Polizei


Polizei sieht auf dem ganzen Kontinent ungefähr so aus:

In einem großen, grauen Gebäude mit unsaubern Korridoren sitzen Männer in Uniformen und unwahrscheinlich staubige Schreiber. Sämtliche Polizeibeamte der mitteleuropäischen Länder haben zuvor ein Examen in Unhöflichkeit abgelegt. Der Polizeibeamte sagt und tut mit unfehlbarem Instinkt das Umständliche, Unerwartete, Schwierigkeitenbereitende, Plänedurchkreuzende. Seine Sprache ist rauh und grob; dass er nicht sofort haut, liegt am Zeitmangel. Der Bürger, Steuerzahler und Familienvater tritt über die Schwelle mit dem Posten davor und merkt erstaunt, dass er draußen ein ungesetzliches, eigentlich gar nicht gestattetes, allzu freies Dasein geführt hat, Schüler in der Pause. Hier drinnen erst ist es richtig. Er schrumpft zu dem Nichts zusammen, das er ist, er hat keine Rechte mehr, bedeutet nichts, ist gar nicht mehr vorhanden. Ungeahnte Verbrechen liegen in der Luft, stets gewitterte; ein peinliches Gefühl, sie entgegen den Vermutungen der Behörde nicht begangen zu haben, überkommt ihn. Zunächst hat er zu warten.

Die Polizei hat den Zeitbegriff aufgehoben. Was in Europa auf allen Polizeiämtern für Arbeitsstunden verwartet werden, ist gar nicht zu sagen. Der arme Untertan braucht den Staat – oder vielmehr: der Staat braucht ihn zu kindlichem Spiel –, und dafür bekommt er zuvörderst einmal eine Arreststrafe: er sitzt seine Papiere auf den Korridoren ab. Tagtäglich warten in der ganzen zivilisierten Welt Hunderte und Tausende stumpfsinnig, erbittert, gelangweilt, gespannt auf einen Büromenschen der Polizei. Es scheint, als ob bei der Neueinrichtung einer Polizeistation alles in Betracht gezogen wird – nur nicht das sie frequentierende Publikum. Wie sich das durch Zimmer, Gänge, Paßstellen, Anmeldebüros durchwindet, ist seine Sache. Ja, es steckt offenbar ein tiefer erzieherischer Wert hinter dieser Nichtachtung: der Zivilist soll fühlen, dass er eine Laus ist, ein elendes Wesen, ein Nichts. Daß er nicht sofort eingesperrt wird, ist das Beste, was ihm überhaupt passieren kann.

Zwei Arbeitsstunden verwartet – in dieser Spanne Zeit könnte man hundert Zeilen einer Odyssee gedichtet, an der Börse Geld verdient, ein Kind angefertigt haben, aufs Land gefahren sein. Nichts da. Warten. Dann – Herz, klopf schneller! – vor den Gewaltigen.

Der Gewaltige verbreitet eine Atmosphäre von Grobheit und schlechter Körperpflege um sich. Martialischer Trutz und ungewaschene Füße geben dem Mann ein eignes Aroma. Eine halbe, von aufmerksam spähenden Augen sofort aufgefangene Kopfbewegung heißt: »Was wollen Sie –?« Es wird gesagt. Erstes Polizeigesetz: »Nein.« Raus. Zweites Polizeigesetz: »Nein. Da müssen Sie erst ... « Raus. Neuer Gang. Neues Warten. Neue Papiere.

Denn ohne Papiere macht der Polizei die ganze Polizei keinen Spaß. Was dieser patriotische Erdteil in den letzten Jahren an Ausweisen, Pässen, Identitätskarten, Anmeldescheinen, Unbedenklichkeitsbescheinigungen, Visen, Erbscheinen, Toten- und Lebendigen-Papieren erfunden hat, zeigt den Selbstzweck des Unternehmens. Es ist töricht, in diesem Wust von Dummheit und Schikane noch nach irgendeinem andern Sinn zu suchen als dem, soundso viel tausend Menschen der Arbeitslosenunterstützung zu entziehen, und daher haben wir Polizeibeamte.

Aber gnade Gott, wenn der Einlaßheischende ein Fremder ist! Was sich dann abspielt, ist schwer zu schildern. Ein Fremder –? Dräuend richtet sich das Polizeiauge auf den Unglücklichen. Ein Fremder! Warum ein Fremder –? Was will der hier –? Ein Spion? Ein Spion. Ein Taschendieb? Alle Fremden sind Taschendiebe. Warum bleibt der Mann nicht zu Hause und nährt sich redlich? Aha! Das werden wir gleich haben – uns entgeht nichts! Und nun gehts los. Anmeldung, Abmeldung, Genehmigung, Erlaubnis, Verweigerung der Erlaubnis, Befristung der Genehmigung – kurz, das alte schöne Wort eines wiener Bezirkskommissärs hat volle Gültigkeit: »Der Wiener hat im Ausland nichts zu suchen!«

Überschreite die Schwelle, und du bist verloren. Hier hören alle Gesetze der Vernunft, der Höflichkeit, der allgemein gültigen Formen völlig auf. Verzaubert bist du. Frage, und es antwortet dir keiner; sie haben eine besondere Krankheit: die Polizeitaubheit. Bitte um Formulare, sie haben keine. Zeige Papiere vor, sie sehen sie nicht. Du schüttelst den Kopf; du glaubtest, du seist ein Mensch. Es ist ein Irrtum. Dich gibt es gar nicht.

