Paris an der Panke


Dem cand. jur. Zeßner-Rhenaniae wurde in der Gesellschaft ein Rätsel aufgegeben: »Das rate mir: Mit i ists über dir, mit a ein großes Tier, mit u ein kleines Tier!« Weil ers nicht erriet, wurde ihm die Auflösung gesagt: Himmel – Hammel – Hummel. Der Student dachte einen Augenblick nach. »Na ja«, sprach er. »Aber wo ist da die Schweinerei?«


Nach vier Jahren Gottvertrauens und der Überbetonung des Staatsgedankens, nach jener Vorherrschaft der Deutschen ohne Hinterkopf unter besonderer Berücksichtigung der hierorts amtlich anerkannten ethischen Postulate, nach einer Zeit, wo die Nation von der Welt in den Gräben nur amerikanische Explosivstoffe und in den fremden Hauptstädten nur die kalte Schulter der andern zu sehen bekam – nach solcher Isolierung hatte man die Gnade, die so schön bemalten Schlagbäume an den Grenzen wieder aufzumachen. Aber da zeigte sich nun, dass man sie von der andern Seite heruntergelassen hatte, und wir wissen schon seit vier Jahren viel weniger von der Welt, als wir wissen. W.T.B. setzt uns das Ausland nur in bearbeiteter Ausgabe vor (Kinder sollen noch nicht alles erfahren), die deutschen Zeitungen, die schon ihre heimischen Redakteure nicht anständig bezahlen, können sich in Anbetracht der Valuta zu dem Experiment mit wirklich geistig gerichteten Korrespondenten nicht aufschwingen, und zwanzig oder dreißig Männer sehr verschiedenen Formats unterrichten die Presse eines ganzen Landes über alles ›Nichtdeutsche‹. (Was ungefähr der Terminologie entspricht: Die Welt zerfällt in Ziegelsteinfabrikanten und andre Menschen.) Jedenfalls verschließt man sich hierorts nicht mehr der von den Kriegsprofessoren einmal verpönten Anschauung, auch Deutschland benötige ein wenig den Import ... Unter anderm importieren wir zur Zeit französische Lustspiele.

Millionen Deutscher haben an französischen Fronten gekämpft, Hunderttausende haben in französischen Quartieren gelegen – aber die Anschauung über alles Französische hat sich kaum gewandelt. Bei dem Wort ›französisch‹ hat der Normaldeutsche – in den großen Städten und in der Provinz – zunächst eine Assoziation, für die sich der Chauvin damit revanchiert, dass er die Homosexualität ›le vice allemand‹ nennt; der Deutsche weiß ferner, dass die Französin ein stets gepudertes und verludertes Frauenzimmer ist (»Mensch – in Lille!«) – und er lenkt überhaupt bei der Betrachtung alles französischen Wesens den Blick zuerst auf jene Leichtigkeit, die ihm, dem Schwergewichtler in der Liebe, noch immer als Leichtfertigkeit erscheint. Was beginnt nun ein solches Publikum mit französischen Lustspielen, die es jetzt in so großen Quantitäten vorgesetzt bekommt?

Zunächst geht es mit ganz falschen Vorstellungen an die Sache heran. Immer wird einer von zwei Fehlern gemacht: die Stücke werden überschätzt oder unterschätzt.

Die sie überschätzen, suchen im Lustspielfabrikanten den Dichter und begreifen nicht, dass diese belanglosen Plaudereien den Zweck haben, einen Abend, ein Diner, eine Nacht vergnüglich einzuleiten. Claudel oder der große Guitry oder Hauptmann ist kein Horsd'oeuvre zu einem Abendessen. Bernard ist es. Aber diese Überschätzung ist wohl nur ein Literatenfehler.

Die die pariser Komödien unterschätzen, tun dies, weil sie sie zu schwer nehmen. Dann kommt man freilich zu einem falschen Resultat. Bei einer Schlafzimmerszene zu fragen: »Hat der Autor auch erreicht, was er gewollt hat?«, zeugt von einem Stumpfsinn, wie er nur einem schweißhändigen Kandidaten der Philologie gegeben ist (heute: Studienassessor).

