Replik


Die kommunistische Überheblichkeit besteht darin, dass ein Mensch, der der Kommunistischen Partei angehört und der Parteisäuberung noch entgangen ist, sich einbildet, dass er alle seine Aufgaben auf dem Wege der kommunistischen Dekretierung lösen könne.

N. Lenin, Rede auf dem 2. Allrussischen Kongreß der Sektionen für politische Aufklärung


»Es ist deshalb unbillig von Wrobel, den Klassenkampf als plakatierte Mordlust und organisierte Quälerei zu bezeichnen.«

Sicherlich wäre das unbillig; so ist er aber gar nicht bezeichnet worden. Sondern ich habe gesagt: Im Menschen steckt ein Grausamkeitstrieb; dieser Trieb gibt sich mitunter als Klassenkampfidee. Ist das richtig –?

Reimer hat recht, wenn er ganze Teile des Oberund Unterbewußtseins als von der Klassenlage gebildet annimmt. Er hat nicht recht, wenn er den ganzen Menschen nur und ausschließlich aus der ökonomischen Lage erklären will. Sein Widerstand gegen solche Anschauung geht sehr tief hinunter.

Nichts nimmt eine Weltanschauung so übel, wie wenn man sie mit einer andern erklären will. Der Marxist will nicht psychoanalysiert werden; der Psychoanalytiker will nicht marxistisch begrenzt werden; jeder will mit seiner Lehre den Schlüssel zum A und O in der Hand haben. Warum? Weil geistige Bewegungen das Bestreben haben, weit über ihre Grenzen zu gehen – sie werden, wie der leider so früh verstorbene Carl Christian Bry das genannt hat, »verkappte Religionen«. Darüber sagt er im Buch gleichen Titels:

»Von außen gesehen ist ja die Lehre von Marx einfach Volkswirtschaftslehre. Er beschreibt die Vorgänge der nationalen und internationalen Wirtschaft wie alle seine Vorgänger. Aber doch mit einem gründlichen Unterschied. Seine Vorgänger suchten den bestehenden Zustand zu verteidigen oder zu verbessern. Marx erst geht darauf aus, indem er doch den Charakter objektiver Darstellung so ängstlich wie ein junger Doktorand zu wahren sucht, aus diesem bestehenden Zustand einen großen, neuen, nie dagewesenen zu entwickeln. Er zuerst setzt an die Stelle der Utopie, die an allen Seiten der Kritik offen steht, etwas, was als verkappte Religion viel stärker wirkt: die Prophezeiung ... Die Utopie erst zur Wissenschaft machen und doch in dieser Wissenschaft durch die Mittel der Prophetie alle Türen zur Utopie offen lassen, nur dass diesmal das Haus einen weit sichern Grund hätte: das hieße aus dem Sozialismus verkappte Religion machen.«

Freud sagt das in seiner letzten Schrift ›Das Unbehagen in der Kultur‹ noch deutlicher, noch klarer und er zeigt darin, dass er sich seiner angeblichen Grenzen sehr wohl bewußt ist. Es ist auch nicht richtig, dass Freud die Grundlagen der Gesellschaft für unabänderlich hält.

»Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung vom Übel gefunden zu haben. Der Mensch ist eindeutig gut, seinem Nächsten wohlgesinnt, aber die Einrichtung des privaten Eigentums hat seine Natur verdorben. Besitz an privaten Gütern gibt dem einen die Macht und damit die Versuchung, den Nächsten zu mißhandeln; der vom Besitz ausgeschlossene muß sich in Feindseligkeit gegen den Unterdrücker auflehnen. Wenn man das Privateigentum aufhebt, alle Güter gemeinsam macht und alle Menschen an deren Genuß teilnehmen läßt, werden Übelwollen und Feindseligkeit unter den Menschen verschwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind, wird keiner Grund haben, in dem andern einen Feind zu sehen; der notwendigen Arbeit werden sich alle bereitwillig unterziehen. Ich habe nichts mit der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung des privaten Eigentums zweckdienlich und vorteilhaft ist. Aber seine psychologische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion zu erkennen. Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiß ein starkes und gewiß nicht das stärkste. An den Unterschieden von Macht und Einfluß, welche die Aggression mißbrauchen, daran hat man nichts geändert, auch an ihrem Wesen nicht. Sie ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden, herrschte fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr armselig war, zeigt sich bereits in der Kinderstube kaum dass das Eigentum seine anale Urform aufgegeben hat, bildet den Bodensatz aller zärtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen, vielleicht mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter zu ihrem männlichen Kind. Räumt man das persönliche Anrecht auf dingliche Güter weg, so bleibt noch das Vorrecht aus sexuellen Beziehungen, das die Quelle der stärksten Mißgunst und der heftigsten Feindseligkeit unter den sonst gleich gestellten Menschen werden muß. Hebt man auch dieses auf durch die völlige Befreiung des Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die Keimzelle der Kultur, so läßt sich zwar nicht voraussehen, welche neuen Wege die Kulturentwicklung einschlagen kann, aber eines darf man erwarten, dass der unzerstörbare Zug der menschlichen Natur ihr auch dorthin folgen wird.«

Ich bin wohl gegen den Verdacht geschützt, den Klassenkampf durch Vorbehalte sabotieren zu wollen; doch entstammen diese Vorbehalte einer tiefen Skepsis und der Lebenserfahrung. Der Klassenkampf ist notwendig. Aber das Paradies auf Erden – das wird er uns nicht bringen.

Der »ideologische Überbau«, den der Marxismus auch seinerseits aufweist, ist für diesen Kampf notwendig; man kann wohl nicht ohne solche Illusionen kämpfen und vor allem nicht einen so grausam schweren Kampf. Aber man erlaube uns, eine Selbsttäuschung auch so zu benennen. Die russische neue Gesellschaftsordnung ist keine Widerlegung dieser Ansicht; dazu ist sie viel zu jung – es hat sich noch keine Erbmasse bilden können. Vorläufig hat dort der Grausamkeitstrieb einen sehr legalen Ablauf: den gegen die Feinde der Sowjetrepublik. Ich gebe mit der größten Bereitwilligkeit zu, dass eine Kollektiverziehung Kollektivcharakter bildet. Aber dass aus einem kräftigen und somit der Erde verwachsenen Volk, wie es das russische ist, eine Schar palmentragender und psalmensingender Engel werden wird, das glaube ich nicht.

Der Mensch ist nicht so böse, wie man manchmal denken sollte. Aber er wird nie so gut werden wie Idealisten sich das denken. Gelingt es den Russen, das tiefste Niveau der Gesellschaftsmitglieder zu heben, so ist das schon sehr viel.

Ich bejahe den Klassenkampf. Ich sehe in ihm keine verkappte Religion.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 22.04.1930, Nr. 17, S. 610.





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