Ernst Ottwalt, ›Ruhe und Ordnung‹


Aber ist es gut geworden? Wie kann es gut sein, wenn so viel unbestrafte Verbrecher frei, mehr als frei: belohnt herumlaufen? Man denke etwa an die Mörder und Quäler der Arbeiter aus den Tagen des mitteldeutschen Aufstandes – nicht an jene, die im Bügerkrieg die Proleten offen bekämpften, sondern an: Gefangenenmißhandlungen, Bluturteile, Standgerichte und so fort und so fort. Alles, aber auch alles, was hier über diese Burschen gestanden hat, ist zu milde gewesen. Man lese solche Aufzeichnungen wie die von Ernst Ottwalt ›Ruhe und Ordnung‹ (erschienen im Malik-Verlag zu Berlin). Der Verfasser hätte seine Arbeit nicht ›Roman‹ nennen sollen – es ist ein deutscher Irrtum, zu glauben, dreihundert Seiten im Erzählerton seien schon ein Roman. Es sind stilisierte Tagebuchnotizen. Aber aufschlußreich, so aufschlußreich ...

Der Verfasser ist in den Jahren 1919 und 1920 dabei gewesen, wo es Klamauk gab, wo geschossen wurde, wo es Geld zu verdienen gab ... frisch von der Penne herunter ist er zu jener großen Firma gelaufen, die ›Ruhe und Ordnung‹ vertrieben hat (o Geist der Sprache!) – und das schildert er. »Es ist erst elf Uhr, aber da die Straßen um acht Uhr gesperrt werden, ist nur noch in wenigen Fenstern Licht. Wir schreien trotzdem: ›Straße frei! Fenster zu! Vom Fenster weg!‹ Und das Licht geht aus. Der Mann, der vor mir geht, hebt plötzlich ohne ersichtlichen Grund sein Gewehr und schießt zu einem Haus hinauf. Ein anderer schreit: ›Da, da ist geschossen worden!‹ Und deutet auf ein geschlossenes Fenster im zweiten Stock ... « Das muß ich schon einmal gehört haben ... Aber es handelt sich hier nicht um Herrn Zörgiebel und seine Mannen; hier ist von ihren Vorgängern die Rede.

Man zieht übrigens aus dieser zitierten Stelle, dass die Erlebnisse von gestern in der Empfindung von heute geschrieben sind: der Verfasser hat sich von diesen Verbrechen fortentwickelt, er steht heute politisch aufgeklärt und vernünftig auf der andern Seite, und nun ist in diese Notizen ein Ton gekommen, den er damals nicht gefühlt haben wird. Schade, dass der Mann in jenen Jahren kein Tagebuch geführt hat – es wäre besser gewesen. Die Atmosphäre ist brillant wiedergegeben: die Langeweile, die das Abenteuer sucht, ganz gleich, wo; der dick aufgeblähte Nationalismus von Kerlen, die dieses Wort, das doch neben allem andern auch einen geistigen Inhalt birgt, geschändet haben – und dann einmal, wie ein Blitz, dieser Satz, der eine ganze seelische Welt enthüllt:

»Die paar Schüsse haben unsere Nerven erregt, und Ritter will jetzt in den Puff.« Man kann es nicht kürzer sagen.

Und dann gehen sie auch in den Puff – Halle, Schlamm – und es öffnen sich ein paar Fenster. »Hallo, ihr kleinen Noskes, hierher!« Das muß aber schön sein für den Herrn Oberpräsidenten: so viel Ruhm ... Die Widmung fehlt dem Buch; eine schöne, hübsch gesetzte Widmung:

UNSERN SOZIALDEMOKRATISCHEN AUFTRAGGEBERN IN DANKBARKEIT





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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