Privatgedichte


Unter dieser merkwürdigen, pleonastischen Bezeichnung hat Ferdinand Hardekopf eine kleine Zahl seiner Verse (bei Kurt Wolff in München) erscheinen lassen.

Vor einer langen Reihe von Jahren, als ich noch klein war, Panter noch mit th schrieb und von meinem Klassenlehrer Professor Schneider in etwas unterrichtet wurde, was er Deutsch nannte und wir mit Recht als die Restbrocken eines trüben Philologenwissens empfanden – damals hat Ferdinand Hardekopf regelmäßig an der ›Schaubühne‹ mitgearbeitet. Sie verdankt ihm einige ihrer entzückendsten Beiträge – mit welcher Leichtigkeit, welcher Anmut, welch fächelnder Ironie waren Literatur, Berlin, Menschen, Reisen und Kunst dargestellt, hingehaucht, zu Pastellen verzaubert! Wer Zeit hat, lese das nach.

Dies Buch beginnt mit den beiden schönsten Liebesgedichten, die mir seit Georg Heyms ›Deine Wimpern, die langen ... ‹ zu Gesicht gekommen sind (das Zitat ist nur eine Zeitbezeichnung). ›Zweifel‹ heißt das erste: »Wie fraglich, ob ich DICH gehalten« – nicht in Prosa zu übersetzen ist der Zweifel des Mannes, wen von den tausend Gestalten einer Frau er da geliebt hat. Nicht in Prosa übersetzt werden zu können: das ist das Kennzeichen eines guten Gedichts. Und auf diese Frage des Mannes, die – wenngleich nicht so formuliert, so überlegen, so leise gleitend, andre wohl auch stellen könnten – folgt die ›Antwort‹, ein Wunder fraulichen Empfindens, ausgedrückt von einem Mann.

 

In allen meinen Scheingestalten

Bin ich nicht Schein: bin ich enthalten!

Ist starr, was strahlt und weht im Lichte?

Wahr ist nur Wandlung der Gesichte.

 

Es blieb mein Mund bei deinem Munde,

Zutiefst bewahr ich unsre Stunde.

Und bin geschmiegt in euer Tasten,

O schöne Hände, die mich faßten.

 

Und hier mag jeder an sein Erlebnis denken, an seinen Zweifel und an ihre Antwort ...

Es sind Übersetzungen in dem Büchlein: ›Je suis la femme – on me connaît‹ von Laforgue und Baudelaires ›Paris am Morgen‹, dasselbe, das Stefan George übersetzt hat –

 

Die Frühwache tönt in den Höfen der Kasernen.

Die Morgenwinde blasen auf den Laternen.

 

und eine Übertragung aus dem Russischen, deren Autor nicht genannt ist:

 

Signalement

 

Organismus: glaubt an Gott.

Schlüsselbein: will himmelwärts.

Um die Lippen: etwas Spott.

Und Revolte schlägt das Herz.

 

Ohne Heimat. Ohne Ziel.

Auch das Alter weiß man nicht.

Höchst verdächtiges Profil.

Geistig blinzelndes Gesicht.

 

Erstaunlich, was alles dieser tiefe Bewunderer Franz Bleis aus der deutschen Sprache herausgeholt hat, Elemente, die tief verborgen in ihr liegen, und die man ihr sonst nicht glaubt, (Den gehackten Expressionismus, das Schimpfwort sei hier am Platze, hat er wirklich nicht nötig.) Und weil wir grade von Franz Blei sprechen: dieser Schriftsteller, der sich in so vielen Fällen bescheiden pseudonym und anonym gibt, sollte viel mehr gelesen werden – wie wenige verfügen über diese Grazie, diese Bildung und diese spielende Leichtigkeit, ein solches Wissen so graziös zu verwerten. Sein neustes Buch ist bei Rösl & Co. erschienen: ›Leben und Traum der Frauen‹ heißt es.

Ihr werdet das Porträt mancher Frau darin finden, die ihr geliebt habt und nun verstehen werdet.

Der Exkurs vom Sohn zum Vater – so einfach ist die Genealogie in diesem Fall allerdings nicht – soll wieder zu Hardekopf zurückführen. Das Büchlein ist wert, dass man es in bestes Leder binden läßt. Du guter Kriegsgewinnler, es ist keine Brunnerei darin! Hardekopf wird lächeln, dünn und sehr superior. Denn so schließt das Buch:

Der Dinge Gutes: Verlaßbarkeit.

Frei – das heißt doch wohl: befreit.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 10.08.1922, Nr. 32, S. 151.





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