Die reichen Leute habens schon besser. Da stehen junge Angestellte mit betreßter Mütze, die warten für den Herrn Baron, werden für die Frau Kommerzienrätin angeschnauzt, bekommen einen roten Kopf für den Herrn Generaldirektor. Der Rest brät in Person im höllischen Feuer.

In der lieben Heimat kommt man noch halbwegs um die Menagerie herum. Braucht man die Polizeilöwen nicht, dann kann es sein, dass sie einen nicht verschlingen. Aber fassungslos steht der Fremde in der Fremde vor so viel Dummheit, Bosheit, Flegelhaftigkeit, vor einem solchen Ausmaß von Niedertracht und Pedanterie. Und fassungslos sucht er die ausländischen Freunde auf und fragt sie: »Aber ... wie ist es möglich ... ?« Und siehe, dieselben Leute, die sonst so nett zu ihm sind, die eben noch mit ihm offen und männlich über Geschäfte, Politik, Frauen und Bücher gesprochen haben, bekommen plötzlich etwas Geducktes im Blick, ein Schimmer von bösem Gewissen geht über sie hin, sie senken die Augen. »Tja ... « Achselzucken. Meist wissen sie gar nicht, was ›ihre‹ Polizei mit den Fremden macht. Helfen können sie nicht. Gute Schüler, die sich schön hüten werden, sich einzumischen, wenn der Lehrer einen aus der letzten Bank beim Wickel hat.

Daß mir jemand meine Uhr stiehlt, geht nicht an – das ist allgemein anerkannt. Daß er mir aber meine Zeit stiehlt, diese meine Zeit, in der ich arbeiten, Geld verdienen, mich meines Lebens freuen will – das gellt sehr wohl an, wenn der Dieb nur einen Helm trägt, eine bunte Mütze, einen Säbel oder, mit aufgeknöpftem Uniformkragen oder im kümmerlichen Zivil, in der Polizeischreibstube sitzt. Gottes Wege sind erforschlich – die der Polizei sind es nicht.

Der Untertan schimpft auf den Obertan, den Polizeimann; es gibt eine ganze Literatur in den Zeitungen, wo in gewundenen Ausdrücken, voll der überlegensten Ironie auf die ›hohe Obrigkeit‹ gescholten wird – immer mit diesem verquetschten Ton in der Kehle: »Wenn er kommt, alle unter die Bänke!« Polizeistaat? Aber das ist ein Pleonasmus.

Denn solange die Menschheit mit aller Gewalt, durch Kapitalismus und Familienglück hindurch, über Eingespunnte und Fliehende hinweg, mit Stacheldraht und Gefangenentransport der imaginären Vorstellung zur Realität verhelfen will, als gäbe es noch Schlagbäume, souveräne Staaten, alte Burgen des Mittelalters, die so tun könnten, als seien sie allein auf der Welt, die nach innen eine Wirtschaftsform nur mit Hilfe von schnappenden Wachthunden aufrechterhalten können, deren gute Laune durch Straflosigkeit legitimer Roheitsdelikte wachgehalten und deren Dienst mit wenig Geld und viel Überschätzung bezahlt wird – solange die Staaten so tun, als stehe nach außen immer noch ein Volk geschlossen hinter ihnen, während jedes doch ökonomisch längst zerfallen ist, aufgeteilt in Nehmende und Gebende, mühelos Arbeitende und mühevoll Arbeitende: so lange haben sie diese Polizei.

 

»Ja, lieber Kolleje, ich habe mir das anjesehn. Namen nennt er nich, er meint ja vielleicht die preußsche Polizei auch – aber Weismann, oder sonst jemand kommt nich vor ... ich glaube, da dringen wir nicht mit durch!«

»Sie meinen, mit dem dolus eventualis ... ?«

»Nee. Mir hat ja erst neulich der Vorsitzende von drüben gesagt: Den Wrobel möchte ich mal vor meine Kammer haben! Ich habe gesagt, ich will mal sehen. Wissen Se, das ist ein ganz objektiver Mann: da kann er sich gratulieren. Aber dieses Mal – da wirds wohl nischt werden. Ich will die Sache im Auge behalten.«

»Ja, sehn Se mal zu! 'n Morjen!«

»'n Morjen!«

Auf Wiedersehn.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 04.09.1924, Nr. 36, S. 351,

wieder in: Mit 5 PS.





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