die wirklich mitten im Leben gestanden haben und nun eine kleine Rückschau vornehmen.

Was wäre das für ein Spaß, wenn einmal Arno Holz aufschriebe, wie es damals in Friedrichshagen zugegangen ist, wie er noch mit Johannes Schlaf zusammengesessen hat, und wie ein junger Mensch – Hauptmann war der werte Name? – angegangen kam ... Und wenn Rudolf Kurtz das Schreiben bekäme, Rudolf Kurtz, der von uns armen Literaten weggegangen ist, unter die Geldverdiener, und der so ganz nebenbei einer der feinsten Schreiber ist – wenn der erzählte, wen er alles in seinem langen Literatenleben schon hat vorübergehen sehen, weil er doch wohl so ziemlich alle Menschen kennt, die es jemals im alten Café des Westens gegeben hat ... Ja, und wie, wenn der Richard aus dem Café des Westens schriebe? Von Erich Mühsam, der da herumsaß, und den die Bayern eingesperrt haben, weil er nicht so viel Menschen hat totschlagen lassen wie Ludendorff. Und wenn Munke-Punke, der Alfred Richard Verlegermeyer, schriebe, der von allen lebenden und toten Dichtem zweierlei Briefe im Pulte hat, folgenden Inhalts. Erster Brief: »Hochzuverehrender Meister! Anliegend übersende ich Ihnen meine achtzehnaktige Pubertätstragödie ›Die Neurose im Tal‹ und werde ich mich freuen, selbe grade Ihrem so kunstsinnigen Urteil unterbreiten zu dürfen.« Zweiter Brief: »Geehrter Herr! Ich hatte mir allerdings gleich gedacht, dass für Sie nur kaufmännische Banausenerwägungen –«

Und wie, wenn Gussy Holl schriebe, von großen Damen und kleinen Mädchen, von Literaten, Chinesen und richtigen Grafen, denen zu begegnen sie die Ehre hatte? Wenn sie alle die schönen Geschichten aufschriebe, die sie unter bösartiger Nachahmung aller darin vorkommenden Akteure zu erzählen pflegt, und die dann nachher unter ›Liebe Weltbühne!‹ das Blättchen zieren –? Und wenn Roda Roda aufschriebe, was er – so, beiläufig und charmant – hinwirft: »Da war mal in Freiberg ein k. u. k. Oberleutnant ... « Und dann kommt eine Geschichte, dass alles unterm Tisch liegt ... Und die Zeitungsleute schreiben nichts aus ihrer Praxis – sie werden sich schön hüten – aber sie hätten schon etwas zu erzählen, wie beispielsweise der kleine K. oder der dicke B ... . Aber der wiegt seinen Ungeheuern Birnenbauch und schiebt die Pfaffenunterlippe vor und freut sich und schweigt. (Weil er sehr klug ist.)

Ach, sie schreiben alle nicht. Und artig und bescheiden gehen wir alle wieder nach Hause und werden in der nächsten Nummer der ›Weltbühne‹ keinen von ihnen antreffen. Dafür aber einen grimmigen Aufsatz gegen den Militarismus von Wrobel und einen von Julius Bab: ›Dostojewski und Büchner‹ (es kann aber auch Bilse sein) – und S. J, wird etwas schreiben, worüber sich die Schauspieler kapott ärgern, weil sie gar nicht drin vorkommen oder weil sie verrissen sind oder weil die andern gelobt sind oder weil sie nicht genug gelobt sind ...

Aber die da oben schreiben nicht. Schade!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 19.01.1912, Nr. 3, S. 79.





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