Briefbeilagen



Die Schimeckische


Den ganzen Tag über habe ich schon furchtbar wichtig getan, und wenn Du gefragt hast, wohin wir abends gehen, habe ich es nicht gesagt, sondern mich in Schweigen gehüllt oder dunkle Andeutungen von unerhörten Spaßen zum besten gegeben. Du hast sogar schon einmal mit dem Fuß aufgestampft (was Du doch nie tun sollst!) – aber Du hast es doch nicht erfahren. Auch noch nicht, als ich Dir im Hotel den Theatermantel um die Schultern lege. Auch noch nicht in der Droschke. Und erst, als wir im Parkett sitzen und Du guckst und guckst – den Theaterzettel halte ich fest in der Hand –, und als ich sage: »Nu wenn schon, bittä!«, da weißt Du, dass es Pallenberg wird und seine Schimeckische.

Es beginnt. Du machst Deine Theateraugen: ganz blau und ganz groß. Aber noch ist gar nichts. Die da oben reden und agieren und nennen sich mit Namen, dass man weiß, wer sie sind, einer im Publikum lacht, ich sitze unbeweglich. Du siehst durchs Glas und sagst nichts. Und auf einmal geht die Bühnentür auf und herein kommt – der kleine Stubs, den ich Dir gebe, ist ganz überflüssig. Das gibt es in ganz Europa und Slavonien nicht noch einmal. Eine Mischung von beleidigtem Seehund und Hintertreppennapoleon, ein kleiner König auf Rädern, die geliebten Goldplomben blinken ...

Diese quäkende Trompetenstimme beherrscht sofort das ganze Theater. Es wird unruhig und wieder atemlos still. Und es geht da oben los, dass einem Hören und Sehen vergeht. Alle Minute ist er etwas andres. Gott bewahre, gibt es das. Aber das steht hier gar nicht zur Behandlung ... Die Sprache kobolzt. Ungeahnte Assimilationen tauchen auf (so nach der Melodie: Was ist Epistel? Die Frau von Apostel). Ich habe dieses Meisterwerk feinen deutschen Komödienspiels schon so oft gehört, aber nun komme ich auch unrettbar ins Lachen, rutsche von meinem mühsam bewahrten Ernst sachteken herunter und plansche munter in dem allgemeinen Meer von Fröhlichkeit. Er rast und tobt. Es kommt vor, dass er schnell einen ganzen langen Satz noch einmal rückwärts läuft, weil er vorn auf dem ersten Wort einen I-Punkt nicht mitgesprochen hat. Ordnung muß sein. Und diese Würde! Diese Vorstadtgrandezza! Dieser schneidende Hohn! »Das tät Ihnen so gfallen, Frau Schimäkischä!« Das e ist ausgelöscht aus der Sprache: man hat dafür das weitaus hellere und feinere i (wie in ›Knabi‹) oder das nasale a mit den beiden Tippeln: eine Orgie des ä. Noch in der Pause hast Du nasse Augen.

Und bevor ich fragen kann, ob ich vielleicht zu viel erzählt habe, fängt es wieder an, und ich hänge mit gekreuzten Beinen an den Lippen des geliebten Lehrers und schlichten Menschendarstellers ... man kann nicht mehr jappen. Ich kneife Dich fortgesetzt ins, sagen wir: Bein – das würde sonst unfehlbar eine Palastrevolution setzen, diesmal ruckelst Du nur ein bißchen empört auf Deinem teuren Parkettsitz, und gleich lachst Du wieder, und lachst, lachst und lachst –

»Ich habe das mit meine beiden Ohräpfeln gihört!« kreischt der da oben. Und er ist »von Freude umfangän«, und »sie tänzelt im Opernhäusel«, und der alte Plötz wird lebendig: »Wohin eilest du, mein Kind?« spricht er in schierem Hochdeutsch – und so geht das, bis Du mit dem Operngucker wackelst, und bis zu jenem unsterblich idiotischen Moment, wo Mäxchän den Hut zu spät, doch nicht zu spät, doch zu spät im Zimmer abnimmt; man macht ihn darauf tadelnd aufmerksam, und Fürst Max der Verstopfte, mit Eiseskühle auf den Hut deutend: »Vormals oben, jetzt unten!« (in Firma Hut selige Erben, wahrscheinlich).

Und dann fällt der Vorhang, und Du holst ganz tief Atem, und ich freue mich zweimal über Pallenberg: einmal allein und einmal mit Dir, Du lachst noch in der Garderobe. Und dann zeige ich Dir, junge Frauen haben das gerne, Berlin bei Nacht.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 01.08.1918, Nr. 31, S. 106.





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