Das Publikum aber, dasselbe Publikum, das vor österreichischen Operetten, vor deutschen Schwiegermütterschwänken jubelt, sitzt da und ist von folgenden Erwägungen bewegt:

Also solche Dinger (pluralis sexualis) – solche Dinger gibts natürlich nur in Paris! Sieh mal, eine Kokotte im Hemd! Ach, und da liegen zwei in einem Bett! (Hier gleitet der Blick scheu zu den anwesenden Frauen im Parkett – man ist ihnen nähergerückt, eine Intimität des Erlebnisses ist eingetreten, das Theater ist plötzlich zweischläfrig geworden.) Was hat er gesagt? »Ich schlafe nicht gern allein«? Hihi, sehr gut! Und ein gluckerndes Gelächter läuft die Bänke entlang, das, entlüde es sich laut, dem Gelächter einer Kegelrunde über einen Pfundswitz gleichkäme ... Und wenns aus ist, hat der Billettinhaber alles behalten, was sich ›darauf‹ bezieht, hat alles andre nicht gesehen und erhebt sich mit dem tröstlichen Gefühl: Gehe hin und tue – soweit möglich – desgleichen. Guten Abend!

Nun ist ja das deutsche Publikum seltsam ungewandt, ein Theaterstück im ganzen zu sehen; zu empfinden, dass es in keinem Cabaret ist, wo man ihm mehr oder minder saftige ›Nummern‹ vorsetzt; zu hören, dass Bemerkungen und Aperçus nicht immer um ihrer selbst willen da sind, sondern nur im Rahmen des Ganzen verstanden und aufgenommen werden können – die Leute sitzen bei uns immer da und warten von Witz zu Witz, was kommt. Bei Unterhaltungsstücken ahnt allenfalls ein Bruchteil des Publikums, dass es so etwas wie die Luft eines Stückes gibt. Und nun kann man die feinsten Scherze eines guten Boulevardstücks überhaupt nicht wiedererzählen, weil sie aus der Atmosphäre, aus der Stimmung, aus dem Aufbau eines Auftritts herausgewachsen sind. Enttäuschung auf der ganzen Linie. Eine dicke Zweideutigkeit läßt sich leicht herausschälen, und der Deutsche fühlt sich fast gefoppt, wenn er nicht acht oder zehn Poängten mit nach Hause nehmen kann.

Wenn man bedenkt, dass wir hier in Deutschland, wie die Dinge heute liegen, nur die (nicht einmal moderne) Mittelware des französischen Lustspiels vorgesetzt bekommen; wenn man hinzunimmt, wieviel durch die nicht immer sehr saubere Übersetzung verloren geht; wenn man weiß, wie Regie und Bearbeiter ihr Mögliches tun, um eine Duftigkeit oder selbst eine gute Handwerkerei dem Ungeschmack ihrer Logen anzunähern: so ist man darüber, dass diese Lustspiele hier so falsch aufgefaßt werden, nur deshalb nicht erstaunt, weil man das kennt, worüber sich hier die Leute halb krank lachen: ihren deutschen Schwank.

Ich weiß nicht, ob es diese Scheußlichkeit noch einmal auf der Welt gibt. Eine solche Flut von Witzlosigkeit, eine solche Anhäufung von Dämlichkeit müssen es selbst dem lieben Gott schwer machen, mit den deutschen Schwankfabrikanten beim ewigen Gericht milde zu verfahren. Wenn der Beste noch ins Fegefeuer kommt, sollte er keine Revision einlegen ... Freilich: das Publikum will es so haben, das Publikum kreischt bei Scherzen, über die der Autor nie gelacht hat (das ist wichtiger, als man glaubt) – und es kreischt auch nur im Theater darüber. Der dicke Söderström sagte mir einmal recht hübsch: »Der Schauspieler hat nur recht, weil er eine Stufe höher steht als das Parkett.« Er meinte das Podium der Bühne.

