Bilder auf dem Schreibtisch


Wo die Leute wohl früher ihre Briefe geschrieben haben mögen –? Auf ihren Schreibtischen? Da war kein Platz.

Da stand:

(Bei Verheirateten): Großes Bild von Lisa, kleines Bild von Lisa; großes Bild von Mama und Papa; kleines Bild von Schwiegermama und Schwiegerpapa; Gruppenaufnahme der Kinder; Einzelbilder von Fritzchen, Kurtchen und Kasimirchen; Bild des Vorgesetzten; wenn Tante Jenny zu Besuch kam: einen Tag vor dem Besuch bis eine halbe Stunde nach dem Besuch: Tante Jenny.

(Bei Junggesellen): Hanna, Grete, Margarete, Charlottchen, Claire, Fanny, die Tortilliani; Fräulein Leblanc aus Paris (sagt sie); die Tortilliani in Zivil, Frau von Gelsenbeck, außerordentlich dekolletiert; Änne, Anne, Gertie, Musch.

Wo haben diese Leute ihre Briefe geschrieben? Zwischen dieser Bilderausstellung? Die sich dann auf der golddurchwirkten Decke des Pianos weiter fortsetzte? Sie müssen wohl so geschrieben haben ...

Heute hat sich das geändert. Was steht an Bildern auf den Schreibtischen unserer Zeitgenossen?

Oberster Grundsatz: Je mehr einer zu tun hat, desto leerer ist sein Schreibtisch (Entdecker dieses Grundsatzes: Emil Ludwig). Nur bei Wirrköpfen und Leuten, die ihre Arbeit nicht einteilen können, liegt alles zuhauf: Zeitungspacken, Bücher, Akten, beantwortete Briefe; unbeantwortete Briefe ... sie glauben, das sehe nach Arbeit aus. Es sieht aber bloß nach Unordnung aus. Dann also steht da das Tintenfaß, Füllfeder, Bleistifte, Bürokörbe und Bilder. Bilder? Doch, meist.

Wobei denn festzustellen ist, wie sich, von Künstlern, diesen unordentlichen Bürgern, abgesehen, der Kreis um den Menschen unserer Zeit verkleinert hat: so viel Bilder wie sein Kollege aus den achtziger Jahren könnte er sich gar nicht aufstellen – es käme ihm höchst albern vor. »So stehe ich mit diesen Leuten doch gar nicht ... « Denn aus einem Freundeskreise sind »diese Leute« geworden, und alles ist nun viel nüchterner. Nur nicht sentimental werden. Bilder verstauben.

Mit den Toten ist das etwas anderes. Wer zum Beispiel einen Vater gehabt hat, der ihm zugleich ein Freund gewesen ist –: der soll sich die Erinnerung an ihn, der nicht mehr da ist, nicht nehmen lassen. Manchmal ist so ein Blick zu dem Bild, das den altmodisch gekleideten Mann, braun getönt, zeigt, wie ein Gelöbnis ...

Also gar keine Bilder?

So rigoros gehts meist nicht zu. Doch, da stehen Bilder; einige Bilder, eins, zwei ... Bei Verheirateten, besonders außerhalb Berlins: die Frau. Das erleichtert dem Eintretenden ein gut Teil Menschengeographie; man weiß gleich, wo und wie ... Was einem das Gesicht des Mannes nicht zeigt, das sagt einem das der Frau. Es ist ja immerhin nicht ganz uncharakteristisch, neben wem man zwölf Jahre, Kopfkissen an Kopfkissen, zu ruhen geruht. (»Bitte, wir haben zwei Schlafzimmer, Herr Panter!« – Ja, darüber kann ich mich jetzt nicht so aussprechen ... ) Also: die Frau. Und, was ja sehr rührend ist, aber, wie alle Vaterliebe im Gegensatz zur Mutterliebe, immer einen winzigen Schein von Komik hat: Kinderbilder. Aber dann ist es auch aus. Nur eitle Knaben, die auf Hebung ihres Sexualkredits bedacht sind, bauen sich da noch nach alter schlechter Sitte Ludmillan auf, damits auch gleich jeder sieht; damit man es weiß, was er für ein Kerl ist, wen er »hat« ... Ich denke immer von so einem Mann: nun wird er gleich aufstehen und sagen: »Teufelsweib, das!« In Gedanken sagt ers vielleicht.

Ja, was soll da auf den Schreibtischen auch wirklich noch stehen? Die Zeit dieser frauensammelnden Junggesellen ist doch vorüber; der Doktor Brupbacher aus der Schweiz nennt diesen Typus sehr amüsant »Geschlechts-Reisende«. Ein Mann von Geschmack baut sich ja nicht ein ganzes Bilder-Archiv von Damen auf, die Trophäen seiner Männlichkeit ... nein, gar nicht. Und die gesamte Kollegenschaft? Hm –

Wir von heute haben da, glaube ich, ein ganz richtiges und gesundes Gefühl. Bilder fördern nämlich die Erinnerung in dem Grade, wie man wohl glaubt; man sieht zum Schluß gar nicht mehr hin. Die Gesichter gehen in die Gewohnheit ein ... gewiß ... aber die wahre Liebe ist es nicht. Die Erinnerung ohne Bild arbeitet viel stärker und zuverlässiger, weil sie unzuverlässiger arbeitet. »Die Erinnerung« spricht der Weise, »wirkt wie das Sammlungsglas in der Kamera obskura! sie zieht alles zusammen und bringt dadurch ein viel schöneres Bild hervor, als sein Original ist.« Erinnerung verklärt ... so schön kann keiner, keine sein wie das Bild, das wir uns selber, fern vom Objekt, machen ... Und da sollen wir uns ein Bild aufbauen –? Wer von Hause aus besoffen ist, braucht wenig Wein, und wer sich ein Herz bewahrt hat, braucht keinen Fotografen. Es paßt auch nicht in die Zeit.

Du sprichst so weise, Peter. Du sagst es alles, wie es ist, Peter. Du kluger Peter. Und was steht auf deinem Schreibtisch?

Na ja.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 26.03.1930, Nr. 144.





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