Tausendfach ist vor den Bewohnern der Mietskasernen, vor Männern, die in den Geschäften aufgehen, vor Frauen, die in Körben Gemüse und Klatsch einholen, vor solchen, die Hüte und Klatsch aufprobieren, bis beides sitzt, vor Junggesellen, die gleich komisch in der Amtswürde und beim Balzen sind – vor all diesem Volk tausendfach ausprobiert ist die Wirkung des deutschen Schwanks. Was da alles durcheinandergeht, wenn die Leute lachen, ist kaum zu analysieren: Schadenfreude, Assoziationen mit einer Art Erotik, die nach abgestandenem Bier und ungelüfteten Zimmern muffelt, die Freude, das, was da vorgeht, auch richtig begriffen zu haben und einen Grad schlauer zu sein als der Trottel da oben auf der Bühne, Massenpsychose und jene unausrottbare Neigung, bei Possen seinen Verstand mit dem Schirm in der Garderobe abzugeben.

Und das Lustige ist, dass dieselben Leute, die sich den schlimmsten Unfug einer geistesschwachen Operette behaglich lauwarm über den Bauch laufen lassen, für die Eleganz, die reinliche Arbeit, die leichte Gefälligkeit eines netten Zwiegesprächs auf der Bühne wenig übrig haben. Da sondieren sie, da mikroskopieren strenge Kritiker einen armen Schmetterling und konstatieren: Von Schmelz keine Spur! Aber das ist eine Selbstkritik.

Das, was den an sich völlig belanglosen französischen Stücken hier zum Erfolge verhilft, ist in den meisten Fällen das Falsche. Gewohnt, einen Scherz sorgsam ›vorbereitet‹ serviert zu bekommen, für einen Unfug eine Exposition, für einen Spaß ein Kolleg, sehen sie nicht die fedrige Leichtigkeit der andern. Aber sie lachen doch. Über das, »was bei uns – Gottseidank – nicht vorkommt«; darüber, dass alles in Paris, dem Dorado der Ehemänner mit dem zugekniffenen linken Auge, spielt; darüber, dass man ja auch mal ... immerhin ... und weil die erotischen Schicksale der Schauspielerin immer von allen persönlich miterlebt werden (fällt sie, besitzen sie alle Männer im Theater): so lachen sie auch darüber.

Die gradezu krankhafte Überempfindlichkeit des deutschen Publikums ist hier gelöst. Nie darfst du wagen, einen deutschen Klempnermeister oder einen Geheimen Oberregierungsrat als Schurken auf unsre Bühne zu stellen; jeder ist in einem Verein, und jeder Verein würde sofort, besonders in kleinen Orten, die Aufführung eines solchen Stückes mit der Protestaktion eines Boykotts beantworten – aber Paris? In Paris ist alles möglich! Da sollen ja ... (Getuschel.)

Das ist nicht gut mit den französischen Lustspielen. Auf der einen Seite Literaten, die schwer gekränkt sind, wenn einer einen anständigen Frack besitzt, ihn trägt und kein Wesens davon macht, Seeleningenieure, die vor dem Abendessen ihr kleines Problem haben wollen – auf der andern feist gluckernde Skatbrüder, die sicherlich an Emmy nachher auslassen, was Frau Hansi Arnstaedt angerichtet hat.

Tausend Strömungen sind über dies chaotische Volk dahingebraust – die Oberfläche war immer sehr bewegt, aber in den Tiefen bliebs still. Ich glaube nicht, dass Clauren bei Öllampen anders belacht und beklatscht worden ist als der deutsche Familienschwank von heute bei elektrischem Rampenlicht. Generationen sinken ins Grab – aber es sind dieselben Menschen. Es ändert sich nichts. Renaissance und Naturalismus und Expressionismus und Analytiker und Synthetiker – all das reicht nicht bis auf den Grund des Meeres. Da tummeln sie sich, wie sie sich immer getummelt haben: Gewaltmenschen und Oberkellner und Unteroffiziere, Geschäftsleute und tyrannische Weiber und Bettkaninchen und jene vielen, denen Aufzwingung eines fremden Willens Lust ist (es gibt ihrer mehr, als man weiß) – und die gesteigerte Eigenliebe, mit einem kleinen Menschen dran: es sind immer dieselben, die Alten, die ewig Gleichen.

Wirf ihnen im Deutschland von heute so viel Paris vor, wie du willst: sie werden es immer transponiert sehen, auf ihre Weise, für ihren Hausgebrauch. Made in Germany.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 07.09.1922, Nr. 36, S. 248.





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